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Eine Herzensangelegenheit: Die beiden Jüdinnen Valeriya Golodyayevska (l.) und Eva Haller waren zu Gast in Dachau.

Projekt „Rent a Jew“: Zwei Jüdinnen in Dachau

Ein Rucksack voller Liebe

„Juden zahlen hier keine Steuern“, „Juden sind geizig“, „Juden bleiben lieber unter sich“ – Eva Haller (69) und Valeriya Golodyayevska (27) kennen viele Vorurteile über die Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft. Weil sie wissen, dass diese oft nur auf Unwissenheit beruhen, haben sie sich dazu entschlossen, an dem Projekt „Rent a Jew“ teilzunehmen. Am Donnerstag hat der Kreisverband Dachau im Bayernbund die beiden beeindruckenden Frauen zu einem interkulturellen Gespräch eingeladen.

Von Nathalie Neuendorf

Dachau – „Rent a Jew“ – „Miete einen Juden“. Das klingt zunächst befremdlich – vielleicht sogar verletzend. Natürlich: Ein Auto kann man mieten. Aber einen gläubigen Juden? Da kann doch etwas nicht ganz stimmen.

Das Projekt „Rent a Jew“ wurde jedoch ganz bewusst vom Jüdischen Medienforum unter diesem provokativen Namen ins Leben gerufen: Denn es geht darum, Begegnungen zwischen Juden und Nichtjuden zu ermöglichen. Dabei vermittelt die Organisation Juden verschiedenen Alters und Lebensgeschichte beispielsweise für Besuche in Schulen, Universitäten oder Kirchengemeinden.

Auch der Kreisverband Dachau des Bayernbunds entschied sich dazu, zwei jüdische Referentinnen nach Dachau einzuladen.

„Man kommt im Alltag mit den jüdischen Gläubigen nur wenig in Kontakt“, erklärt Edgar Forster, der Vorsitzende des Bayernbunds im Landkreis Dachau. „Wir freuen uns daher, dass wir heute in den Dialog mit den beiden Referentinnen treten können.“

Als Einstimmung in den besonderen Abend spielt die russische Musikerin Maria Belanovskaia-Fischer zunächst verschiedene Stücke auf ihrer Domra – einer in der russischen Musik gespielten Laute.

Anschließend ergreift die 69-jährige Jüdin Eva Haller das Wort. Die gebürtige Rumänin leitet seit 2009 ehrenamtlich die Europäische Janusz-Korczak-Akademie in München. „Wir haben schon oft festgestellt, dass viele Menschen überhaupt keine Erfahrungen mit Juden haben. Deshalb wollen wir uns im Rahmen des Projektes ,Rent a Jew‘ mit anderen Menschen austauschen“, sagt Eva Haller. „Natürlich klingt der Name zunächst etwas befremdlich, aber den Sinn und Zweck dieses Projektes finden wir toll. Deshalb haben wir uns auch dazu entschlossen, uns daran zu beteiligen“, erklärt sie.

Die zweite Referentin des Abends, die 27-jährige Jüdin Valeriya Golodyayevska, ergänzt: „Es gibt kein Vortrags-Konzept, nach dem wir vorgehen. Es geht einfach um den Austausch.“ Die 27-Jährige kam im Alter von zwölf Jahren aus der Ukraine nach Deutschland. Das Besondere: Sie ist ursprünglich gar nicht jüdisch erzogen worden: „Mein jüdisches Leben fängt eigentlich erst mit 21 Jahren an“, sagt Golodyayevska und lacht. „Denn ich bin ursprünglich sehr säkular und russisch erzogen worden – auch wenn meine Urgroßeltern Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren.“

2012 entdeckte die 27-Jährige die Janusz-Korczak-Akademie und absolvierte dort ein Praktikum im Projektmanagement. „Mit 21 kam ich hier in Deutschland das erste Mal mit jüdischen Menschen in Berührung. Für das Leben als gläubige Jüdin habe ich mich sozusagen selbst entschieden. Glücklicherweise wurde mir der Einstieg in die jüdische Gemeinde auch von allen, die ich kennenlernte, erleichtert“, sagt die Ukrainerin.

