Eigentlich wollten sie kein Blut vergießen

Dachau - Die Anton-Hackl-Straße in Dachau-Süd ist vielen ein Begriff. Der ehemalige KZ-Häftling und Widerstandskämpfer starb am 28. April 1945 beim Dachauer Aufstand am Rathausplatz.

Anton Hackl hätte am Mittwoch, 15. Februar, seinen 100. Geburtstag gefeiert.

Der 28. April 1945 war ein kühler Samstagmorgen, berichtet Hans Holzhaider in dem Buch „Die Sechs vom Rathausplatz“ (München 1982). Wer mit der militärischen Lage vertraut war, wusste, dass die Naziherrschaft im nördlichen Münchner Bereich das Wochenende nicht mehr überleben würde. In Dachau gab es verschiedene Aktionen, die eine völlige Zerstörung der Stadt sowie ein Blutvergießen im KZ bei der Ankunft der Amerikaner verhindern wollten. An einer von ihnen war der österreichische Anton Hackl, genannt Toni, beteiligt.

Der in Andritz bei Graz geborene Hackl ging im Jahr 1937 nach Spanien an die Front. 27 Monate verbrachte er in französischer Gefangenschaft. Am 1. Mai 1941 trieb man die Häftlinge schließlich zum Bahnhof, verlud sie in Viehwaggons und verfrachtete sie direkt nach Dachau. Toni Hackl kam zuerst in die Bäckerei und arbeitete dann bis zum Schluss in der Kantine. Das ermöglichte ihm ein vergleichsweise erträgliches Leben - bis zum 25. April 1945.

An diesem Tag wurden Toni Hackl und weitere 14 Männer aus dem KZ befreit. Es waren vor allem Spanienkämpfer. „Die hatten Erfahrung an der Front“, berichtet der Dachauer Autor und Ehrenmitglied der „Lagergemeinschaft Dachau“, Hans-Günter Richardi. Die Befreiungsaktion hatten die ehemaligen KZ-Häftlinge Georg Scherer und Walter Neff organisiert. Mit Unterstützung zweier SS-Posten marschierte die Gruppe unter dem Vorwand, Kartoffelschalen zum Liebhof (zwischen Jakob-Kaiser- und Fünfkirchener Straße) bringen zu müssen, aus dem Lager. Als es dunkel wurde, robbten die Häftlinge vom Liebhof einzeln über die Würmstraße ins gegenüberliegende Haus - dort wohnte Walter Neff. Hier warteten bereits Dachauer Frauen, die sie mit Kleidung versorgten.

„Als Liebespaare getarnt ging die Gruppe dann nach Mitterndorf“, sagt Kerstin Schwenke, Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte. Dort fanden sie in einer Scheune Unterschlupf. Am frühen Morgen des 28. Aprils wurde per Volksempfänger der Aufstand in München verkündet - und die Aufforderung, überall loszuschlagen. Für den Widerstand in Dachau kam diese Nachricht zu früh: Die Front war noch zu weit entfernt. Doch der Widerstand musste handeln. Georg Scherer alarmierte die Gruppe in der Mitterndorfer Scheune. Diese machte sich auf den Weg zum Rathaus.

„Punkt 8 Uhr früh besetze ich mit meinen Leuten das Rathaus, während die anderen die Straßen- und Brückensicherungen übernehmen. Im Rathaus ist der Bürgermeister der Stadt und verschiedene andere, die ich sofort festnehme und der Stadtpolizei übergebe. Wir wollen kein Blut vergießen, wir wollen das Gegenteil, wollen verhindern, dass noch weiter Blut fließt“, erinnerte sich Walter Neff in einem Aufsatz von Hans-Günter Richardi in den Dachauer Dokumenten. Gegen 9 Uhr gibt Neff demnach mit den Sirenen Feindalarm. „Dieser Feindalarm soll bezwecken, dass Verwirrung unter der Lager-SS entsteht.“ Doch dann wird gemeldet, dass stärkere SS-Verbände unterwegs sind, um die Stadt anzugreifen. Die Widerständler planen den Rückzug.

„Im Kampfeifer haben nicht alle den Rückzugsbefehl gehört, so dass es der SS gelingt, vier unserer Leute gefangenzunehmen und diese sofort an Ort und Stelle zu erschießen“, berichtete Neff weiter. Insgesamt kommen sieben Männer um: Fritz Dürr, Anton Hackl, Erich Hubmann, Johann Pflügler, Anton Hechtl und Lorenz Scherer. Das siebte Opfer war der zufällig vorbeifahrende, schwerhörige Zimmerer Anton Decker aus Udling. „Er wurde erschossen, weil er auf Rufe der SS, anzuhalten, nicht reagiert hatte“, weiß Richardi. Einen Tag später kamen die Amerikaner nach Dachau - für Toni Hackl und seine Verbündeten einen Tag zu spät.

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