Engagiert und fröhlich: Mit diesen jungen Hebammen hat Elke Schäl zusammengearbeitet. fotos: privat

Eine Hebamme im Armenhaus der Welt

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Petershausen - Elke Schäl hat es gewagt: Sie war bei einem Auslandseinsatz von „Ärzte ohne Grenzen“ in Pakistan. In einer fremden Kultur, in einem unsicheren Land. Nun ist sie zurück. Hat „Lebenserfahrungszeit“ gesammelt. Und eine neue Erkenntnis gewonnen: Dass sie ein Glückskind ist.

Petershausen/Chaman - An manchen Tagen war es einfach zu viel. Dann setzte sich Elke Schäl vor den Computer und rief ihren Mann an. Über das Internet - so, dass sie auch sein Gesicht sehen konnte. In seine Augen sehen konnte. Dann riss sie sich kurz zusammen und sagte: „Erzähl mir irgendetwas Schönes. Sonst muss ich weinen.“

An diesen Tagen war es fast zu viel für Elke Schäl. Das fremde Land, die fremde Kultur, das unsichere Leben. Aber eben nur fast. Elke Schäl hat durchgehalten. Sie hat ihren Auslandseinsatz für „Ärzte ohne Grenzen“ in Pakistan vollendet. „Lebenserfahrungszeit“ war das, sagt Elke Schäl. Vor genau einem Jahr ist sie losgezogen, mit 50 Jahren, eine Hebamme aus dem Dachauer Hinterland. Nun ist sie wieder daheim in Petershausen. Sitzt im Gruppenraum ihrer Hebammenpraxis, eine Tasse Tee in der Hand. Sie sieht erholt aus, gesund, fröhlich. Weil sie weiß: Sie ist ein Glückskind.

Das sind die meisten Menschen in Pakistan nicht. Besonders in der Gegend, in der Elke Schäl vergangenes Jahr gearbeitet hat: In Chaman. Eine Stadt an der Grenze zu Afghanistan. Sie ist das „Armenhaus“ Pakistans, sagt Elke Schäl. Dort leben hauptsächlich Paschtunen, sunnitische Muslime. Und: Die Frauen dort haben wenig Rechte. „Die Aufgabe einer Frau ist es, Kinder zu kriegen. Und zwar viele. Mehr nicht“, sagt Elke Schäl trocken. „Patriarchalisch“, ist Pakistan, erklärt Elke Schäl.

Was das bedeutet, hat sie selbst erlebt in der Klinik, in der sie gearbeitet hat. Hauptsächlich war sie dafür verantwortlich, 15 junge Hebammen aus- und weiterzubilden. Doch in großen Notfällen wurde sie herbeigerufen. Wie auch der Ehemann der Patientin. Denn verheiratete Frauen entscheiden nicht selbst. Ihr Mann entscheidet. Auch, wenn die Frau in den Wehen liegt, es Komplikationen gibt, und ein Kaiserschnitt nötig wäre. Auch dann. Der Mann entscheidet. Auch wenn er gerade nicht zugegen ist. Sondern erst einmal die Telefonnummer herausgefunden werden muss, er angerufen werden muss, er vielleicht nicht ans Telefon geht, und alle Beteiligten warten müssen. Auf Kohlen sitzen. Auch dann.

Geduld. Die hatte Elke Schäl in Chaman auch nötig. Oder eher: Akzeptanz. Die Akzeptanz dafür, dass das Leben in der dortigen Kultur anders verläuft. „Es gibt dort keinen Notfall“, sagt Elke Schäl. Sie schüttelt energisch den Kopf. Alles, was dort passiert, ist Gottes Wille. Elke Schäl hat dort Notfälle erlebt, die es hier in Deutschland gar nicht mehr gibt. Schwere Schwangerschaftsvergiftungen. Die erst spät erkannt wurden, weil die Frau tagelang warten musste, bis jemand sie in die Klinik brachte. Geburten, bei denen das Baby mit dem Arm voran kam, weil niemand vorher untersucht hatte, wie das Baby im Bauch liegt.

Manchmal kam jede Hilfe zu spät. Dann starb eine Frau. Oder ein Baby. Die Menschen dort sagen dann: „Inschallah.“ Das bedeutet: „So Gott will.“

Es ist, wie es ist.

„Ich wusste das ja alles vorher“, sagt Elke Schäl. „Aber darüber zu reden, ist nochmal was anderes, als es zu erleben.“ Schleier tragen etwa. Jeden Tag. Überall. Nicht alleine auf die Straße gehen dürfen. Nie. Oder mal ein Feierabendbier trinken. Wenigstens zu Hause. All das ist nicht erlaubt. In diese Kultur könnte sie sich nicht integrieren, sagt Elke Schäl. Respektieren kann sie sie. Aber dort leben? Nein.

Sie hat auch viel Positives erlebt, sagt Elke Schäl. Die 15 Hebammen etwa, die sie dort betreut hat. Sie kamen aus Familien, die es sich leisten konnten, auch Töchter auf die Schule zu schicken. Und die den Willen hatten, auch Töchtern eine Ausbildung zu ermöglichen. Eine einzige von ihnen war verheiratet. Ihr Mann hat seiner Frau das Arbeiten erlaubt. Die anderen 14 waren jung und unverheiratet. Sie genießen „einige Jahre der Freiheit“ - einige Jahre, in denen sie arbeiten dürfen, sagt Elke Schäl. Dann werden auch sie verheiratet. In arrangierte Ehen. „Der Weg einer Frau dort ist vorgezeichnet“, sagt Elke Schäl.

