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„Wir müssen impfen, was das Zeug hält“

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Von: Nikola Obermeier

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Alexander von Freyburg.
Alexander von Freyburg, Pandemiebeauftragter Arzt und Leitender Oberarzt der Nothilfe. © Helios

Wegen der steigenden Zahl der Corona-Intensivpatienten ist auch das Helios Amper-Klinikum Dachau am Anschlag.

Dachau - Es ist kein Ende in Sicht, im Gegenteil: Es droht die Triage. Was das bedeutet, wie die Mitarbeiter darauf vorbereitet werden, wie jeder einzelne beitragen kann, das zu verhindern, erklärten Alexander von Freyburg, Pandemiebeauftragter Arzt und Leitender Oberarzt der Nothilfe, und Professor Dr. Hjalmar Hagedorn, Ärztlicher Direktor, im Interview.

Bitte erklären Sie einmal die Triage.

Alexander von Freyburg: In der modernen Medizin ist der Begriff Triage ein Standardbegriff, um eine Ersteinschätzung der Behandlungsdringlichkeit im Rettungsdienst und in der Notaufnahme zu definieren. Es ist klar, dass die Ressourcen einer Klinik nicht unendlich sind. Bei der Behandlung muss eine Ersteinschätzung getroffen werden, welcher Patient zuerst behandelt wird.
Ein Beispiel: Ein Patient mit einem Herzinfarkt hat Vorrang vor jemandem mit einem verstauchten Sprunggelenk. Nichtsdestotrotz ist das Ziel dieser Ersteinschätzung, allen Patienten die optimale Behandlung zu bieten, auch wenn eventuell längere Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen – nur bei denjenigen, bei denen sich das Grundproblem in dieser Zeit nicht verschlechtert.

Wie stellt sich die Situation in Pandemie-Zeiten dar?

Alexander von Freyburg: Covid-19-Erkrankte sind teilweise über Wochen hinweg in medizinischer Betreuung – und bei steigenden Infektionen steigt die Anzahl derer, die eine intensivmedizinische Behandlung, aber auch eine normalstationäre Versorgung brauchen. Neben den Covid-19-Patienten müssen natürlich alle anderen Notfälle versorgt werden. Und es müssen auch stationäre Behandlungen durchgeführt werden, die kein Notfall sind, aber nicht mehr verschoben werden können. Ein Beispiel dafür sind Tumor-Operationen.

Gab es bereits Triage-Fälle am Dachauer Krankenhaus? Wann rechnen Sie mit den ersten?

von Freyburg: Bisher konnten alle akutmedizinischen Patienten versorgt werden. Dafür haben wir bereits stationäre Behandlungen, bei denen es möglich war, verschoben. Zudem haben wir die Teams im Intensivmedizinischen Zentrum verstärkt und die Anzahl an belegbaren Betten auf der Covid-Normalstation deutlich erhöht. Durch die Ausrufung des Katastrophenfalls ist es uns auch möglich, Patienten in weiter entfernte Kliniken zu verlegen, die noch freie Behandlungskapazitäten haben. Insgesamt ist aber zu befürchten, dass auch diese Möglichkeiten weniger werden und über kurz oder lang Situationen eintreten, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, um die vorhandenen Ressourcen neu zu verteilen. Wie zeitnah das passieren kann, hängt davon ab, ob die vierte Welle gebrochen und ein weiteres Ansteigen der Infektionszahlen verhindert werden kann.

Wie gut ist das Personal auf die Situation vorbereitet?

Prof. Hjalmar Hagedorn: Wir haben unsere Mitarbeiter aus dem OP und aus anderen Funktionsbereichen bereits in den ersten Corona-Wellen im Intensivmedizinischen Zentrum eingesetzt und entsprechend in die professionelle Handhabung der Geräte und in die laufenden Prozesse eingeführt. Von diesem Wissen und Erfahrungen profitieren nun die Patienten. Emotional sind alle Kolleginnen und Kollegen noch von den ersten drei Wellen mitgenommen. Es ist für uns alle schwer zu verstehen und zu akzeptieren, dass eine erneute Welle an Covid-19-Patienten eine medizinische Versorgung erfordert, obwohl diese durch ausreichend Impfungen hätte vermieden werden können.

Welche Unterstützung bieten Sie dem Personal?

