Sie setzen sich gegen Gewalt ein: Susann Haak-Georgius, Katharina Westermair und Marlies Schober (v.l.). foto: reg

Eingreifen statt totschweigen

Dachau - „Hier wohnt Familie Schäfer." Es ist ein einfacher Hauptsatz, der die Wanderausstellung des Landratsamtes Dachau einleitet. Doch Familie Schäfer ist keine glückliche Familie: Es ist eine Ausstellung zu häuslicher Gewalt.

Es ist ein einfacher Hauptsatz, der die Wanderausstellung des Landratsamtes Dachau einleitet: Hier wohnt Familie Schäfer. Mit Vater, Mutter und die beiden Kinder Lisa und Patrick. Doch Papa Schäfer wird schnell wütend, er schubst und tritt und haut Mama Schäfer sogar. Es ist eine Ausstellung zu häuslicher Gewalt, die Susann Haak-Georgius, Marlies Schober, und Katharina Westermair von der Dachauer Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt, kurz „Distel“, nun eröffnet haben.

Jede vierte Frau in Deutschland leidet darunter, die Dunkelziffer liegt vermutlich noch viel höher. Doch noch immer ist Gewalt in Familien ein großes Tabuthema. Wegsehen statt helfen, totschweigen statt eingreifen. „Die Ausstellung soll so anonym wie möglich informieren. Personen, die etwas im Landratsamt zu erledigen haben, gehen an den Bildern vorbei. Niemand muss Angst haben, als eine betroffene Person geoutet zu werden“, erklärt Susann Haak-Georgius, die Leiterin der „Distel“. Die Angst sei groß, dass die Mauer bröckelt, dass andere Menschen sehen, dass die eigene Familie alles andere als perfekt ist. Dabei sind es oft die Kinder, die am meisten unter einem gewalttätigen Elternteil zu leiden haben.

„Distel“ bietet den Betroffenen Hilfe an. „Nicht immer ist es zwingend notwendig, dass das Ehepaar sich trennt“, erklärt Mitarbeiterin Marlies Schober. „Wir haben gute Erfahrungen mit einer Anti-Gewalt-Therapie gemacht. Wenn sich beide lieben und der Täter dazu bereit ist, an sich zu arbeiten, kann es funktionieren.“ Häusliche Gewalt ist kein Phänomen, das nur in sozial abgehängten Milieus vorkommt, sondern in jeder Gemeinde, in Familien aller Nationalitäten und sozialen Schichten. „Das Wichtigste ist, erst mal ein Vertrauensverhältnis aufzubauen“, erklärt Haak-Georgius. Doch nicht immer melden sich die betroffenen Personen selbst. „Frauen, die Gewalt erfahren, trauen sich oft nicht, darüber zu sprechen.“ Und Nachbarn, Freunde oder Familienmitglieder wollen sich oft nicht einmischen, schauen lieber weg, als einzugreifen. „Man kann sich bei uns anonym informieren, oder bei der Polizei anrufen. Niemand muss Angst haben, eine Familie auseinanderzureißen“, erklärt Haak-Georgius. Denn das A und O sei es, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Neben der Ausstellung zeigt die „Distel“ auch den Zeichentrickfilm „Kennst Du das auch? Wahre Geschichten von zu Hause“. Vier Kinder erzählen darin von ihrer schrecklichen Situation zu Hause. Denn auch, wenn sie nicht selbst geschlagen werden, leiden sie sehr unter dem aggressiven Verhältnis daheim. „Kindergärtner und Lehrer merken oft am Verhalten der Kinder, dass etwas im Argen liegt, trauen sich aber oft nicht, einzugreifen“, berichtet Schober. So hätte sich die „Distel“ auch gewünscht, bei der Vernissage mehr Lehrer zu sehen: „Wir haben alle persönlich eingeladen.“ Doch kaum einer ist gekommen. Doch die Mitarbeiterinnen wollen noch nicht aufgeben, so Schober: „Es muss ja nicht unbedingt hier sein. Wir würden auch in die Schule kommen, den Film zeigen und mit den Kindern offen über das Thema sprechen.“ Gewalt nicht mehr totschweigen, das ist der erste Schritt, um etwas zu verändern.

Während den Öffnungszeiten des Landratsamtes ist die Ausstellung noch bis Montag, 28. November, im Foyer des Landratsamtes zu sehen. Jeden Tag von 10 Uhr bis 11 Uhr und donnerstags von 15 bis 16 Uhr sind die Mitarbeiter der „Distel“ persönlich vor Ort, zeigen den Film und informieren. „Die restliche Zeit sind wir aber in unserem Büro. Wer den Film sehen möchte oder mit uns persönlich sprechen möchte, darf sich einfach beim Pförtner melden.“

Telefonisch erreichbar ist die „Distel“ zu den üblichen Bürozeiten unter der 0 81 31/7 43 44. In Akutsituationen ist der Frauennotruf unter der Telefonnummer 0 8131/2 63 99 Tag und Nacht erreichbar.

(reg)

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