Mit ihren 15 Hebammen hat sie sich sehr gut verstanden. „Sie haben Lebenslust“, sagt Elke Schäl. „Das hab ich von ihnen“, sagt sie, streckt ihre Arme vor und zeigt die vielen silbernen Armreifen und Perlenketten, die um ihre Handgelenke baumeln. Sie schüttelt sie, und die Reifen klimpern ganz zart. Elke Schäl kichert.

Die jungen Frauen waren sehr gute Hebammen, sagt Elke Schäl. Sie waren anders als junge Hebammen in Deutschland. „Sie reagieren besser auf Notfälle, eigenständiger“, erklärt Elke Schäl. Sie zuckt mit den Schultern. „Weil sie es auch müssen.“ Dort gibt es eben mehr Notfälle. Weil die Frauen mehr Kinder bekommen, Verhütung gibt es dort nicht. Und weil die Bevölkerung medizinisch nicht gut versorgt ist. Es gibt dort kein Sozialsystem, und nur ein miserables Gesundheitssystem. „Aber es gibt einen fetten Militärhaushalt“, sagt Elke Schäl. „Der Schwerpunkt liegt eben woanders.“

So ein Auslandseinsatz relativiert vieles, sagt Elke Schäl. Sie hat dort begonnen, Tagebuch zu schreiben, jeden Tag. Das erste Mal in ihrem Leben. Und Briefe nach Hause. „Darin habe ich auch vieles aufgearbeitet, viele Emotionen aufgeschrieben“, sagt Elke Schäl. „Dann war ich es los.“ Man wird klüger. Man hinterfragt die eigene Situation. „Was wir manchmal alles so ernst nehmen“, sagt sie und schüttelt den Kopf.

Und doch: „Manches Mal hab’ ich mir die Sinnfrage gestellt.“ Immer wieder hat sie sich dann gesagt: Ich bin nicht da, um was zu ändern. Ich bin da, um Frauen fachkundig zu helfen. Und das hat sie getan, jeden Tag wieder aufs Neue. Egal, was am Tag davor passiert ist. Wie viele Frauen gestorben sind. Oder Babys. „Ich hab’ eben meine Arbeit gemacht.“

Ein Menschenleben ist dort nicht viel Wert, sagt Elke Schäl. Auch das eigene nicht. Das mag an der Religion liegen, bei der die Entscheidungen eben in Gottes Hand liegen. Das mag aber auch damit zu tun haben, dass der Tod permanent präsent ist. Die Menschen sterben. Bei einer Geburt. Wegen einer Krankheit. Weil sie zufälligerweise in eine Schießerei zwischen zwei rivalisierende Banden hineingeraten. Oder weil sie dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort waren - und direkt neben ihnen eine Bombe explodiert.

Die Gewalt dort ist immer gegenwärtig, sagt Elke Schäl. Täglich gibt es dort Opfer. Sie wurde täglich bewacht an ihren Arbeitsplatz gebracht: In einem Fahrzeug mit verhängten Fensterscheiben, die letzten Meter zu Fuß begleitete sie eine Sicherheitskraft. Ihr Wohnheim, das sie mit internationalen Mitarbeiten von „Ärzte ohne Grenzen“ teilte, durfte sie in ihrer Freizeit nicht verlassen. Nie. „ich habe mich nicht eingesperrt gefühlt. Aber es war ein ziemlich neues Lebensgefühl.“ Wenn sie ein paar freie Tag hatte, wurde sie in eine etwas sicherere Stadt gebracht, in ihrem Urlaub wurde sie nach Sri Lanka ausgeflogen. Die Organisation passt auf ihre Mitarbeiter gut auf. Trotzdem wurden im Oktober 22 Mitarbeiter und Patienten bei einem Bombenangriff im afghanischen Kundus getötet. „Das hätte auch mich treffen können“, sagt Elke Schäl. Dieses Gefühl kann man aber gut verdrängen, sagt sie. Muss man. „Man darf nicht ständig darüber nachdenken.“

Jetzt muss sie das nicht mehr. Jetzt ist sie wieder im sicheren Deutschland. Doch offenbar sind viele Menschen um sie herum anderer Meinung. Die Stimmung hier hat sich verändert, sagt Elke Schäl. „Von der Willkommenskultur zur Hasskultur. Das macht mich betroffen.“ Wenn sie von jemandem hört, dass Pakistan ein sicheres Land sei, dann sagt sie: „Du spinnst.“ Was ist ein sicheres Land?, fragt Elke Schäl dann. Bedeutet Sicherheit nur die Abwesenheit von einem offiziellen Krieg? „Pakistan ist nicht sicher“, sagt Elke Schäl. „Ich würde dort auch weglaufen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich kann es nicht mehr hören. Wie wir hier auf einem hohen Ross sitzen und blöd daher reden.“

Sie ist ein bisschen kritischer geworden. Ein bisschen unglücklicher. Ein bisschen trauriger. Aber: „Ich nehme auch mehr wahr. Ich kann mich auch mehr freuen.“ Zum Beispiel darüber: „Welch ein Luxus, zufällig auf der richtigen Seite der Welt geboren zu sein.“

Elke Schäl seufzt.

„Und was für ein Pech, wenn es die andere war.“

Nina Praun

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