Vladimir Feierabend    mhz

Aus drei Tagen wurden drei Jahre

Dachau - Während der Vorbereitungen auf sein Abitur wurde Vladimir Feierabend im Jahr 1942 von der Gestapo verhaftet.

Es ist Mai. Die Blumen blühen, und Vladimir Feierabend hat Mühe, sich bei dem schönen Wetter auf das anstehende Abitur vorzubereiten. „Ich war nie ein vorzüglicher Schüler“, gibt der Tscheche schmunzelnd zu. Unbeschwert verlässt der 18-Jährige am Nachmittag die Schule und geht nach Hause. Als er dort ankommt, wandelt sich sein Leben in einen Albtraum: Die Gestapo steht vor der Tür und verhaftet seinen Großvater. Einige Stunden später kommen die Männer in Uniform zurück und nehmen auch Vladimir Feierabend mit. „Sie sagten: Nimm Sachen für drei Tage mit - tatsächlich wurden aus drei Tagen drei Jahre“, erzählt der heute 87-Jährige seinen Zuhörern im Ludwig-Thoma-Haus.

Zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus ist Vladimir Feierabend aus Prag nach Dachau eingeladen worden, um von seinem Schicksal zu berichten. Als Vladimir Feierabend 1942 im Gestapohauptquartier in Prag ankam, saßen dort sein Vater und sein Großvater. Auch seine Mutter, seine Tante und sein Bruder wurden verhaftet. Der Grund: Am 27. Mai 1942 war Reinhard Heydrich in Prag einem Attentat zum Opfer gefallen. Aus Rache verhafteten die Nazis Tausende Tschechen und versuchten, auch Vladimirs Onkel, Ladislav Feierabend, in die Hände zu bekommen. Der Politiker floh allerdings nach London und wurde dort Minister der tschechischen Exilregierung. Dadurch geriet seine Familie ins Visir der deutschen Besatzer.

Vladimir Feierabend wurde deshalb zusammen mit seinem Großvater, Vater und Bruder über Theresienstadt ins KZ Dachau transportiert. Seine Mutter und seine Tante kamen nach Ravensbrück. „Mein Großvater war mit 81 Jahren der älteste Häftling in Dachau“, erinnert sich Feierabend. Damit war er immer gefährdet, auf die Invalidentransporte geschickt oder im Krankenhaus ermordet zu werden. „Durch die Solidarität der Häftlinge blieb mein Großvater aber verschont. Er wurde jedes mal auf dem Revier versteckt, wenn Transporte und Selektionen bevorstanden.“

Währenddessen arbeitete Vladimir Feierabend in der politischen Abteilung des Lagers. In rosafarbenen Ordnern schrieb er die Namen der Neuankömmlinge auf. Dabei erlebte er eine Szene, die er nie wieder vergessen sollte: Eines Tages kam eine Gruppe litauischer Jüdinnen ins Lager. „Sie sahen wurderschön aus mit ihren langen Haaren“, erzählt Feierabend. Nachdem ihre Personalien aufgenommen worden waren, verschwanden sie in einer Baracke. „Als sie wieder herauskamen, waren sie geschoren worden und hatten schmutzige Kleider an. Schockiert dachte ich: Warum müssen die Leute so erniedrigt werden?“

Nach der Befreiung des Dachauer Konzentrationslagers fuhr Vladimir Feierabend zusammen mit seinem Großvater und seinem Bruder zurück nach Tschechien. Er kam am 22. Mai in Prag an. Sein Vater stieß am 23. zu ihnen, und seine Mutter erreichte die Hauptstadt am 24. „Nach drei Jahren war die ganze Familie wieder innerhalb von drei Tagen vereint“, erinnert sich der 87-Jährige lachend. „Und einen Monat später saß ich wieder in der Schule und lernte fürs Abitur.“

mhz

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