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Höhepunkt der Reise: das Treffen mit Israels Präsident Reuven Rivlin (l.) bei dem Florian Hartmann in der ersten Reihe stand.

Interview nach der Israelreise von Florian Hartmann

Eine Chance für den jungen OB

Florian Hartmann hat in Israel neue Kontakte geknüpft und will eine Städtepartnerschaft langsam angehen.

Dachau – Das Außenministerium des Staates Israel hat 180 „junge deutsche Führungskräfte“ fünf Tage nach Israel eingeladen – zu „50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland“. Als jüngster Oberbürgermeister Deutschlands durfte Dachaus OB Florian Hartmann an dieser offiziellen Delegationsreise des Staates Israel teilnehmen. Im Interview spricht Hartmann über israelische Denkweisen, pfiffige Geschäftsideen und die Herzlichkeit von Staatsmännern. 

-Herr Hartmann, war diese Reise mal was anderes, weil Sie ausnahmsweise nicht der Jüngste bei der Veranstaltung waren? 

Das stimmt, ich war nicht ganz der Jüngste – aber ich hab’ da eigentlich kein Problem damit, ob ich der Jüngste bin oder nicht. 

-Wie hat es Ihnen gefallen? 

Es war interessant. Ich war schon einmal in Israel, 14 Tage, 2007, allerdings privat. Aber dies war eine offizielle Delegationsreise auf Einladung des Staates Israel. Das Spannende war, dass wir so viele verschiedene Gesprächspartner auf israelischer Seite hatten. Ich würde sagen, man hat Einblicke bekommen in die Denkweise der Israelis. Die sich meiner Meinung nach von unserer unterscheidet.

 -Wie würden Sie diese Denkweise beschreiben, wie unterscheidet sie sich von der deutschen? 

Ein Israeli hat zu uns gesagt: Israelis gehen nicht in Diskussionen, um sich überzeugen zu lassen – sondern sie gehen in Diskussionen, um ihr Argument durchzusetzen. Das fand ich sehr interessant. Das erklärt auch viel. Typisch Deutsch, etwa in Sachen Diplomatie, ist, ausgewogene Gespräche führen, in alle Richtungen, denke ich. Doch dort führt man das Gespräch, um es zu gewinnen. Das beschreibt ganz gut die israelische Art. 

-Das heißt, dort ist man nicht so darauf bedacht, Kompromisse zu finden?

 Das vielleicht auch. 

-Das hört sich etwas starrsinnig an. 

Nein, so würde ich das nicht sehen. Das ist nicht unsympathisch, nur anders. Ein weiterer Unterschied ist die Autorität. Israelis haben ein interessantes Verhältnis zu Vorgesetzten. Wenn ein Chef etwas sagt, dann fangen sie erst einmal zu diskutieren an. 

-Wieso ist das so? 

Das kommt wohl ein wenig daher, dass in Israel Autoritäten schnell wechseln können – so wurde uns das erklärt. In Israel sind alle Bürger beim Militär, Männer wie Frauen. Wenn also Professor und Student an der Universität aufeinander treffen, ist der Professor die Autoritätsperson. Es kann aber passieren, dass es eine Reserveübung gibt. Dann kommt der Professor wieder zum Militär – und es kann passieren, dass dann der Student sein Vorgesetzter ist. Das kommt in Israel ganz oft vor: dass die Autorität wechselt. Und deshalb wird auch oft die Entscheidung der Autorität in Frage gestellt. Das ist sehr spannend. 

-Ist das gut oder schlecht?

 Nun, wenn man in Frage stellen darf, was der Chef sagt, lässt man in gewisser Weise auch eine Kreativität zu – und daraus entstehen oft neue Ideen und vielleicht auch neue Produkte. Israel ist etwa führend im Bereich Start-Up-Unternehmen. Sie haben pfiffige Geschäftsideen und pfiffige Produktideen. 

-Sie konnten sich dort also inspirieren lassen? 

Naja, inspirieren vielleicht nicht – ich glaube nicht, dass man das hier genauso kopieren kann. Aber es ist interessant, zu sehen, dass es auch andere Wege gibt, wie man an Dinge rangeht. 

