Kinder aus 33 Nationen besuchen derzeit die Verbandsgrundschule München-Karlsfeld an der Schulstraße. Die Schule tut alles, um eine bestmögliche Integration zu fördern – wie zum Beispiel mit einem Sommerfest der Kulturen. Foto: Hab

Damit Mesut Hilfe bekommt

Karlsfeld - Die Gemeinde will nun auch für ihre Grundschulen einen Sozialarbeiter einstellen. Der Grund dafür ist der stetig steigende Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund und Verhaltensauffälligkeiten. Einziges Problem: Wer soll die pädagogische Fachkraft bezahlen?

Der kleine Mesut (Name geändert, die Red.) ist acht Jahre alt und lebt gemeinsam mit seiner Mutter und sieben Geschwistern in einer Sozialwohnung in Karlsfeld. Seine aus dem Irak stammende Mutter spricht kein Wort Deutsch, vermutlich ist sie Analphabetin. Gespräche mit den Lehrern ihrer Kinder können nur mit Dolmetscher stattfinden.

„Die Mutter will ja, dass es funktioniert“, sagt Ursula Weber, Leiterin an der Verbandsgrundschule (VGS) München-Karlsfeld. Nur beim kleinen Mesut funktioniert es eben nicht: Er rebelliert und stiehlt, jüngst sogar den Geldbeutel der Lehrerin.

Mesut ist an der VGS bei weitem kein Einzelfall. Im Gegenteil: „Wir haben noch weit schlimmere Fälle“, seufzt Schulleiterin Weber. 189 Kinder beziehungsweise 61,76 Prozent ihrer 306 Schüler haben Migrationshintergrund. Das heißt, in den Familien dieser Kinder wird kein Deutsch gesprochen. Darüber hinaus kommt ein Großteil ihrer Schüler aus sogenannten bildungsfernen Schichten, in denen die Nationalität eher weniger eine Rolle spielt; vielmehr handelt es sich hierbei oft um alleinerziehende, überforderte Eltern, denen die nächste Flasche Schnaps wichtiger ist als die Hausaufgaben des Kindes.

Seit Jahren bemüht sich die Grundschule daher erfolglos um Unterstützung in Form eines Sozialarbeiters. „Wir Lehrer brauchen endlich jemanden, der uns unterstützt, der mit den Kindern beispielsweise Gewaltprävention und Medienerziehung macht, und der uns bei der Kommunikation mit Eltern und Behörden hilft“, fordert Weber. Bislang sei Jugendsozialarbeit nur an Mittelschulen genehmigt worden, aber: „Das ist zu spät. Es brennt bereits bei uns, an der Grundschule. An der Mittelschule sind die Kinder längst in den Brunnen gefallen!“

Damit den Kollegen der VGS als auch der Grundschule an der Krenmoosstraße, deren Schülerschaft einen Migrationsanteil von immerhin 33 Prozent aufweist, endlich Unterstützung widerfährt, will sich die Gemeinde nun um Fördermittel zur Etablierung eines Jugendsozialarbeiters an den Grundschulen bemühen.

Max Haberl, bei der Gemeinde zuständiger Bereichsleiter für Kinder- und Jugendarbeit, trug am Montagabend den Mitgliedern des Hauptausschusses die verschiedenen Finanzierungsmöglichkeiten einer derartigen Fachkraft vor. Einstimmig einigte sich das Gremium anschließend darauf, schrittweise vorgehen zu wollen.

Demnach will sich die Gemeinde zunächst darum bemühen, in das sogenannte JaS-Förderprogramm des Landes Bayern zu kommen. Dieses unterstützt das Engagement eines Jugendsozialarbeiters mit jährlich maximal 16 360 Euro. Vorausgesetzt, dass ein Sozialarbeiter im Jahr zirka 55 000 Euro kostet, verbleiben dem Träger der Schulen nur Kosten in Höhe von 22 780 Euro.

Weil es laut Haberl jedoch sehr schwierig ist, an Geld aus diesem Fördertopf zu kommen - in Oberbayern gibt es bislang keine einzige geförderte Grundschule - schlug er einen weiteren Weg vor: den Gang zum Kreistag, wobei unter Federführung des Landkreises Sozialarbeiter-Stellen geschaffen werden sollen. Sollte dies abschlägig beschieden werden, bliebe schließlich noch die (teuerste) Möglichkeit, als Gemeinde selbst einen Jugendsozialarbeiter an den beiden Grundschulen zu installieren.

In ihrer Sitzung diskutierten die Mitglieder noch Begrifflichkeiten wie „Schulsozialarbeit“ und „Jugendsozialarbeit an Schulen“ und deren unterschiedliche Bedeutungen. Schulleiterin Ursula Weber ist es jedoch weitgehend egal, aus welchen Mitteln eine künftige Fachkraft bezahlt werden soll. Fakt ist: „Der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund an unserer Schule steigt seit fünf Jahren an. Wir brauchen Hilfe.“ Der Drittklässler Mesut übrigens „hat eigentlich einen guten Kern.“ Mit ihm, findet Weber, „kann man immerhin noch reden“.

von Stefanie Zipfer

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