Der letzte geschossene Wolf im Landkreis erhielt ein Ölgemälde. Er wurde 1708 bei Eisolzried Foto. privat
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Der letzte geschossene Wolf im Landkreis erhielt ein Ölgemälde. Er wurde 1708 bei Eisolzried von einem Jäger geschossen.

Der Wolf – gefeiert und gefürchtet

  • Nikola Obermeier
    vonNikola Obermeier
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Der Wolf ist im Landkreis Dachau nachgewiesen worden. Naturliebhaber freuen sich, Jäger sind wenig begeistert, Landwirte haben große Angst. Ob der Wolf, der Mitte Januar im westlichen Landkreis ein Reh gerissen hat, überhaupt noch bei uns lebt, ist reine Spekulation.

Landkreis – Bis ins 18. Jahrhundert waren Wölfe die meistverbreiteten Raubtiere Deutschlands. Sie wurden gnadenlos gejagt – und nach und nach ausgerottet. 2006 wurde in Bayern erstmals wieder ein Wolf gesichtet, danach immer wieder. Die meisten Tiere wandern durch, nur manche bleiben. Ob der Wolf, der Mitte Januar im Adelzhauser Forst nördlich von Unterumbach ein Reh gerissen hat (wir berichteten), noch in der Region ist, ist ungewiss. Wie berichtet, hatten Spaziergänger ein gerissenes Reh nahe eines Wanderwegs an der Landkreisgrenze zwischen Odelzhausen und Freienried entdeckt. Ein DNA-Gutachten bestätigte den Verdacht nun.

Die Sicht des Amtes

Woher kommt der Wolf, zieht er weiter – oder ist es der gleiche, der im vergangenen Sommer bei Aichach Schafe gerissen hat? Eine Pressesprecherin des Landesamts für Umwelt (LfU) erklärte, dass eine genauere Individualisierung des Wolfes aufgrund der geringen Probenqualität nicht möglich gewesen sei. „Nur wenn die Qualität der Genprobe gut genug ist, kann man das Individuum bestimmen.“ Im Juli 2020 war ein Wolf mit der Kennung „GW1666m“ im benachbarten Aichach-Friedberg nachgewiesen worden, er riss mehrere Schafe.

Dass es sich um das gleiche Tier handelt, sei aber unwahrscheinlich. „Dieser Wolf ist nach Westen, Richtung Bodensee und Österreich, weitergewandert“, so die Sprecherin. Weitere aktuelle Wolfsnachweise für den Landkreis Dachau seien dem LfU nicht bekannt. Es handele sich daher eher um einen Durchzügler. Durch ihre hohe Anpassungsfähigkeit können Wölfe in sehr unterschiedlichen Lebensräumen sesshaft werden. Entscheidend seien genügend Nahrung und ein Rückzugsraum für die Welpenaufzucht.

Die Sprecherin des LfU weist darauf hin, dass „der Wolf von Natur aus vorsichtig ist und dem Menschen ausweicht. Im Einzelfall können besonders Jungtiere dem Menschen gegenüber unerfahren und neugierig sein.“ Dies stelle aber keine Gefährdung des Menschen dar. Seit der erneuten Anwesenheit von Wölfen in Deutschland 1996 habe es keinen Angriff auf Menschen durch Wölfe gegeben.

Jagd wird aufwändiger

„Die Jagd wird aufwändiger“, sagt Ernst-Ulrich Wittmann, Vorsitzender des Jagdschutz- und Jägervereins Dachau. „Das Rehwild wird scheuer und noch nachtaktiver, und die vom Forst gewünschte Reduktion des Rehwilds wird schwieriger.“ 60 Stück Rehwild pro Jahr fresse der Wolf.

Laut Wittmann habe sich schon abgezeichnet, dass der Wolf im Landkreis angekommen ist. Er habe im Vorfeld aus der Jägerschaft von auffälligen Rissen gehört, die nicht weiter verfolgt und untersucht wurden. Nun sei er nicht überrascht. „Das ist so zu akzeptieren, mit allen Herausforderungen für Jagd, Landwirte und Bürger.“

Wittmann glaubt nicht, dass der Wolf nur durchwandert, und seiner Meinung ist es unwahrscheinlich, dass es sich um einen Einzelgänger handelt. Aber der Wolf sei von der Gesellschaft gewollt, es handele sich um ein geschütztes Wildtier. „Wenn der Wolf am Ende des Tages im Englischen Garten ist, wird es kritisch“, gibt Wittmann zu bedenken. Doch vorerst bestehe für den Spaziergänger im Wald keine Gefahr. Für die Landwirte seien die Herausforderungen am größten, „hier geht es um die Existenz“.

Landwirte in Sorge

„Ich sehe das mit großer Sorge!“ Simon Sedlmair, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes, weiß, dass die Landwirte, die Weidehaltung haben, große Angst haben. „Mich haben schon ein paar angerufen.“ Aus Sicht der Bauern könne der Wolf existenzbedrohend sein. „Wenn ein ganzes Rudel jagt, dann kann es im Rausch 20 Schafe reißen.“ Und wenn ein trächtiges Zuchttier vom Wolf getötet wurde, „dann packst du das schon moralisch nicht“, ganz abgesehen vom finanziellen Aspekt, so Sedlmair. Wenn der Wolf ein Problem wird, „muss er entnommen werden“, fordert Sedlmair klipp und klar.

Entspannte Forstwirte

Ganz entspannt ist Günter Biermayer, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Fürstenfeldbruck. Er verspüre weder „Freude noch Sorge“. Selbst wenn sich der Wolf ansiedeln würde, wovon er nicht ausgeht – auf die Rehpopulation hätte der Beutegreifer weniger Einwirkung als der Autoverkehr. „1000 Rehe werden im Landkreis pro Jahr von Autos zusammengefahren, wenn der Wolf da ein paar hundert reißt,“ falle das im Vergleich kaum ins Gewicht, sagt Förster Franz Knierer.

Auch Waldbesitzer Georg von Hundt, Mitinhaber der Gräflich von Hundtschen Forstverwaltung, steht dem Wolf entspannt gegenüber. „Aus forstwirtschaftlicher Sicht würde ich sagen: Der räumt schon was auf, nimmt jeden Tag ein Reh mit.“ Allerdings dürfte es für ein Reh nicht schöner sein, von einem Wolf gerissen als vom Jäger geschossen zu werden. Dass sich der Wolf hier integrieren wird, kann sich von Hundt nicht vorstellen. „Wir sind zu nah an München, und die Unruhe ist zu groß.“ In einem der waldärmsten Landkreise Bayerns werde man daher eher Probleme mit dem Wolf haben. Dennoch werde er abwarten: „Vielleicht muss man dem Wolf eine Chance geben.“

Ein Ölgemälde zu Ehren des letzten geschossenen Wolfes im Landkreis Dachau hat Georg Hundt bei sich zu Hause hängen: Das Tier wurde im Jahr 1708 in Eisolzried erlegt.

Informationen

rund um den Wolf, Nachweise und Beobachtungen des Beutegreifers in Bayern sowie Informationen zum Herdenschutz oder bei einer Begegnung mit dem Wolf gibt es auf der Internetseite www.lfu.bayern.de/natur

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