-Wer waren dort Ihre Gesprächspartner? 

Es waren 180 junge deutsche Führungskräfte eingeladen, aus allen Bereichen, aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien – und dementsprechend waren auch die Gesprächspartner aus den verschiedensten Bereichen. 

-Gab es Vorbehalte gegen Sie, wenn Sie erwähnt haben, dass Sie aus Dachau kommen? 

Nein, es gab überhaupt keine Vorbehalte. 

-Und wie waren die Treffen mit den hohen Politikern, mit dem Staatspräsidenten Reuven Rivlin und mit dem Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu?

 Höhepunkt war für mich das Treffen mit Rivlin. Das war sehr spannend. Er hatte als Jugendlicher die Beziehungen zu Deutschland eher abgelehnt. Doch jetzt hat er sich sehr gefreut, die Gruppe zu empfangen. Ich glaube, er hat erkannt, warum es gut ist, solche Beziehungen zu haben. Wirtschaftlich sind Israel und Deutschland wichtige Handelspartner – gegenseitig. Man hat gemerkt, es war ihm wichtig, die Gruppe zu empfangen und zu begrüßen wie Staatsgäste. Als er in den Raum kam, war gleich eine emotionale Wärme und Herzlichkeit da. Er hat selbst nur ganz kurz geredet und dann Fragen zugelassen, und die auch sehr ausführlich beantwortet. Man hat ihn als sympathischen und menschlichen Staatsmann erlebt. Das war besonders. 

-Und Netanjahu? 

Netanjahu hat einen Vortrag gehalten. Er hat etwa die Situation Israels mit seinen Nachbarstaaten erklärt, den Konflikt aus der Sicht Israels. Aber dort war es nicht möglich, Fragen zu stellen. 

-War er etwas zurückhaltender? Ja, er war eher kühler und zurückhaltender. 

-Konnten Sie bei Ihrer Reise Beziehungen knüpfen in Sachen Partnerschaft? 

Nein, das war nicht direkt möglich, weil ich keine freie Zeit hatte. Grundsätzlich habe ich aber mit vielen Menschen über das Thema diskutiert, etwa mit Jugendlichen, mit jungen Diplomaten, mit den Mitarbeitern des Außenministeriums. Viele haben gesagt: Das Problem ist in gewisser Weise der Name, „Dachau“. Nicht so sehr, dass man dorthin keine Freundschaften haben kann. Sondern: Israelis verbinden mit dem Namen einfach gewisse Gedanken und emotionale Empfindungen – alle Israelis. Das hat nichts damit zu tun, wie die Stadt heute ist. Der Name ist einfach davon geprägt, dass in Dachau das KZ war. Das müssen wir verstehen. Doch sie sehen natürlich auch in mir, also einer sehr jungen Person, eine Chance – dass man das nicht mehr mit der Vergangenheit in Verbindung bringt. Ich denke, daran kann man auch anknüpfen. 

-Was genau kann Dachau also tun? 

Man muss es einfach langsam angehen. Viele sagen, das kann sich einfach nur schrittweise entwickeln. Es ist aber kein Problem zwischen den Nationen – so habe ich es zumindest empfunden. Deutschland und Israel sind ausgesöhnt. Ich werde dort empfangen als Staatsgast, ich darf Kränze niederlegen. Es ist nicht so, dass diese Aussöhnung an der Stadt Dachau hängt. Dachau wäre das letzte Symbol – aber da muss man einfach Zeit geben und es langsam angehen. Am Ende der Reise haben wir uns jedenfalls alle umarmt und gefreut. 

-Also haben Sie auch Kontakte geknüpft? 

Ja klar, natürlich habe ich etliche Leute kennengelernt, auch im Außenministerium. Das sind sicherlich Kontakte, die man vielleicht irgendwann einmal brauchen kann. -Planen Sie schon die nächste Reise nach Israel? Erst einmal werde meine Eindrücke den Stadträten berichten. Das hilft sicherlich auch, um zu verstehen, wie man solch eine Partnerschaft angehen könnte.

Interview: Nina Praun

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