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Wegen Inflation: Erdbeere wird zum Luxusgut - Bauern schreddern ganze Felder

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Von: Cornelia Schramm

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Die Großhandelspreise für deutsche Erdbeeren sind in den Keller gerast.
Die Großhandelspreise für deutsche Erdbeeren sind in den Keller gerast. © Christoph Soeder/dpa

Die Erdbeere ist die in Inflationszeiten zum Luxusgut geworden. Weil die Nachfrage stark sinkt, haben Erdbeerbauern heuer schon ganze Felder geschreddert. Auch bayerische Bauern sind besorgt.

Ebersried – Für Manfred Wolf ist die Erdbeere immer wieder für ein Wunder gut. „Schon öfter startete eine Saison schlecht“, sagt der Erdbeer- und Spargelbauer aus Ebersried (Kreis Dachau). „Am Ende hat die Bilanz aber doch gestimmt.“ Deshalb will Wolf noch nicht zu pessimistisch sein, fürchtet aber trotzdem eine miese Saison. Denn eines merkte der 50-Jährige schon zu Beginn deutlich: „Die Kaufzurückhaltung ist heuer größer als sonst.“

Erdbeeren günstiger als im Vorjahr – Nachfrage unterdurchschnittlich

Was der Bayerische Bauernverband dieses Jahr schon beim Spargel beobachtet hat, setzt sich jetzt bei der Erdbeere fort. „Die Leute schauen mehr auf ihr Geld“, erklärt eine Sprecherin. „2021 waren heimische Erdbeeren im Großhandel deutlich teurer. Trotzdem ist dieses Jahr die Nachfrage schwächer – an Bio-Produkten und Luxusobst und -gemüse wird jetzt wohl gespart.“ 2020 und 2021 sei die Nachfrage überdurchschnittlich gewesen. Heuer unterdurchschnittlich.

Der diesjährige Nachfrage-Dämpfer, die hohen Erntekosten sowie die Billigkonkurrenz aus anderen EU-Ländern, wie Italien und Griechenland, machen Erdbeerbauern zu schaffen. Bis Ende Juni betreibt Manfred Wolf in den Landkreisen Dachau und Fürstenfeldbruck Felder zum Selbstpflücken. „Das Kilo kostet wie vergangenes Jahr 5,80 Euro. Diesen Preis können wir aber nur halten, weil wir die erhöhten Verpackungs- und Energiekosten selbst tragen und bei Selbstpflückfeldern keine Lohnkosten anfallen.“ Anders ist das bei den Erdbeeren, die er erntet und an Supermärkte verkauft.

Erdbeeren: Perfekte Bedingungen, doch die Nachfrage fällt mit dem Angebot

„Vor vier Wochen sind die Großhandelspreise für Erdbeeren deutschlandweit in den Keller gerast. Der Preis lag weit unter dem, was mich als Landwirt Anbau und Ernte samt Löhnen kosten“, erklärt Wolf. Seine Erdbeeren waren da noch grün. In Berlin und Nordrhein-Westfalen aber, wo die Erdbeer-Saison im Mai in vollem Gange war, blieb vielen Bauern keine Wahl: Ihre Erdbeeren ernteten sie lieber nicht, als am Ende obendrauf zu zahlen. Einige haben Felder geschreddert – aus Protest oder um kurzfristig vielleicht doch noch eine andere Saat auszubringen.

„Solch brutale Fälle sind in Bayern nicht bekannt“, erklärt die Sprecherin des Bayerischen Bauernverbandes. „Dass darüber aber viel berichtet und diskutiert wurde, hat sich kurzfristig positiv auf die Nachfrage ausgewirkt und Kunden sensibilisiert.“ Diese griffen im Supermarkt wieder häufiger zu den Schälchen mit heimischen Erdbeeren – obwohl die teurer als ausländische sind. In Ländern wie Spanien, Griechenland und Italien gibt es in der Landwirtschaft weniger Umwelt- und Pflanzenschutzauflagen. Zudem gelten viel geringere Mindestlöhne für die Erntehelfer. Und das drückt den Preis.

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„Auch in Bayern haben die Landwirte heuer Probleme, ihre Ware kostendeckend im Handel zu verkaufen“, heißt es vom Bayerischen Bauernverband. Besser gestellt seien Bauern mit Selbstpflückfeldern oder eigenem Hofladen. „Alle anderen müssen zu dem Preis verkaufen, den der Großhandel tagesaktuell bestimmt und die Supermärkte bezahlen.“ Wenig Unwetter, viel Sonne – es herrschen ideale Bedingungen für die süßen Früchtchen. Aber gibt es sie in rauen Mengen, drückt auch das den Preis.

Bayern: Immer weniger heimische Erdbeeren – Handel kauft im Ausland

Für Wolf steht fest: Das Geschäft mit den Erdbeeren wird immer unplanbarer. Viele in der Region werden den Anbau von Erdbeeren in den nächsten Jahren wohl einschränken oder gar aufgeben, glaubt er. „Ab Oktober beträgt der Mindestlohn zwölf Euro. Pro Erntehelfer sind das 20 Prozent mehr – und das muss auf die Preise umgelegt werden“, sagt er. „Die Leute wollen aber schon jetzt nicht mehr für bayerische Ware zahlen. Also ist die Situation heuer wohl ein Vorgeschmack auf die Zukunft.“

Um diesem Trend entgegen zu wirken, fordert der Bauernverband einen einheitlichen Mindestlohn für alle EU-Länder. Bis dahin zieht Wolf wie viele andere die Reißleine: „Für nächstes Jahr mussten wir ja schon ansähen. Wir haben eineinhalb Hektar weniger Erdbeeren gepflanzt.“ Statt 25 Pflücker braucht Manfred Wolf 2023 dann nur noch 19. „Wenn der Handel weiter da kauft, wo es am billigsten ist, wird es im Supermarkt wohl bald immer weniger heimische Erdbeeren geben.“

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