Mit Kerzen am Mahnmal: Die Dachauer Delegation mit (v.l.) Wolfgang Offenbeck, Sebastian Leiß, Landrat Stefan Löwl, Marese Hoffmann, Mechthild Hofner, Alexander Krug, Marianne Klaffki, Wolfgang Reichelt und Michael Reindl. foto: no

„Das hat mich sehr berührt“

Dachau/Auschwitz - Eine Delegation von Dachauer Politikern ist zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz gereist. Um den Kontakt zwischen den beiden Städten zu vertiefen, die durch die Geschichte miteinander verbunden sind. Und: Um sich zu erinnern.

Am Ende gehen die Besucher aus Dachau die Schienen entlang. Schienen, auf denen damals die Züge, zum Bersten gefüllt mit Menschen, in das KZ Birkenau fuhren. Bis zu einer Rampe. Dort endeten die Fahrten. Dort wurden die Menschen nach körperlichen Merkmalen selektiert. Das hieß: Tod oder Leben. Die Dachauer gehen weiter, vorüber an den Ruinen des Krematoriums, in dem die Leichen verbrannt wurden. Am Mahnmal für die ermordeten Männer, Frauen und Kinder stellen die Dachauer brennende Kerzen ab. Als Zeichen der Anteilnahme, der Versöhnung. Und als Versprechen, sich zu erinnern, damit sich die Geschichte niemals wiederholt.

Es ist eine ganze Delegation an Dachauer Politikern nach Polen gereist: Oberbürgermeister Florian Hartmann, Landrat Stefan Löwl und die Kreisräte Wolfgang Offenbeck, Marianne Klaffki, Michael Reindl, Marese Hoffmann, Mechthild Hofner, Sebastian Leiß sowie Alexander Krug und Wolfgang Reichelt vom Landratsamt, zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz. Sie sind alle sehr bewegt. Manche allerdings auch ein wenig enttäuscht: Auf ihrer dreitägigen Reise nach Oswiecim und Krakau bot sich keine Gelegenheit, die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und das Museum zu besichtigen - und somit das ganze Ausmaß der Gräueltaten zu begreifen.

Denn die Gedenkstätte und das Museum sind ein paar Kilometer entfernt, im Stammlager Auschwitz, und sie war nach Auskunft einer Mitarbeiterin des Landratsamtes Oswiecim am Tag der Gedenkfeier geschlossen. Die Delegation darf also nur zur Gedenkfeier in Birkenau. Doch in dem großen Zelt vor dem Einfahrtstor des einstigen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hörten die Besucher aus Dachau bei der Gedenkfeier immerhin die Reden von drei Zeitzeugen.

„Das hat mich sehr berührt“, sagte Löwl. „Diese Berichte stehen nicht in Geschichtsbüchern, man erfährt sie nur durch Kontakt mit den Zeitzeugen.“ Die Erinnerungsarbeit fortzuführen, auch wenn die Zeitzeugen nicht mehr sind: Mit diesem Anliegen ist Landrat Löwl mit den Kreis-Politikern zu seinem Amtskollegen Zbigniew Starzec gereist. Denn die Geschichte verbindet Dachau und Oswiecim, so der polnische Name für Auschwitz.

Während die Kreispolitiker nur am vergangenen Dienstag zur Gedenkfeier nach Oswiecim reisten und die restlichen Tage in Krakau wohnten - in Oswiecim war offenbar alles ausgebucht -, war OB Florian Hartmann in der 40 000-Einwohner-Stadt vor Ort untergebracht. Denn er war von Stadtpräsident Janusz Chwierut eingeladen worden. Hartmann besuchte etwa ein Konzert der Musikhochschule Birkenau. Gespielt wurden Stücke, die damals das Mädchenorchester im KZ Auschwitz den Kommandanten und Aufsehern vortrugen: etwa die Träumerei von Schumann. „Zur Entspannung der Nazis. Unfassbar“, sagt Hartmann. Er besuchte das jüdische Viertel und die Synagoge, besichtigte Altstadt und Stadtbibliothek. Und er lernte Stadtpräsident Janusz Chwierut kennen. „Das war mir wichtig.“ So erfuhr Hartmann auch von Problemen, die Dachau und Oswiecim gemeinsam haben: Dass viele Besucher nur in die Stadt kommen, um die KZ-Gedenkstätte zu besuchen. Für die Freundschaft zwischen den beiden Städten ergaben sich jedenfalls Anknüpfungspunkte. Möglicherweise auch auf sportlicher Ebene. „Oswiecim hat eine gute Eishockeymannschaft“, lobt Hartmann.

Er selbst hatte bereits vor eineinhalb Jahren, damals als und mit dem Stadtrat, die Gedenkstätte besucht. Dass sich die Kontakte nun vertiefen, daran haben Altlandrat Hansjörg Christmann und der ehemalige OB Peter Bürgel großen Anteil. Christmann ist immer sehr bemüht gewesen um einen kulturellen Austausch zwischen den beiden Erinnerungsorten. Und auch der neue Landrat Löwl sieht die Erinnerungsarbeit nicht allein als Aufgabe der Stadt Dachau: Sie leiste zwar den Hauptanteil, aber bei vielen Institutionen und Projekten sei der Landkreis neben der Stadt eingebunden. Die Landkreis-Delegation wurde auch mit großer Gastfreundschaft empfangen. Zbigniew Starzec sagte mit Nachdruck, dass er die Partnerschaft mit Dachau vertiefen möchte. Löwl hat konkrete Vorstellungen: Er möchte den seit 25 Jahren bestehenden Schüleraustausch ausbauen auf andere Schulen oder Gruppen von Jugendlichen.

Nun will Löwl wiederkommen, auch um dann das Museum und die Gedenkstätte zu besichtigen. Auch Wolfgang Offenbeck (CSU) hat sich vorgenommen, für eine Besichtigung nochmal zu kommen. Von der Gedenkfeier nimmt er etwas mit: Ihm sei bewusst geworden, „welche Verantwortung und Verpflichtung wir für die kommende Generation haben“. Stellvertretende Landrätin Marianne Klaffki (SPD) wies auf den verfallenden Kräutergarten hin: „Wir haben hier ein offenes Mahnmal - wie soll man so den Nachkommen die Geschichte klarmachen?“ Marese Hoffmann und Mechthild Hofner (ÖDP) waren enttäuscht, dass sie die Gedenkstätte nicht besichtigen konnten. Umso wichtiger war es den beiden im Nachhinein, den Gang zum Mahnmal gemacht zu haben. Michael Reindl (FW) war vor rund 40 Jahren schon einmal in Oswiecim, mit Kardinal Döpfner. Reindl besichtigte damals die Gedenkstätte. Er kennt die Dimensionen des Vernichtungslagers.

Diese konnten die Dachauer immerhin erahnen. Als sie im Schneegestöber die Schritte entlang der Gleise machten, mit Kerzen in den Händen.

(no)

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