Hagedorn: Um unsere Kolleginnen und Kollegen im Intensivmedizinischen Zentrum zu unterstützen, haben wir Beschäftigte aus anderen Abteilungen dort eingesetzt, zum Beispiel Personal aus dem OP oder der Anästhesie. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aus der Pflege kommen und mittlerweile in anderen Abteilungen beschäftigt sind, unterstützen uns jetzt ebenfalls. Wir haben täglich Meetings mit dem Pflegedirektor, den Kollegen aus OP und Intensiv und den Stationsleitungen, in denen wir aktuelle Einsatzpläne besprechen. Unseren Mitarbeitenden in den Covid-Bereichen bieten wir neben der kostenfreien Versorgung mit Getränken und Speisen im Dienst auch die Möglichkeit, sich nach Belastungssituationen mit unseren Kriseninterventionsteams aus der Klinikseelsorge oder externen Psychologen auszutauschen. Hinzu kommen Angebote aus dem Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Aus den vergangenen Wellen haben wir gelernt, dass alle Beteiligten sehr unterschiedlich auf die Belastungen reagieren und daher individuelle Unterstützungsangebote notwendig sind. Daher sind wir mit Stationsleitungen, Sprechern der Assistenzärzte und anderen Führungskräften im engen Austausch.

Wie viele Covid-Patienten befinden sich aktuell auf der Intensiv- und IMC-Station, und wie viele Patienten haben andere Erkrankungen? Wie alt sind die Corona-Patienten, sind auch geimpfte Personen unter ihnen?

Hagedorn: Aktuell liegen elf Patienten auf unserer Intensivstation, davon sind sechs Patienten an Covid-19 erkrankt und weitere zehn Patienten auf unserer IMC-Station, von denen vier an Covid-19 erkrankt sind. Aktuell sind 70 Prozent der Covid-19-Patienten auf der Intensiv- und IMC-Station nicht geimpft, bei den übrigen handelt es sich um hochvulnerable Patienten, bei denen die zweite Impfung leider mehr als sechs Monate zurückliegt. Das Alter liegt zwischen 31 und 83 Jahren, der Durchschnitt beträgt 57,9 Jahre.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie derzeit auf der Intensiv- und auf der IMC-Station?

Hagedorn: Wir haben dort derzeit 72 aktiv Beschäftigte.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie verloren in den vergangenen Monaten?

Hagedorn: In diesem Jahr haben wir fünf Pflegekräfte auf der IMC und Intensiv verloren. Aber wir konnten glücklicherweise bereits wieder fünf neue Mitarbeiter für diesen Bereich gewinnen.

Wie viele Covid-Patienten sind derzeit auf der Normalstation?

von Freyburg: Aktuell liegen 20 Covid-19-Patienten im Alter zwischen 37 und 95 Jahren auf unserer Normalstation, auch hier ist der überwiegende Anteil der Patienten ungeimpft – bei den Durchbruchsinfektionen handelt es sich ausschließlich um hochbetagte Patienten mit gravierenden Vorerkrankungen, die an Covid-19 erkrankt sind, bevor sie eine dritte Impfung erhalten konnten.

Professor Dr. Hjalmar Hagedorn, Ärztlicher Direktor
Professor Dr. Hjalmar Hagedorn, Ärztlicher Direktor © Helios

Um wie viel Prozent mussten Sie Operationen bereits herunterfahren?

Hagedorn: Wir haben unsere OP-Kapazitäten bereits deutlich reduziert – von sieben auf fünf Säle – um Personal auf der Intensiv- und Überwachungsstation aber auch auf der Covid-19-Station einsetzen zu können. Eine weitere Reduktion auf drei Säle wird geplant, um die Intensivkapazität weiter erhöhen zu können.

Auf wie viele Betten könnten Sie Intensivstation und IMC aufstocken, wenn Sie das Personal hätten?

Hagedorn: Auf der Intensivstation sind 16 Beatmungsplätze verfügbar, auf der IMC 18 Behandlungsplätze.

Was kann man tun, um die Triage zu verhindern?

von Freyburg: Hier ist ein schnelles, eigenverantwortliches und solidarisches Handeln aller nötig. SARS-COV-2 verbreitet sich über Aerosole – überall da, wo Menschen in Kontakt treten, ist das Virus unter uns. Wir müssen weiterhin impfen, was das Zeug hält – das gilt sowohl für die Erst- und Zweitimpfung als auch für die dritte. Nur so können wir vor einer symptomatischen Erkrankung schützen und die Aufnahme auf der Intensivstation oder gar den Tod verhindern. Wichtig ist weiterhin die Einhaltung der AHA+L-Regeln – also Menschenmengen vermeiden, Maske tragen und die Aerosol-Last durch regelmäßiges Lüften reduzieren. Wir appellieren an die Menschen, ihre Kontakte deutlich zu reduzieren.

Hagedorn: Und natürlich gilt weiterhin: Testen, testen, testen – sowohl bei Symptomen mittels PCR-Test, um Covid-19-Erkrankte frühzeitig zu identifizieren und zu isolieren, als auch regelmäßig mittels Antigen-Test, um asymptomatisch Erkrankte zu identifizieren. Auch hier gilt: Kontakte reduzieren und die Möglichkeit dafür zu schaffen, wie zum Beispiel im Homeoffice arbeiten.

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