Dr. Christian Günzel, Versorgungsarzt im Landkreis Dachau
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Dr. Christian Günzel, Versorgungsarzt im Landkreis Dachau

Der Mediziner spricht im Interview über alte Viren, neue Mutanten und realistische Inzidenzen

Dachauer Versorgungsarzt Dr. Christian Günzel: „Wir müssen irgendwann lockern“

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Dr. Christian Günzel, Facharzt für Allgemeinmedizin am Dachauer MVZ und ärztlicher Koordinator in Corona-Fragen für den Landkreis, verteidigt die am Mittwoch von den Ministerpräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel beschlossene Verlängerung des Lockdowns. Das Ziel, die deutschlandweite Inzidenz von 35 zu schaffen, hält er nämlich für realistisch. Dann aber, so betont er im Interview mit der Heimatzeitung, müsse es endlich Lockerungen geben.

Herr Dr. Günzel, zuletzt wurde als Inzidenz-Zielwert die 35 genannt. Ist das im Landkreis Dachau zeitnah und nachhaltig zu schaffen?

Dr. Christian Günzel: Mit dem alten Virus, also der Variante, mit der wir es seit Frühjahr zu tun haben, ist das realistisch, da dürften wir das bald schaffen. Unsere Werte sind konstant am Fallen.

Was sagen Sie persönlich dazu, dass statt der 50 als Zielmarke nun die 35 genannt wird, um bundesweit Lockerungen zuzulassen? Können Sie die Änderung nachvollziehen?

Ja. Wir hatten damals, in der ersten Welle, auch schon immer die 35 als den ersten Wert, ab dem man was machen muss. Bei der Frage, ab wann man lockern kann, muss man meines Erachtens außerdem immer sehen, von wo man herkommt. Wenn man wie wir von einer 240er-Inzidenz in Richtung 35 geht, läuft es gut. Wenn man von 0 auf 35 kommt, hat man ein Problem. Man muss also die Tendenz sehen.

Sie sagen also: Wenn wir die 35 schaffen, kann man lockern?

Ja, dann sollten wir lockern. Weil irgendwann müssen wir auch einfach lockern. Es geht vielen, vielen Menschen im Moment nämlich sehr, sehr schlecht. Ich sehe es in meinem Bekanntenkreis, da gibt es Existenzängste, und in meine Praxis kommen mehr und mehr Leute mit psychischen Problemen. Ein neuer Kurs ist daher geboten und realistisch. Es sei denn, es kommen Mutationen ...

Was passiert dann?

Sagen wir es so: Wenn es in den nächsten vier Wochen gut läuft, dann haben wir eine Inzidenz von 15 bis 20. Wenn es schlecht läuft, dann haben wir 150 oder schlimmer. Was dann passiert, ob es wieder eine Lockdownverlängerung gibt, ist eine politische Entscheidung, das können wir als Landkreis nicht beeinflussen. Dass als Richtwert statt der 50 nun die 35 genannt wurde, ist ja nichts anderes als der Versuch, noch ein bisschen Zeit zu gewinnen.

Aber können wir angesichts der Mutationen im Sommer überhaupt unter 35 bleiben?

Lassen wir das vergangene Jahr doch mal Revue passieren: Wir hatten bei der ersten Welle im März und April eine Inzidenz von 160. Im Juni erinnere ich mich an einen Tag, da war sie bei 0. Die wärmere Jahreszeit hat also bei Viruserkrankungen immer einen positiven Effekt. Hinzu kommt, dass wir mit den Impfungen auf dem aufsteigenden Ast sind, bis Sommer dürften wir mit den Risikogruppen auf alle Fälle durch sein. Die sogenannte zweite Welle, die wir also zuletzt hatten, haben wir im Sommer also auf alle Fälle im Griff. Ich tippe auf eine Inzidenz von 10, das würde ich nur noch als Grundrauschen der Pandemie bezeichnen.

Viele Virologen warnen aber jetzt schon vor einer dritten Welle...

Ja, das wäre dann die Mutanten-Welle, aber da müssen wir jetzt mal noch die nächsten vier Wochen abwarten. Ich bin mir aber relativ sicher, dass dieses Jahr in Summe schöner wird als 2020.

Welche Rolle spielen die Tests in Ihren Szenarien?

Die werden wichtig! Drum versuchen wir auch gerade, die Zahl der Tests wieder ein bisschen nach oben zu drehen. Zuletzt haben wir tatsächlich nur symptomatische Patienten beziehungsweise Kontaktpersonen getestet.

Aber, frei nach Donald Trump: Wenn man mehr testet, bekommt man damit nicht automatisch wieder mehr Fälle und damit eine höhere Inzidenz?

Schon. Aber das Entscheidende ist ja die sogenannte Positivrate der Tests, also der Anteil der positiven Ergebnisse an der Gesamtzahl der Tests, Wenn wir dagegen zu wenig testen, würde die Gefahr steigen, dass wir Fälle übersehen. Gerade in Alten- oder Pflegeeinrichtungen sind Reihentests sehr wichtig.

Kommt das Dachauer Gesundheitsamt derzeit hinterher mit der Kontaktnachverfolgung?

Wir kamen immer hinterher! Wir waren selbst im Dezember nie in der Situation, die Kontrolle verloren zu haben. Allerdings, das geb ich zu, waren wir im Dezember kurz davor.

Kann man also sagen, dass wir im Landkreis Dachau auf der Corona-Zielgeraden sind?

Ich würde lieber von einem Tunnel sprechen, an dessen Ende wir endlich Licht sehen. Allerdings wissen wir nicht, wie lange dieser Tunnel noch ist. Aber, das muss ich festhalten: Wir sehen Licht!

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