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Landrat Stefan Löwl, Betriebsratschef Claus-Dieter Möbs, Pfleger Matthias Gramlich und Moderator Patrick Lohner (von links) im Gramsci.

Podiumsdiskussion im Café Gramsci

Desaströse Zustände im Dachauer Krankenhaus

Dachau - Bei einer Podiumsdiskussion am Dienstagabend haben sich die Pflegekräfte des Helios Amper-Klinikums Dachau Gehör verschafft. Folgt man ihren Angaben, dann herrschen im Krankenhaus oben auf dem Weblinger Hang desaströse Zustände.

Das Café Gramsci in der Dachauer Altstadt ist kaum größer als das Wohnzimmer eines Reihenhauses. Gestern Abend zwängten sich in die kleine Kneipe derart viele Menschen hinein, dass sie sich kaum mehr bewegen und wegen Sauerstoffmangels bald kaum mehr atmen konnten. Fast 100 Pflegekräfte, Patienten und solche, die es einmal werden könnten, lauschten drei Männern, die auf einem Mini-Podium in der Ecke saßen – wegen der Missstände im Bereich Sauberkeit und Pflege am Amper-Klinikum Dachau: Landrat Stefan Löwl, der Betriebsratsvorsitzende Claus-Dieter Möbs und Krankenpfleger Matthias Gramlich. Letzterer ist Mitglied der so genannten Unabhängigen Betriebsgruppe des Krankenhauses, die das Treffen organisiert hatte. 

Trotz Atemnot: Sprechen konnte das Trio noch; und wie! Zunächst machte Gramlich seinem Ärger Luft. „Endlich“ könnten er und seine Kollegen sich Gehör verschaffen. Zwei Worte machten die Runde: „Wertschätzung“ und „Überforderung“. Gramlich drückte sich so aus: „Die Grenze unserer Belastbarkeit ist überschritten“, denn „die die Klinikleitung schaut nur auf Köpfe und nicht auf die Anforderungen und Qualifikationen.“ Dann erklärte der Mann von der Unabhängigen Betriebsgruppe, warum das so ist. Und so kamen Details ans Licht, die darauf schließen lassen, dass im Dachauer Krankenhaus desaströse Zustände herrschen (siehe dazu auch die Zitate unten).

Im Bereich der Pflege gebe es eine enorm hohe Ausfallquote, die Kollegen seien den Anforderungen nicht mehr gewachsen, denn sie würden von der Pflegeleitung „überplant“, so Gramlich. Immer wieder seien nur zwei oder drei Kräfte für die Patienten da. Es fielen massenhaft Überstunden an. Die Möglichkeit, diese in Freizeit abzubauen, gebe es nicht. Gramlich: „Da bricht alles über einem zusammen.“ Weitere Konsequenz neben Ausfällen wegen Krankheit: „Viele Mitarbeiter resignieren und kündigen freiwillig.“ 

Doch das ist lange nicht alles. Weil die Pflegefachkräfte Putzarbeiten übernehmen müssten (Gramlich: „Das ist ein Affront, uns solche Tätigkeiten aufzubrummen“), wachse der Druck weiter an. Machen sie Fehler, dann gebe es Abmahnungen – „selbst wegen grotesken Gründen“. Gramlich fordert nun Konsequenzen: „Was wir brauchen, sind mehr Personen und ein klares Konzept der Geschäftsführung.“ Und er machte einen Vorschlag: Betten sollten so lange gesperrt bleiben, wie eine ordnungsgemäße Besetzung gewährleistet sei. 

Landrat Stefan Löwl hörte Gramlich aufmerksam zu, schließlich „bin ich für die Grundgesundheitsversorgung zuständig“. Der Verwaltungschef sagte, dass der Kreis, der 5,1 Prozent Anteile an den Kliniken Dachau und Indersdorf hält, ganz massiv gegen die schlimmen Zustände vorgehen werde. Er habe mit Klinik-Geschäftsführer Christoph Engelbrecht gesprochen und ihm mitgeteilt, dass „das so nicht sein kann“. Engelbrecht müsse sich seiner Verantwortung bewusst sein. Zwar hat Engelbrecht erst jetzt im Kreistag einen 7-Punkte-Plan zur Verbesserung der Zustände vorgelegt (wir haben berichtet). Dennoch „erwarte ich schon in der Aufsichtsratssitzung im Dezember erste Ergebnisse“, so Löwl, der sich durchaus im Klaren sei, dass die Klinikleitung Zeit brauche, um den Plan umzusetzen. Dem Klinikpersonal sicherte der Landrat Unterstützung zu. 