Anders als Valeriya Golodyayevska wurde Eva Haller von Geburt an jüdisch erzogen. Die gebürtige Rumänin wuchs in Wien auf. In den 70er-Jahren verschlug das Schicksal die heute 69-Jährige nach Deutschland. Ein Land, in das Eva Haller ursprünglich niemals ziehen wollte. Denn sie ist die Tochter einer Jüdin, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat.

„Ich bin im Dunstkreis des Holocaust aufgewachsen“, sagt die 69-Jährige. „Meine Mutter hat mir aber nie etwas darüber erzählt. Sie hat eine Art Black-Box über ihre Vergangenheit gelegt.“

Diese Black-Box habe aber ihre Neugier geweckt, sagt Haller. „Ich wollte etwas über diese Zeit wissen. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich dann herausgefunden“, erklärt sie. Und so sei sie zur Rebellin geworden, sagt die 69-Jährige.

Ihre Rebellion richtete sich vor allem gegen das Schweigen ihrer Mutter: „Ich habe sie damit konfrontiert. Immer wieder stellte ich ihr dieselbe Frage: Wie konntet ihr das zulassen? Wie konntet ihr euch so abschlachten lassen?“

Die Antwort, die ihre Mutter ihr daraufhin gegeben hat, habe sie viele Jahre lang nicht verstanden. Sie lautete: „Nur wer verzeihen kann, kann wieder leben.“

Heute lebt die 69-Jährige nach den Worten ihrer Mutter und weiß, was sie bedeuteten: „Mit einem Rucksack voller Hass kann man nicht durchs Leben gehen. Deshalb ist in meinem Rucksack vor allem das eine: Liebe.“

Auf die Frage, wie sich die beiden Referentinnen gefühlt haben, als sie die Einladung nach Dachau bekamen, antwortet Eva Haller: „Ich bin mir voll bewusst, wo ich hier bin. Ich kenne die Dachauer Geschichte. Aber ich trage deswegen keinen Hass in mir. Denn die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern. Aber die Gegenwart und die Zukunft – die können wir alle verändern. Deshalb bin ich hier.“

Damit spielt Eva Haller auch auf die aktuelle politische Situation an: „Der europaweite Rechtsdruck ist meiner Meinung nach durch die starke, teils unkontrollierte Zuwanderung wieder verstärkt aufgekommen“, sagt sie.

Valeriya Golodyayevska ergänzt: „Ganz salopp gesagt: Für manche sind die muslimischen Gläubigen die neuen Juden.“ Aufgrund der Zunahme der muslimischen Bevölkerung sei aber leider auch der Antisemitismus wieder vermehrt ein Thema, sagt die 27-Jährige.

„Ich bin kein politischer Mensch. Aber ich persönlich empfinde die Bedrohung durch manche Muslime größer, als die Bedrohung durch eine Partei wie die AfD“, erklärt die gebürtige Ukrainerin.

Trotzdem dürfe man nie pauschalisieren: „Natürlich haben aber Muslime nicht per se etwas gegen die jüdische Bevölkerung“, sagt Valeriya Golodyayevska mit Nachdruck.

„Vieles basiert einfach auf Unwissenheit“, wendet Eva Haller daraufhin ein. „Leider kommen viele Zuwanderer aus Ländern, die nichts anderes kennen, als Hass gegen Juden. Es ist zum Beispiel tatsächlich schon vorgekommen, dass Leute zu mir kamen und sagten: Ihr Juden seid ja tatsächlich Menschen. Wir dachten, ihr habt Hörner und einen Schwanz – so wie der Teufel. Es ist traurig, aber leider die Realität, dass sie so etwas gelehrt wurden.“

Nicht zuletzt wegen solcher Vorurteile ist es für beide Frauen eine Herzensangelegenheit, in den Dialog mit anderen zu treten. Denn ihnen geht es darum, miteinander statt übereinander zu reden, Fragen auf beiden Seiten zu beantworten und Vorurteile zu beseitigen.

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