„Naturflächen gehen verloren“, kritisiert Roderich Zauscher. Die Ziele des Projekts „Zwischen Dorf und Metropole“ seien aus den Augen verloren worden. hab „Wenn es so weiter geht, dann haben wir keinen ländlichen Raum mehr, sondern es sieht hier bald aus wie in Pasing.“Roderich Zauscher (Bündnis 90/Die grünen)

Kritik an der Entwicklung des Landkreises

Maßloses Wachstum?

  • schließen

Der Landkreis boomt – immer mehr Menschen ziehen in die Region. Was damit einhergeht: mehr Gewerbegebiete, mehr Infrastruktur, mehr Verkehr. Das Ziel eines maßvollen Wachstums sei schon lange verfehlt, kritisiert Kreisrat Roderich Zauscher. In seinen Augen ist das Projekt „Zwischen Dorf und Metropole“ gescheitert.

Dachau – Gewerbegebiete sprießen wie Pilze aus dem Boden, Äcker müssen Wohnhäusern weichen, der Landkreis boomt. Das gefällt dem Grünen-Kreisrat und BN-Vorsitzenden Roderich Zauscher überhaupt nicht – vor allem, weil sich die Gemeinden im Landkreis nicht an ein Versprechen halten: ein beschlossenes Zukunftsbild.

Vor rund vier Jahren einigten sich die 16 Gemeinden im Landkreis und die Stadt Dachau darauf, wie die Region in Zukunft wachsen soll: „Zwischen Dorf und Metropole“ war der Name der Bürgerbeteiligung. Es war ein Prestigeprojekt: Bürger wurden bei mehreren Diskussionen nach ihrer Meinung gefragt, der Kreisrat beschäftigte sich damals unter Landrat Hansjörg Christmann über zwei Jahre lang mit dem Thema.

Das Ergebnis waren 16 Leitlinien für das Wachstum, im Landkreis zum Beispiel: „Verträgliches Bevölkerungswachstum“, das heißt nur 0,5 bis ein Prozent Bevölkerungswachstum in den Gemeinden. „Das ist uns bisher nicht gelungen“, sagt Landrat Stefan Löwl. Grund dafür: Allein die Zahl der Asylbewerber, die in den vergangenen drei Jahren in den Landkreis gekommen sind, ergaben ein Wachstum von rund einem Prozent.

Die Prognosen gehen davon aus, dass in 20 Jahren 170 000 Menschen im Landkreis leben werden, vor rund 25 Jahren waren es noch 112 000. „Stoppen können wir das Wachstum nicht“, sagt Löwl.

Zauscher ist anderer Meinung. Von einem maßvollen Bevölkerungswachstum sei der Landkreis weit entfernt: „Wenn es so weiter geht, dann haben wir keinen ländlichen Raum mehr, sondern es sieht hier bald aus wie in Pasing.“ Je mehr Großbauprojekte, desto mehr Neubürger. In Kleinberghofen werden zum Beispiel gerade 60 neue Wohnungen gebaut, mindestens 150 neue Bürger würden damit in den 1300-Einwohner-Ort ziehen. Zauscher hat nichts gegen „Zuagroaste“, aber wenn so viele neue Bürger in einem Ort dazukommen hat das Konsequenzen, wie zum Beispiel in Schwabhausen. Dort plant die Gemeinde einen mehrstöckigen Gebäudekomplex mit vier Häusern auf dem VR-Gelände in der Münchner Straße. „Das ist schon massiv für den kleinen Ort“, sagt er. Die Gemeinde Schwabhausen hat in den vergangenen 25 Jahren am meisten zugelegt – mit einem Bevölkerungsplus von 46,5 Prozent (wir haben berichtet).

Grund für das Bevölkerungswachstum seien auch die vielen Gewerbegebiete im Landkreis, sagt Zauscher. Denn durch mehr Gewerbegebiete schaffen die Gemeinden nicht nur mehr Arbeitsplätze und bekommen mehr Gewerbesteuer. Die Folgekosten werden unterschätzt: Mit den neuen Arbeitsplätzen werden auch mehr Wohnungen, Schulen, Kinderbetreuungsplätze und schlussendlich Friedhöfe benötigt. Und landwirtschaftliche Flächen gehen verloren – genauso wie Naturflächen, zum Beispiel im Grüngürtel zwischen Dachau und Karlsfeld. Nur die Ausweisung eines Landschaftsschutzgebiets könnte das Gebiet noch schützen. „Die Entwicklung im Landkreis ist längst aus dem Ruder gelaufen“, sagt Zauscher.

In einem weiteren Punkt sei das Projekt „Zwischen Dorf und Metropole“ gescheitert, so Zauscher: Die Gemeinden haben sich geeinigt, dass sie interkommunale Gewerbegebiete ausweisen, damit zwei Gemeinden etwas von der Gewerbesteuer haben und weniger Fläche verbraucht wird. Zauscher bilanziert vier Jahre nach Verabschiedung des Plans: „Es gibt kein einziges interkommunales Gewerbegebiet im Landkreis“, sagt er. Löwl argumentiert, dass es wegen des derzeitigen Anbindegebots von Gewerbegebieten an einen Ort bisher keine interkommunale Gewerbegebiete gibt. Ein gemeinsames Gewerbegebiet an der Autobahn, zum Beispiel zwischen Bergkirchen und Karlsfeld sei nicht möglich, weil Gewerbe außerhalb von Siedlungen nicht erlaubt ist.

Löwl bestreitet, dass das Projekt „Zwischen Dorf und Metropole“ gescheitert sei: Punkte wie ein attraktives ÖPNV-Angebot oder bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, gehe der Landkreis zum Beispiel mit einem neuen Nahverkehrsplan oder weiteren Sozialwohnungen an.

Das Wachstum im Landkreis Dachau zu stoppen, wäre unsozial, sagt Landrat Löwl: Weniger Wohnraum zu schaffen, würde die Preise nur steigern. Und die Entscheidung, Bauprojekte zu stemmen, liege schließlich bei den Eigentümern. Wo eine Baugenehmigung ist, da ist auch Baurecht.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Kripo ermittelt wegen Tötungsdelikt
Die Polizeiinspektion Dachau hat eine Bilanz über die Einsätze rund um das Volksfest gezogen: Auf dem Volksfestgelände war es eher ruhig, aber in Bars und Kneipen …
Kripo ermittelt wegen Tötungsdelikt
Wer war die Helferin der Helfer?
Überraschung für die Helfer von der Feuerwehr Schwabhausen in einem örtlichen Supermarkt.
Wer war die Helferin der Helfer?
Volles Zelt beim Politischen Volksfest-Dienstag mit Horst Seehofer
Horst Seehofer war gestern Abend der Protagonist des politischen Volksfestdienstags im großen Festzelt. Der Ministerpräsident gab sich charmant und lobte drei Frauen. Er …
Volles Zelt beim Politischen Volksfest-Dienstag mit Horst Seehofer
Polizeigroßeinsatz im Hinterland
Wegen einer Suizidandrohung eines bewaffneten Mannes ist gestern Abend zwischen Wiedenzhausen und Altstetten im Dachauer Hinterland ein Großeinsatz der Polizei ausgelöst …
Polizeigroßeinsatz im Hinterland

Kommentare