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Geschichte, die uns nie mehr loslässt

Dachau - Neonazis prügeln einen Afrikaner zu Tode, Jugendliche rufen auf einer Gedenkfeier in einem ehemaligen KZ Gewaltparolen. Soll das passieren, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, die ihre Geschichten aus der NS-Zeit erzählen können? Mit dieser Problematik haben sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt in Dachau beschäftigt.

Dezember 1990: In Eberswalde wird der Afrikaner Amadeu Antonio Kiowa von Neonazis zu Tode geprügelt. Mai 2009: Einige Wiener Schüler hinterlassen bei einer Fahrt ins ehemalige KZ Auschwitz antisemitische Parolen. Mai 2009: Jugendliche tauchen auf der Gedenkfeier im ehemaligen KZ Ebensee mit Sturmhauben und Gewehrattrappen auf und provozieren mit Sieg-Heil-Rufen und dem Hitlergruß.

Manchmal scheint der Holocaust noch lange kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichtsbücher zu sein. In Schule und Unis aber stellt das Thema Lehrer und Professoren vor Probleme: „Unabhängig davon wie viele Stunden im Lehrplan vorgesehen sind, die Zeit reicht nicht“, betont Dr. Robert Sigel, Vertreter der Kultusministerkonferenz und Lehrer am Dachauer JEG, und fragte: Welche Themen können Lehrer ausklammern? Die Todesmärsche? Die Situation in den Ghettos? Die Widerstandsbewegung? Es müssen Werte weitergegeben werden, betont Sigel.

Die Fähigkeit Geschichte zu reflektieren und sich selbständig mehr Wissen anzueignen. Die Wiener Doktorandin Linda Erker sieht die Ursprünge des Problems, den Holocaust an Jugendliche zu vermitteln, bereits an den Unis: bei der Lehrer-Ausbildung. „Es gibt im Studium keinerlei Verpflichtung, sich mit dem Thema zu beschäftigen“, sagt sie kritisch. „Aber einer Geschichte, die qualmt, müssen Lehrer gewachsen sein.“

Erkers These belegte Professor Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, mit Zahlen. Er hat die bayerischen Vorlesungsverzeichnise von 1995 bis 2011 untersucht und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Zahl der Lehrveranstaltungen zum Thema Nationalsozialismus gesteigert hat – nicht aber die Veranstaltungen zum Holocaust. Die Situation der Juden im Dritten Reich wird nur in 11,5 Prozent dieser Kurse behandelt, in nur 7,9 Prozent der Nationalsozialismus-Lehrveranstaltungen steht die Judenvernichtung im Mittelpunkt. „Dabei ist der Holocaust durchaus lehrbar“, findet Wirsching.

Projektleiter Dr. Bernhard Schoßig berichtete in der anschließenden Diskussion aus der Perspektive eines Uni-Lehrbeauftragten. Professoren haben genaue Vorstellungen davon, was ideal wäre, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sagt er. Mehrtätige Exkursionen in ehemalige Konzentrationslager zum Beispiel. „Bei der Umsetzung stoßen wir allerdings an ganz banale Grenzen.“ Es sind organisatorische Grenzen, bedingt durch das Semestersystem und verkompliziert durch die neuen Modul-Studiengänge.

Die Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und den USA, die für das Symposium nach Dachau gekommen waren, diskutierten, welche Forschungstendenzen sich in den vergangenen Jahren abgezeichnet haben und wie sich die deutschsprachige Situation im internationalen Vergleich darstellt. Auch der Nutzen eines eigenen Forschungs- und Lehrinstituts für den Holocaust war ein Thema der zweitägigen Diskussion.

In Nordamerika und Israel gibt es solche Institute bereits, in Wien ist ein Stipendiumprogamm geschaffen worden, um die Forschung auf diesem Gebiet anzuregen. Einig waren sich die Wissenschaftler in einem Punkt: Angehende Lehrer müssen auf der Uni befähigt werden, das Thema Holocaust im Unterricht geeignet aufzuarbeiten.

Ein in England unterrichtender Geschichtslehrer betonte: „Dieses Thema mit Wertevermittlung zu verknüpfen überfordert den Unterricht.“ Viel mehr gehe es darum, den Schülern beizubringen, selbständig und kritisch zu denken. „Und eines kann ich Ihnen versichern“, sagte er abschließend zum Thema Holocaust im Unterricht: „Das Interesse bei den Schülern ist nach wie vor da.“

Kathrin Woitsch

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