Karte von MD Gelände in Dachau
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40 Schwerlaster täglich transportieren ab Januar Gebäudeschutt und Bodenaushub vom MD-Gelände ab. (Symbolbild)

Bevölkerungswachstum in Dachau

„Wir wollen nicht weiter wachsen“: Weitgehender Stopp von Neubauten in Dachau

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Durch einen Stopp von Neubauten bis 2024 und strenge Regeln bei Nachverdichtungsmaßnahmen möchte die Stadt Dachau das Bevölkerungswachstum begrenzen. Bauwilligen Bürgern droht damit ein Wust an Vorschriften.

Dachau – Einig ist sich der Stadtrat in einem Punkt: Das zuletzt rasante Bevölkerungswachstum Dachaus muss gebremst werden. „Wir wollen nicht weiter wachsen“, brachte es Sören Schneider (SPD) auf den Punkt. Doch wie dieser fromme Wunsch umgesetzt werden soll, darüber herrscht unter den Stadtpolitikern weit weniger Einigkeit. Gertrud Schmidt-Podolsky (CSU) sprach in der Sitzung des Bau- und Planungsausschusses am Dienstag von „grundlegend verschiedenen ideologischen Ansätzen“.

Dabei ist die Ausgangssituation klar: Laut der jüngsten Bevölkerungsprognose wird die Stadt Dachau bis Mitte/Ende der 2030er-Jahre die 60 000-Einwohner-Marke knacken. Und: Schon heute kostet nach einer aktuellen Studie der Sparda-Banken in Zusammenarbeit mit dem Institut der deutschen Wirtschaft und dem Institut für Demoskopie Allensbach der Quadratmeter Wohnen im Landkreis Dachau 5194 Euro – mit Tendenz nach oben.

Die Gretchen-Frage ist also: Wie will der Stadtrat verhindern, dass es in Dachau immer enger wird, ohne den Bürgern vorzuschreiben, auf ihrem eigenen Grund und Boden „nur noch ein Vogelhäusl“ (CSU-Stadtrat Günter Dietz) bauen zu dürfen, aber dennoch dafür zu sorgen, dass für alle Bürger genügend bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht?

Was künftige Wohnbauprojekte betrifft, setzte sich ein SPD-Vorschlag durch, dem Grüne und Bündnis für Dachau zu einer Mehrheit verhalfen. Demnach wird die Entwicklung des MD-Geländes fortgeführt, aber die seit Jahren beschlossene Planung für das Gebiet Augustenfeld in großen Teilen zurückgestellt. Betroffen ist davon der komplette mittlere Bereich, in dem mehrere Wohnhäuser, eine Grünanlage, ein sogenanntes urbanes Zentrum sowie ein Radlparkhaus vorgesehen waren. Lediglich das TSV-Stammgelände soll in diesem Gebiet noch bebaut werden dürfen, damit der Sport, so SPD-Sprecher Schneider, „gedeihen kann“. Ansonsten werden bis 2024 keine neuen Bebauungspläne für Wohnprojekte im Stadtgebiet mehr aufgestellt. Die bereits auf den Weg gebrachten Bauverfahren für die ehemalige Schule Mitterndorf, die Seniorenwohnanlage an der Augsburger Straße, das Projekt Pollnstraße 1 sowie der Neubau der Wohnblöcke an der Fünfkirchner Straße können gemäß dem Beschluss weiterlaufen, da es sich um geförderten Wohnungsbau handelt.

Bauamtsleiter Moritz Reinhold warnte das Gremium vor allzu striktem Verbotsdenken und fragte: „Wollen wir wirklich keinen Meter Baurecht mehr zulassen?“ Auch CSU-Sprecherin Schmidt-Podolsky fand: „Der Baustopp lähmt uns!“ Die Stadträte seien doch Manns und Frau genug, im Einzelfall zu entscheiden, „ob irgendwo 20 oder 30 zusätzliche Wohnungen möglich sind“. Und den Stopp der gut zehn Jahre alten Pläne für Augustenfeld müsse man sich Schmidt-Podolsky zufolge gut überlegen. Klar, diese Entscheidungen seien getroffen worden, da habe es die Pläne für das MD-Gelände noch nicht gegeben; doch das Großprojekt, in das man auch die Bürger eingebunden hatte, auf Eis zu legen, sei eine „Entscheidung, die Generationen betrifft!“

Da sich ein großer Teil des Bevölkerungswachstums der Stadt jedoch auch durch Nachverdichtung ergibt – etwa indem ein Einfamilienhaus auf einem Grundstück abgerissen und mit einem Mehrfamilienhaus ersetzt wird – möchte die Stadt künftig auch hier eine Bremse anlegen. Die Schwierigkeit dabei ist jedoch, dass das aktuelle Baurecht dem Grundstücksbesitzer gewisse Freiheiten einräumt: Die neue Bebauung muss sich nach Paragraph 34 des Baugesetzbuchs lediglich nach „Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche in die nähere Umgebung einfügen und die Erschließung gesichert sein“. Ein Hochhaus an der Richard-Wagner-Straße wäre demnach, um ein Beispiel zu nennen, ausgeschlossen.

Um dennoch schlimmere Auswüchse zu verhindern, will die Stadt nun mit „Leitlinien“ und Verordnungen, etwa einer Baumschutzverordnung, auf die Bauherren einwirken. Während CSU-Rätin Schmidt-Podolsky schon einmal prophezeite, dass Regulierungen aller Art lediglich den Effekt hätten, dass die Stadt regelmäßig teure Gerichtsverfahren würde bestreiten müssen, hielt OB Florian Hartmann dagegen: Natürlich wolle die Stadt mit Regulierungen kein Baurecht beschneiden. Aber, so Hartmann, „wenn wir gar nix regulieren, kostet es uns am Ende noch mehr Geld“.

Siedlungsdruck und Babyboom

Der Siedlungsdruck nicht nur auf Dachau, sondern den gesamten Großraum München ist groß. Da das rasante Bevölkerungswachstum auch teure Auswirkungen auf die örtlichen Infrastrukturen hat – neue Einwohner brauchen schließlich Straßen, Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen – versuchen die Gemeinden gegenzusteuern.

Die Kreisstadt Erding beschloss als erste Kommune der Region im Sommer 2018 eine Wachstumsbremse: Nur noch ein Prozent im Jahr soll die Stadt wachsen. Der Indersdorfer Gemeinderat legte dann ein halbes Jahr später ebenfalls fest, dass die Einwohnerzahl nur um ein Prozent pro Jahr steigen soll.

Im Rest des Landkreises verfolgt man ebenfalls das Ziel des moderaten und qualitätsvollen Wachstums, allerdings ohne eine fixe Prozentzahl zu verfolgen. Wachstum lasse sich eben nicht auf die Kommastelle genau steuern, glaubt Dachaus OB Florian Hartmann. Zusätzlich zum Zuzug gibt es laut Statistik nämlich noch einen anderen – nicht staatlich regulierbaren – Wachstumstreiber: die stetig steigenden Geburtenzahlen.

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