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Eine Szene aus „Die Lokalbahn“ mit Hansi Kron und Brigitte Fiedler. 

Stück der Ludwig-Thoma-Gemeinde

Wie Thoma zum Hetzer wird

Das Stück „Thoma – Eine Selbstzerstörung“ gewährt einen Blick hinter die Fassade von Ludwig Thoma und beschreibt seine Radikalisierung. Die Ludwig-Thoma-Gemeinde stellt die dunkle Seite des Schriftstellers dar.

Dachau Sarkastisch und bissig, melancholisch und frustriert: Im Theaterstück „Thoma – Eine Selbstzerstörung“ begegnet Ludwig Thoma Figuren aus seinen Werken und blickt auf sein Leben als zunehmend verbitterter und radikaler Schriftsteller zurück. Anlässlich des 150. Geburtstags des satirischen Autors organisiert die Ludwig-Thoma-Gemeinde heuer etliche Lesungen, Veranstaltungen und Feste. Dazu gehört auch das am Freitag im ausverkauften Stockmann-Saal uraufgeführte Stück „Thoma – Eine Selbstzerstörung“, das der Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler eigens für die Gemeinde verfasste. Die Ludwig-Thoma-Gemeinde feierte eine erfolgreiche Premiere vor rund 400 Zuschauern.

In autobiographischen Sequenzen, fiktionalen Szenen und Ausschnitten aus Thomas Werken rekonstruiert Göttler die steigende Frustration des Dichters im privaten Leben und die Radikalisierung seines Schreibstils. Das Stück spielt hauptsächlich im Jahr 1921, dem Todesjahr des Protagonisten. Als verdrossener, einsamer und cholerischer alter Mann wird Thoma, sehr überzeugend gespielt von Wolfgang Möckl, in seinem Wohnhaus „auf der Tuften“ am Tegernsee von den Geistern seiner literarischen Figuren geplagt, die ihn dazu bringen wollen, wieder mit dem Schreiben zu beginnen. Als er endlich einschläft, bleibt von den Gestalten der Fabrikant Wilhelm Käsebier in seinem Traum zurück und nimmt den Literaten mit auf eine Reise durch sein Leben.

Es folgt eine Collage aus oft lustigen, teils sehr ergreifenden Szenen aus Thomas Leben, fiktionalen Begegnungen, Werkausschnitten des Schriftstellers und gelesenen Zitaten seiner Briefe und Artikel. So erscheinen in Thomas Fantasie beispielsweise seine einstige Frau, die Tänzerin Marietta di Rigardo, der Verleger Albert Langen und Thomas norwegischer Freund Olaf Gulbransson, Letzterer nur mit Lederschürze und Sonnenhut bekleidet, auf der Tuften, um den Dichter zu neuen Werken zu ermuntern. Ausschnittsweise werden Stücke des anfangs von den Berlinern verlachten „Bauerndichters“ gespielt oder zitiert. So zeigt etwa der Aushilfsknecht Lenz aus „Magdalena“ der Bauerntochter die kalte Schulter.

In Szenen aus „Die Lokalbahn“ kommt es zu den unmöglichsten Begegnungen in einem Zugabteil, wobei vor allem die Preußen kräftig durch den Kakao gezogen werden. Besonders witzig spielt Franz Baur den pikierten herzoglichen Polizeiassessor, der durch die Verhaftung einer „Privaten“ und Überprüfung ihrer Klienten in Erklärungsnot gerät.

Dazu zitiert Elena Schiffner als Sprecherin Gedichte und Briefe Thomas. Außerdem erinnert sich der Autor an ein Streitgespräch mit Herman Hesse und Theodor Heuss, die den echauffierten Thoma beschwichtigen und vergeblich zu etwas weniger radikalen Artikeln über die Weimarer Republik bewegen wollen.

Wolfgang Möckl wettert als cholerischer Ludwig Thoma in vielen Szenen über die verschiedensten Missstände, verurteilt das Großbürgertum, die Emanzipation der Frauen und das meiste Neue auf streitsüchtige und patriotische Weise. Auch die Liebe zu Maidi Liebermann von Wahlendorf, gespielt von Angelika Mauersich, ist zum Scheitern verurteilt. Denn Maidi erwidert zwar Thomas Gefühle, kann sich aber nicht von ihrem Gatten Willy lösen, da dieser ihr die Scheidung verweigert.

Vor allem diese unglückliche Beziehung ist es, die den einst so humorvollen Schriftsteller im Theaterstück immer verschlossener und depressiver werden lässt und ihn dazu veranlasst, als „Hetzer vom Tegernsee“ kompromisslose, antisemitische und aufrührerische Artikel für den Miesbacher Anzeiger zu schreiben.

Die tragische Geschichte wird von den oft sehr lustigen Traumsequenzen aufgelockert. Beispielsweise geraten sich Thomas ehemalige Frau und Maidi von Liebermann auf einer Zugfahrt in die Haare, oder Thoma wird von einer ausgedachten käuflichen Dame besucht.

Das zweistündige Theaterstück wurde von Ben Möckl bearbeitet und inszeniert, das großartige Bühnenbild stammt von Vroni Schober und Thomas Westermaier und die Kostüme von Gertrud Weber. Die Schauspieler sind äußerst passend besetzt und spielen voller Elan, die Inszenierung ist spannend und authentisch. Ein lohnender Abend für alle, die einen Blick hinter die Fassade des bekannten Schriftstellers werfen wollen.

Weitere Vorstellungen finden am Freitag, 7. April, und Samstag, 8. April, um 20 Uhr und am Sonntag, 9. April, um 18 Uhr im Ludwig-Thoma-Haus statt.

san

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