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Und jetzt alle: Zeitzeuge Natan Grossmann (links) singt ein jiddisches Friedenslied, Moderator Ludwig Schmidinger und die Zuhörer stimmen ein. 

Zeitzeuge Natan Grossmann fesselt mit seiner Geschichte und singt mit seinen Zuhörern ein Lied für den Frieden

„Ich wurde am 2. Mai 1945 neu geboren“: Der 92-jährige Zeitzeuge Natan Grossmann fesselt mit seiner Geschichte im Kloster Karmel Heilig Blut in Dachau. Und singt am Ende gemeinsam mit seinen Zuhörern ein bewegendes jiddisches Lied für den Frieden.

Dachau– Er kann kräftig singen. Er kann herzlich lachen. Er kann packend erzählen. Natan Grossmann ist ein Zeitzeuge des Holocaust, der von dem Grauen, das er erlebt hat, ohne Verbitterung berichtet. Und der eine Atmosphäre von Heiterkeit und Zuversicht verbreitet. Am Ende des Abends singen die vielen, die gekommen sind, um ihn zu hören, bewegt ein jiddisches Lied über ein friedliches Zusammenleben.

Grossmann ist 1927 im polnischen Zgierz bei Lódz geboren. Der 92-Jährige schaut in den Saal und findet: „Für mich seid Ihr ja alle noch Jugendliche.“ Er selbst hat noch eine andere Zeitrechnung: „Ich wurde am 2. Mai 1945 neu geboren.“ Das ist auch der Titel des Abends in Kooperation mit der katholischen Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau, mit Ludwig Schmidinger als Moderator. „Das war der Tag, an dem uns die Amerikaner befreit haben.“ Die Stadt Ludwigslust in Mecklenburg hat ihm später in der Tat eine neue Geburtsurkunde ausgestellt – auf dieses Datum.

Der Abend beginnt mit einem Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm „Linie 41“ von Tanja Cummings. Diese Straßenbahn fuhr mitten durch das jüdische Ghetto der Stadt Litzmannstadt, wie die okkupierenden Nationalsozialisten das polnische Lódz genannt hatten.

Nach 70 Jahren macht Grossmann sich auf die Suche nach seinem Bruder und den Spuren seiner Eltern. Er erfährt, dass sein Bruder Ben im Widerstand gefallen ist. Grossmann zeigt der Regisseurin das Haus seiner Eltern: „Das war unser Palast“, sagt er in Anspielung auf die Vorurteile, alle Juden seien reich. „Wir waren alle bitterarm in Osteuropa. Man hat uns nicht vergast, man hat uns nicht erschossen. Man hat uns einfach kein Essen gegeben.“

1942 wird sein Vater ermordet. „Meine Mutter stirbt im gleichen Jahr in meinen Armen, verhungert.“ Grossmann hatte lange ein schlechtes Gewissen, weil er das Brot seiner Mutter angenommen hat. Sie wollte es ihm abgeben. „Das tut jede Mutter“, sagten ihm später Zuhörerinnen.

Der 15-jährige Natan lebt jetzt alleine draußen, Ratten fressen ihn an, er zieht sich Erfrierungen zu. Im August 1944 wird das Ghetto liquidiert und er kommt nach Auschwitz-Birkenau. Wenn er sagt, das habe ihm das Leben gerettet, „dann halten mich die Leute für meschugge“. Als gelernter Schmied wurde er im Lager gebraucht und bekam „eine zweite Suppe, das war meine Rettung.“

Aber nur im Traum konnte er sich richtig satt essen, da hat seine Mutter für ihn gekocht. „Eine Nacht ohne diesen Traum war eine schlechte Nacht.“ Von Auschwitz wird er dann in das KZ-Außenlager Vechelde bei Braunschweig zur Zwangsarbeit in einer Metallfabrik deportiert. Den Todesmarsch nach Ludwigslust im März 1945 überlebt er.

Nach der Befreiung ist ein Gefühl vorherrschend: „Wir wollten Rache.“ Die einzige Option ist für ihn Israel. Er arbeitet in einem Kibbuz und wird ein „ausgezeichneter Bauer“, wie er schmunzelnd bemerkt. Seine Erfrierungen machen ihm zu schaffen. Nur in Deutschland könne ihm geholfen werden. „Das wollte ich nicht, lieber sterbe ich.“    

Dass Natan Grossmann sich dann doch 1961 in München behandeln ließ, war für ihn eine glückliche Wendung. Hier lernt er auch seine Frau kennen, 52 Jahre sind sie jetzt zusammen. Im Krankenhaus trifft er auf junge Männer, die Erfrierungen bei Stalingrad erlitten hatten. „Diese Demagogen haben zwei Holocaust verbrochen. Die eigenen Menschen haben sie zum Erfrieren geschickt und uns haben sie vergast. Sie haben das deutsche Nest beschmutzt.“

Heute ist Grossmann stolz darauf, dass er mit seiner Geschichte dazu beitragen kann, „dass das Nest sauber bleibt. Es gibt ein wunderbares Deutschland.“ So, wie schon David Ben Gurion bei seinem Treffen mit Konrad Adenauer 1952 von einem „anderen Deutschland“ gesprochen hatte.

Grossmann tritt heute entschieden gegen jene an, die sein Schicksal und das von Millionen leugnen. Das macht Mut, auch in Zeiten, die einen manchmal verzagen lassen.

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