Schilderten die dramatische Situation im Klinikum: Alexander von Freyburg (r.) und Hjalmar Hagedorn. hab
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Schilderten die dramatische Situation im Klinikum: Alexander von Freyburg (r.) und Hjalmar Hagedorn. hab

„Vierte Welle hat uns mit großer Wucht erreicht“

Corona-Lage in Hotspot spitzt sich zu: Landrat schildert dramatische Zustände - „Sehen Wand, auf die wir zufahren“

  • Nikola Obermeier
    VonNikola Obermeier
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Im Landkreis Dachau spitzt sich die Corona-Situation weiter zu. Im Klinikum steht die Triage bevor. Rettungsdienste wissen nicht mehr wohin mit Notfallpatienten.

Landkreis – „Jede Bremsung, die wir jetzt machen, wird uns vor der Wand nicht stoppen.“ Mit diesen Worten machte Landrat Stefan Löwl bei einem Pressegespräch auf die dramatische Corona-Lage im Landkreis aufmerksam. Die Zahlen steigen auch hier sprunghaft an, auf der Intensivstation im Helios Amper-Klinikum steht die Triage bevor: Ärzte werden entscheiden müssen, welche Patienten eine lebensrettende Behandlung erhalten und welche nicht (wir berichteten).

Corona in Dachau: Rettungsdienste wissen nicht wohin mit Notfallpatienten

Die Rettungsdienste wissen nicht mehr, wohin mit den Notfallpatienten. Das Gesundheitsamt hat die Nachverfolgung aller Kontaktpersonen aufgegeben. Aber auch die Zahl der Personen, die sich impfen lassen wollen, steigt. Vor dem Rotkreuzheim bildeten sich auch gestern wieder lange Schlangen.

Ab nächster Woche wird nur noch nach Terminvergabe geimpft, die Anmeldung startet ab dem heutigen Samstag über das Portal BayIMCO. Bis Ende November werden 1000 Personen pro Woche geimpft, ab Dezember soll die Zahl der Impfungen auf 3000 pro Woche steigen. Geimpft wird weiterhin über mobile Teams, verteilt im Landkreis, und bei den Hausärzten.

Corona in Dachau: „Vierte Welle hat Landkreis mit großer Wucht und Dynamik erreicht“

„Die vierte Welle hat unseren Landkreis mit großer Wucht und Dynamik erreicht“, sagte Dr. Monika Baumgartner-Schneider, Leiterin des Gesundheitsamtes. Das Infektionsgeschehen sei diffus im ganzen Landkreis verteilt, auch in den Schulen gebe es keinen Hotspot. Von 15 000 Schülern seien zu Beginn der Woche 38 infiziert gewesen – aus 38 Klassen in 17 Schulen.

Die Infektionsketten seien laut Baumgartner-Schneider nicht mehr nachzuverfolgen. „Wir versuchen, Betroffene zeitnah zu informieren und Haushaltsmitglieder zu kontaktieren, aber wir konzentrieren uns auf vulnerable Bereiche wie etwa Mitarbeiter des Krankenhauses oder von Pflegediensten.“ Das Gesundheitsamt setze auf die Eigenverantwortlichkeit der Bürger, dass diese ihre Kontakte selbst informieren.

Corona-Hotspot Dachau: Intensivstation überbelegt - „Müssen Abteilungen schließen“

Die Intensivstation und die Intermediate Care Station (IMC) sind beide überbelegt, wie Ärztlicher Direktor Prof. Hjalmar Hagedorn berichtet. Auf der Intensivstation, die ausgelegt ist auf acht Patienten, befinden sich (Stand Freitagfrüh) zehn. Auf der IMC werden Patienten behandelt, die besondere Überwachung und Betreuung benötigen, aber nicht mehr intensivpflichtig sind, beispielsweise keine künstliche Beatmung benötigen.

Diese Station ist ausgelegt für zehn Patienten, durch Verschieben liegen hier 13 bis 14 Patienten. Hagedorn ergänzte, dass es absehbar sei, „dass wir die Intensivstation erweitern müssen“. Das Problem hierbei seien nicht die Zahl der Betten oder Geräte – sondern der grundsätzliche Personalmangel. „Wir müssen Personal umschichten und Abteilungen schließen“, so Hagedorn. Hauptsächlich werde der Operationstrakt reduziert.

Seit wenigen Tagen gibt es aufgrund der roten Krankenhausampel auch einen Krisenmodus in der Patientenzuweisung von der Rettungsleitstelle, wie Alexander von Freyburg, Leiter der Nothilfe, erklärte: Es wurde angeordnet, dass Rettungsdienste ihre Patienten in das nächstgelegene Krankenhaus fahren müssen – egal ob dieses aufnahmefähig sei oder nicht.