Nur: Wie sich bei der anschließenden Diskussion herausstellte, sind die Kreisräte brüllende, aber zahnlose Tiger. Auf Nachfrage eines Besuchers musste Löwl zugeben, dass der Landkreis die für Patienten und Personal unerträgliche Situation weder lösen noch regeln könne. Er könne keine Anweisungen geben. Der Kreis habe nur eine Kontrollfunktion. „Wir können Engelbrecht nur sagen: Du musst was ändern. Wie er es ändert, kann ich nicht bestimmen“, so der Landrat. 

Wie die Helios Amper-Klinik geführt wird, legte Claus-Dieter Möbs offen. Der 7-Punkte-Plan sieht beispielsweise vor, dass Klinikchef Engelbrecht und Pflegedirektor René Marx die Zimmer kontrollieren sollen. „Das sind alles Maßnahmen, die von Helios gesteuert sind“, so Möbs, „das ist eine reine PR-Kampagne. Engelbrecht ist eine Marionette von Helios.“ Zwar verstünde Engelbrecht die Sorgen des Personals, „aber er darf es nicht verstehen, sonst fliegt er“, so der Betriebsratschef. Genau das ist Bernward Schröter passiert. Der beim Personal überaus beliebte Klinikchef sei Ende 2014 „vor die Tür gesetzt worden“, so Möbs. 

Warum kein Vertreter der Klinikleitung mit auf dem Podium saß, blieb offen. „Engelbrecht hätte hier sitzen müssen“, meinte Landrat Löwl nur. Aber auch so wird der Geschäftsführer nun erfahren, was seine Mitarbeiter durchleiden und was sie bewegt. Ob der 7-Punkte-Plan greift und inwieweit er angewandt wird, bleibt abzuwarten. Ob die Mitarbeiter in Zukunft endlich die Wertschätzung erhalten, die sie verdient haben, oder ob sie weiter auf dem Altar des Gewinnstrebens geopfert werden, ebenfalls. „Wir arbeiten profitabel. Jeder erwirtschaftete Euro wird – auch in den kommenden Jahren – in den Kliniken in Dachau und Indersdorf verbleiben, um die aktuellen Baumaßnahmen in Höhe von rund 70 Millionen Euro zu finanzieren und damit die Kliniken für unsere Patienten und Mitarbeiter weiterzuentwickeln“, sagte Engelbrecht vor dem Treffen. 

Viele Besucher der Podiumsdiskussion im völlig überfüllten Café Gramsci sind skeptisch. Einer drückte sich so aus: „Ich habe noch nirgendwo, egal ob Zeitung oder im Internet, irgendeine Stellenanzeige gesehen, in der Pflegekräfte gesucht werden."

Aussagen, die während der Podiumsdiskussion zu hören waren: 

-„Ein Krankenhausaufenthalt gleicht einem Überlebenstraining für die Patienten.“ (Betriebsratsvorsitzender Claus-Dieter Möbs) 

-„Auf die Pflegekräfte sind sukzessive Tätigkeiten delegiert worden, die sonst Putzleute machen.“ (eine Pflegekraft)

-„Die Klinik leistet sich die teuersten Putzkräfte der Bundesrepublik.“ (Möbs) 

-„Ich möchte nicht, dass der Patient für mich den Knopf drückt.“ (eine Pflegekraft) 

-„Ich habe gedacht, ich mache mein Bett frei, damit sie sich reinlegen kann.“ (eine Patientin über eine überforderte Pflegerin) 

-„Unser Urlaub wird von der Pflegeleitung verplant.“ (Matthias Gramlich) 

-„Einer Kollegin, die kurz vor der Rente stand, wurde von der Pflegeleitung gesagt, sie könne sich umziehen, sie sei entlassen.“ (eine Pflegekraft) 

-„Kennt den jemand?“ (Möbs über den Springerpool für Pflegekräfte – schallendes Gelächter im Raum) 

-„Ein OP ist nicht gereinigt worden. Es hieß, das wird erst gemacht, wenn die anderen fünf OP-Säle auch verschmutzt sind.“ (eine Pflegekraft). 

-„Bettwäsche gibt’s keine, dafür könnt ihr 500 Schmerzlineale haben. Das ist wie in der Planwirtschaft.“ (eine Pflegekraft über den Materialnachschub) -„Für unsere Station sind über 3000 Überstunden angefallen.“ (eine Pflegekraft) 

-„Die Patienten müssen ihre Bettwäsche selbst mitbringen.“ (eine Pflegekraft) 

-„Vielleicht sollte man eine Landkreisaktion machen, dass jeder Bürger ein Wäschepaket schickt.“ (eine Pflegekraft)

-„Was ist, bis der 7-Punkte-Plan greift? Das dauert doch noch Monate.“ (eine Pflegekraft) 

-„Was ist, wenn es in der öffentlichen Meinung ruhiger wird, schaffen wir dann sechs Punkte wieder ab?“ (eine Pflegekraft über den 7-Punkte-Plan der Klinikleitung).

Thomas Zimmerly

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