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Erschütternde Erzählungen: Ruth Melcer erzählte am Sonntagabend im Rathaus von ihrer Kindheit im KZ Auschwitz. Gabriele Hammermann, Leiterin der Dachauer Gedenkstätte, moderierte das Zeitzeugengespräch. 

Von einer Kindheit in der Auschwitz-Hölle

Zeitzeugin Ruth Melcer: „Wenn ich hier die vielen jungen Leute sehe, gibt mir das wieder Hoffnung“

Die Holocaust-Überlebende Ruth Melcer hat im Rathaus über ihre Erinnerungen an das KZ Auschwitz gesprochen. Ergriffen folgten rund 150 Besucher den Ausführungen der 83-Jährigen – darunter auch Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth.

Dachau – Die Rote Armee öffnete in Auschwitz am 27. Januar 1945 das große Tor des Konzentrationslagers. Und es blieb geöffnet – auch für das neunjährige, blond gelockte Mädchen, das an diesem Tag ganz auf sich allein gestellt war. Ruth Melcer, die kleine, schmale 83-Jährige – das blonde Mädchen von damals – war vergangenen Sonntag, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, ins Dachauer Rathaus gekommen, um über ihre Zeit im KZ Auschwitz zu sprechen. Eine kleine Besonderheit – neben einem Zeitzeugengespräch vergangenen Februar war dies für sie erst der zweite öffentliche Auftritt. „Es freut mich, dass sie das heute tut, was viele nicht mehr können – nämlich von damals erzählen“, sagte die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Claudia Roth, mit Blick auf Ruth Melcer.

Ruth Melcer: „An meine Kindheit vor dem KZ kann ich mich gar nicht erinnern“

„Es gab immer Überlebende, die viel mehr wussten und zu erzählen hatten als ich. Doch nun sehe ich es als meine Pflicht an“, räumte sie ein. An ihre Kindheit vor dem KZ könne sie sich zudem kaum bis gar nicht erinnern. Auch die Erinnerungen der Zeit im KZ Auschwitz-Birkenau seien recht verschwommen. Doch die paar Rückblenden, die Melcer den fast 150 Zuhörern bieten konnte, reichten aus, um ein Bild davon zu bekommen, wie ein Kind den Holocaust wahrnahm.

Ruth Melcer wurde 1935 in Polen geboren. 1939 wurde ihre Heimatstadt von den Deutschen besetzt. „Anwälte, große Kaufleute und andere wichtige Leute wurden direkt erschossen – zur Abschreckung“, weiß Melcer heute. 1942, als sie sieben war, wurde sie mit ihren Eltern in das Zwangsarbeitslager Plizyn verschleppt, wo ihr jüngerer Bruder 1943 ermordet wurde. Auch das erfuhr Melcer erst Jahre später. Vor allem an die „großen Männer mit den großen, schwarzen Hunden und den schwarzen Stiefeln“ kann sich Ruth heute noch gut erinnern. „Ich habe Jahre danach noch Angst vor Hunden gehabt, mein Mann hatte Hunde. Es war nicht die beste Ehe zwischen mir und den Hunden“, scherzte die 83-Jährige sogar.

1944 kam das Mädchen schließlich mit ihrer Familie ins KZ Auschwitz. Dort war Ruth Melcer eines der ersten Kinder. „Uns wurde dort alles genommen“, weiß sie noch genau, „um uns unsere Würde zu nehmen“. Dort wurde sie auch erstmals von ihrer Mutter getrennt.

Eine Aufseherin rettete Ruth Melcer das Leben

Dass es Auschwitz überlebte, verdankte das Kind wohl unter anderem einer Aufseherin, die selbst Häftling war. „Sie hat mich immer beschützt“, weiß Melcer. Die Kleine musste unter anderem nicht zum Appell, wie die anderen Häftlinge. Auf die Frage, ob sie denn stets in Angst lebte, antwortete sie: „Ich weiß nicht, ob mir die Angst bewusst war. Das erste Mal auf mich allein gestellt habe ich mich gefühlt, als die Rote Armee kam.“

Nach der Befreiung überwog daher zunächst die Trauer. Mit einer Kutsche ging es für das Mädchen etwa eineinhalb Stunden lang in der Kälte nach Krakau in ein Kinderheim. Später traf sie wieder auf Mutter und Vater. Auf der Kutsch-Fahrt schwor sich die neunjährige Ruth Melcer: „Ich lass’ mir nichts mehr gefallen!“

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau und Moderatorin des Gesprächs, erzählte: „In unserem Vorgespräch haben Sie mir gesagt, dass Sie nicht glaubten, dass dies jemals wieder passiert.“ Mittlerweile sei sich Ruth Melcer nicht mehr sicher. Doch Claudia Roth gab der 83-Jährigen ein Versprechen: „Nie wieder!“

Dies setze laut Roth jedoch voraus, die Erinnerungen zu erhalten und immer wieder zu vermitteln. Vor allem in einer Zeit, wo Zigeuner und Jude wieder zu Schimpfwörtern würden und AfD-Abgeordnete im Bundestag die Naziherrschaft einen „Fliegenschiss der Deutschen Geschichte“ nennen würden. „Gerade deshalb“, so Roth, „sollte ‚nie wieder’ ein Versprechen sein an Ruth Melcer“!

Die 83-Jährige, die heute als Witwe in München lebt, ist jedoch guter Dinge: „Wenn ich hier die vielen jungen Leute sehe, gibt mir das wieder Hoffnung.“

Miriam Kohr

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