Wegen Corona: Dramatische Zustände bei Rettungsdienst

Dennis Behrendt, Leiter Rettungsdienst des BRK, schilderte ebenso dramatische Zustände. Schwerstkranke Notfallpatienten können derzeit nicht mehr adäquat einer Versorgung zugeführt werden, weil die Transportwege zu aufnahmefähigen Kliniken lang sind. Die Folge seien, dass Patienten lang warten müssen auf Rettungswagen – in Dachau zum Teil 30 Minuten. Martin Noß, Leiter der Rettungswache in Gröbenried, appellierte an die Menschen, den Notruf nur zu wählen, wenn es wirklich notwendig ist. „Das System ist endlich“ – nun drohe der Kollaps.

Ärztesprecher Hans-Ulrich Braun befürchtet Kollateralschäden, weil Patienten nicht zeitnah entsprechend behandelt werden können. Corona-Patienten in Altenheimen werde man möglicherweise gar nicht mehr in ein Krankenhaus einliefern, sondern sie palliativ begleiten. Es werde zu Fällen kommen, „wo wir Patienten zu Hause sterben lassen“.

Braun machte außerdem darauf aufmerksam, dass es bei der Impfstoffnachbestellung zu Verzögerungen kommt. „Wir könnten mehr impfen, wenn wir mehr Impfstoff hätten.“ Aber er beruhigte. Es werde genug Impfstoff geben. Apotheker-Sprecher Maximilian Lernbecher erklärte, dass „die Nachfrage nach Impfungen diese Woche alle überrascht hat“.

Am dezentralen Konzept mit Impfteams in den Gemeinden will der Landkreis festhalten. Laut Versorgungsarzt Christian Günzel sei die Resonanz in den vergangenen Wochen gut gewesen. Um lange Wartezeiten zu verhindern, werde ab nächster Woche nur noch nach Terminvergabe über BayIMCO geimpft sowie in den Arztpraxen, die ihre Impfangebote wieder hochfahren, so Günzel. Löwl prüfe zudem die Einrichtung eines „Drive-in“, das sei logistisch aufwendig.

Corona Hotspot Dachau: Strenge Polizei-Kontrollen - Hohe Strafen drohen

Die Polizei kontrolliert ab sofort zusammen mit dem Landratsamt in Gaststätten, Lokalen und bei Veranstaltungen, sowohl uniformiert als auch in Zivil, ob die Einlassregeln angewandt werden. „Wir werden überwiegend die Einlässe kontrollieren“, sagte Stefan Priller, stellvertretender PI-Leiter. Für den Gewerbetreibenden drohen Strafen bis zu 5000 Euro, für den Gast 250 Euro.

Der Gastronom Michael Groß sprach sich als Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Kreis Dachau gegen eine 2G-Regelung in der Gastronomie und den Hotels aus. Zum einen gehe es bei vielen Wirten um die Existenz, zum anderen habe er die Erfahrung gemacht, dass sowieso nur noch Geimpfte kommen. Landrat Löwl sah es ähnlich: „Faktisch haben wir 2G.“

Corona in Bayern: Appell zu Kontaktreduzierung - „Einfach vernünftig sein“

Über den Appell von Alexander von Freyburg hinaus, „sich testen und impfen zu lassen und sich an die AHA-Regeln zu halten“, bittet Dennis Behrendt die Menschen um folgendes: „Sie sollen die Kontakte reduzieren, auch wenn es erlaubt ist, nicht in die Disco gehen, Menschenansammlungen meiden, Motorradfahren, Skifahren und alles, wo man der Gefahr ausgesetzt ist, sich zu verletzten, vermeiden – einfach vernünftig sein.“

Die Ärzte des Klinikums hoffen auf Solidarität zu ihren Mitarbeitern, die ihren Weihnachtsurlaub canceln, das zweite Weihnachten nicht bei ihren Familien sein werden – während andere zu Tausenden den Faschingsauftakt feiern oder in Bars gehen. „Das ist sehr konträr“, sagte Hagedorn. „Wir sehen die Wand, auf die wir zufahren.“

Anmeldung zur Corona-Impfung

Bürger vereinbaren den Termin über https://impfzentren.bayern/ oder telefonisch unter 116 117. Aktuell sind über 1000 Termine pro Woche im Landkreis in bayimco hinterlegt und können gebucht werden. Das Landratsamt weist dringend darauf hin, dass die Auffrischungsimpfungen erst nach dem vorgegebenen Zeitfenster durchgeführt werden. Die dritte Auffrischungsimpfung wird erst nach sechs Monaten nach der zweiten Impfung verabreicht. Zusätzlich können die Impfungen aber natürlich auch weiterhin bei den niedergelassenen (Kinder-) Ärzten erfolgen.

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