Das 30. Erzählcafé

Der Ort für ungewöhnliche Geschichen

16-fache Mutter einer Musikerfamilie, Pilotin in Afrika, Bildreporter im Vietnamkrieg: Rund tausend Zuhörer lauschten den Geschichten, die hinter diesen Persönlichkeiten stecken. Das 30. Erzählcafé der Caritas wurde mit Rätsel, Preise und einem Ehrengast gefeiert.

Traudl Well, die 16-fache Mutter, hatte den Anfang gemacht. Sie erzählte ihre Geschichte. Daraus wurde eine Reihe, die am Samstag zum 30. Mal stattfand: das Erzählcafé. Zu jeder Geschichte gibt es ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee. Im April 2007 fand die erste Veranstaltung dieser Art statt, nun, tausend Besucher später, das 30. Erzählcafé. Zum Jubiläum gab es ein Rätsel für die rund 60 Zuhörer – um eine Hand: Wer ist der Ehrengast?

Alle sahen gebannt auf die Hand. Es war eine unverbrauchte Hand, eine, die noch nicht viele Lebensjahre hinter sich hatte. Besonders groß war sie nicht, doch zu einer Frau schien sie nicht zu gehören. Im Raum herrschte Stille. Handleserin Fransquita sammelte die Energie des Universums in sich. Dann sprudelten die Eingebungen nur so aus ihr heraus. „Ich erkenne eine starke Lebendigkeit in der Hauptlinie“, sagte die Handleserin. Schwarzer Rock, blumige Bluse und glitzernder Turban und schwere Ohrringe zeichnete die frisch ausgebildete „Zigeunerin“ der Caritas Dachau aus. Sie saß auf einem Stuhl, in den Händen hielt sie besagte Hand, die durch einen orangenen Stoff gehalten wurde. „Er scheint noch kein Kandidat für die 50plus-Treffen zu sein.“ Die Hand schien früher mit Bauklötzen gespielt zu haben, viel Hornhaut hätte sie aber nicht vorzuweisen. Sie sah jedoch eine kleine eigene Welt: Er habe dasselbe Hobby wie Ministerpräsident Seehofer. Sie sah für den Ehrengast in die Zukunft. Zwei Möglichkeiten sah sie: Mit seinem geliebten Radl und einem Rucksack wird er die Welt erkunden. Oder – und das hielt die Zigeunerin für wahrscheinlicher – er macht einen Dampflockführerschein und fährt mit einem Sonderzug nach Berlin ein. Für viele war schon lange klar, wer sich da hinter der orangen Box aufhielt. Doch wer das Quiz gewinnen wollte und damit einen Gutschein für ein Frühstück für zwei Personen, der musste die Jahre erraten, in denen der Ehrengast ins Rentenalter eintritt.

Dann trat der Gast auf die Bühne: Arme wurden hochgerissen, in die Hände geklatscht und gejubelt: Oberbürgermeister Florian Hartmann lächelte breit in die Menge. Nun saß er auf dem Stuhl und stellte sich den Fragen vom ehrenamtlichen Interviewer und Organisator Jürgen Poeschel. Bei vielen Aussagen musste das Stadtoberhaupt der Handleserin Recht geben. „Ja, ich teile mit dem Ministerpräsidenten ein Hobby“, er habe ebenfalls eine Modeleisenbahn zuhause stehen. Radeln tut er viel, doch er gab zu „nur im Sommer oder bei schönem Wetter.“ Er reise zwar gerne, „doch länger als ein Monat weg von Dachau möchte ich nicht sein“, sagte er. Lokomotivführer, das war sein Kindheitstraum, studierte schließlich aber doch Maschinenbau. Und Berlin? Er habe in Dachau als OB sehr viel Spaß, trotz der vielen Arbeit und großen Aufgaben. Im Anschluss überreichte Hartmann Ibolya Rieger ihren Preis, sie erriet die 35 Jahre richtig.

Schon im ersten Teil an diesem Samstag beschäftigten sich die Besucher mit einem Rätsel. Die Caritas-Mitarbeiter Christa und Wolfgang Hain lasen fünf Texte vor, die die Anwesenden jeweils einem früheren Erzähler zuordnen sollten. Nun waren die Erinnerungen an frühere Erzähl-Café Besuche gefragt oder geschicktes Zuordnen durch die Galerie im Raum. Mit einer „Portraitgalerie“ brachte Poeschel alle 29 vorherigen Veranstaltungen und ihre Erzähler in Erinnerung. Jeweils ein Blatt mit Fotos und kurzem Text war einem Erzähler gewidmet. Einige davon weilten unter den Zuschauern. In den 15 Minuten Bedenkzeit wurde eifrig nachgelesen und diskutiert. Doch am Ende hatten nur vier der Teilnehmer die richtige Antwort. Erna Dorner wurde schließlich als Gewinnerin gezogen.

Jürgen Poeschel, heute 73 Jahre alt, kam 2007 zum ersten Mal zu einem Treffen der Caritas 50+. Er merkte: „im Kulturbereich ist noch viel Luft nach oben“. Also beschloss der Ehrenamtliche, angelehnt an Veranstaltungen in anderen Städten, das Erzählcafé ins Leben zu rufen. Die Ideen für seine Gäste „fliegen einem zu“, berichtet der Dachauer am Jubiläumstag. Er habe schon ein Dutzend weitere Gäste im Kopf.

 Miriam Kohr

Das nächste Erzählcafé

Am 12. März um 14 Uhr kommt Carlos Benede ins Erzählcafé. Der Ex-Polizist adoptierte zwei Jungen, die ihre Mutter durch eine Straftat der jeweiligen Väter verloren hatten, und gründete den Verein Weitblick Jugendhilfe in Dachau.

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