Zeitzeugengespräch im Rathaus

Von guten und schlechten Menschen

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hat am Samstagabend ein Zeitzeugengespräch im Rathaus stattgefunden. Volodymyr Iwanowitsch Dshelali sprach dort über seine Zeit in der Gefangenschaft – unter anderem im KZ Dachau.

Dachau – Volodymyr Iwanowitsch Dshelali hat den weiten Weg von der Ukraine zusammen mit seiner Tochter und seinem Enkel auf sich genommen, um bei dem Zeizeugengespräch am Samstagabend von seinem Lebens- und Leidensweg zu berichten. Über 100 Zuhörer versammelten sich im Rathaus, um das Schicksal des mittlerweile 92-jährigen Zeitzeugen zu erfahren. Darunter auch der jüdische KZ-Überlebende Ernst Grube sowie Oberbürgermeister Florian Hartmann.

Dieser forderte in seiner Begrüßungsrede zu Erinnerung und Wachsamkeit auf, denn „die Verpflichtung zum Gedenken ist die Verpflichtung der Nachfahren“. Dies sei gerade in Zeiten des wieder aufflammenden Rechtspopulismus von großer Bedeutung.

Volodymyr Iwanowitsch Dshelali wuchs in einer Stadt im Osten der Ukraine auf. Seine Familie zählte zur griechischen Minderheit. Er war 16 Jahre alt, als der Krieg begann und deutsche Truppen die Sowjetunion überfielen. Dshelali und seine Freunde beschlossen damals, sich am Widerstand zu beteiligen. Sie verteilten Flugblätter an die ukrainische Bevölkerung. „Wir haben auch an den Autos der Deutschen herumgeschraubt, so dass sie nicht mehr fahren“, erzählte Dshelali, dessen Worte von einer Dolmetscherin übersetzt wurden. „Einmal hat es jedoch ein Deutscher bemerkt. An diesem Tag musste ich sehr schnell laufen.“

Im Jahr darauf wurde Dshelali verhaftet und zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Die Verteilung der Häftlinge auf die verschiedenen Lager beschrieb der 92-Jährige so: „Die Deutschen interessierten sich nicht für unsere Namen oder unseren Hintergrund, für sie hat einzig und allein unser Nutzen gezählt, den wir ihnen mit unserer Arbeit erbringen würden.“ So kam der damals 17-jährige Dshelali in ein Eisenhüttenwerk im Saarland, bevor er im Sommer 1942 in das KZ Dachau verschleppt wurde.

In Dachau habe er in den ersten Monaten nicht arbeiten müssen, berichtete der Zeitzeuge. „Sie haben uns in eine Quarantänebaracke mit ausschließlich Jugendlichen gesteckt“, erinnerte sich Dshelali zurück. „Mir kam es so vor, als würden die SS uns zu deutschen Polizisten ausbilden wollen, denn sie haben uns deutsche Volkslieder gezeigt und uns beigebracht, zu marschieren.“ Volodymyr Iwanowitsch Dshelali hatte in dieser Zeit viele Erniedrigungen und Demütigungen erlebt. „Dazu kam, dass die Bedingungen in den Baracken schrecklich waren. Besonders der ewige Hunger.“ Dennoch sei Dachau im Vergleich zum KZ Mauthausen in der Nähe von Linz weniger streng und auch ungefährlicher gewesen.

Nach der Quarantäne wurde Dshelali gezwungen, in einer Schreinerei für die Deutschen zu arbeiten. Doch auch dort nutzte der Jugendliche alle Möglichkeiten, um der Produktion zu schaden. „Als wir herausgefunden haben, dass die Holzkisten, die wir anfertigen sollten, für die Munition vorgesehen waren, haben wir sie nicht mehr so gut gebaut.“

Schließlich wurde Dshelali in ein Außenlager verlegt. Dort gelang ihm zusammen mit zwei Freunden die Flucht. Bei einem Bauernhof in der Nähe des Außenlagers fanden sie Unterschlupf, bis die Amerikaner kamen. Der Bauer, der sie aufnahm, habe drei Jahre lang einen französischen Juden bei sich versteckt, von dem auch Dshelali und seine Freunde bis zur Befreiung nichts wussten. Man könne deswegen nicht pauschal sagen, dass ganz Deutschland schlecht war, betonte der Zeitzeuge: „Es gibt keine guten und schlechten Nationen, sondern lediglich gute und schlechte Menschen!“

Nachdem Volodymyr Iwanowitsch Dshelali in seine Heimat zurückkehren konnte, war er 45 Jahre als Musiklehrer tätig. „Die Musik spielte auch schon während meiner Gefangenschaft in Deutschland eine besondere Rolle.“ Aber auch die Poesie zähle zu seiner großen Leidenschaft. So trug er zum Abschluss des Abends noch eines von seinen 200 Gedichten vor.

Zeitzeugengespräche wie das von Volodymyr Iwanowitsch Dshelali würden uns die Möglichkeit geben, genau zu hören, wie damals alles begann, so Hartmann. „Dadurch haben wir die Möglichkeit, klar zu sehen, wohin Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus in letzter Konsequenz immer führen, und wir haben die Möglichkeit zu verstehen, wie wir solchen Entwicklungen entgegenwirken können.“

Verena Möckl

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