Mann und Frau vor einem aufgelösten Grab
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Fassungslos an der Stelle, wo das Grab ihres Onkels war: Martin Ziegenaus junior und seine Schwester Eleonore Pucher.

Familie fürchtet um das wertvolle Grabkreuz

Das verschwundene Priestergrab

In Kleinberghofen wurde das viel besuchte Grab von Pfarrer Herbert Ziegenaus dem Erdboden gleichgemacht. Die Familie des Verstorbenen ist entsetzt.

Kleinberghofen – Martin Ziegenaus ist immer noch den Tränen nahe. Er muss mehrmals schlucken, wenn er davon erzählt, was ihm vor ein paar Tagen auf dem Friedhof in Kleinberghofen passiert ist. Der 88-jährige Rentner wollte zusammen mit seiner Frau Josefine (85) das Grab seines Bruders besuchen. Ein gewohnter Gang seit über zwölf Jahren. Im Juni 2009 verstarb Pfarrer Herbert Ziegenaus und fand seine letzte Ruhe auf dem Friedhof in Kleinberghofen. Doch bei diesem Grabbesuch traute das Ehepaar Ziegenaus seinen Augen nicht.

Das Grab des Bruders war weg. Von heute auf morgen dem Erdboden gleichgemacht. Das schmiedeeiserne Kreuz, das sich der Pfarrer zu Lebzeiten selbst ausgesucht hatte, war abgesägt, die Grabbepflanzung herausgerissen, und die Umrandungssteine sowie das Weihwasserbecken waren entfernt. Die verbliebene Erde wurde geradegerecht, als hätte es dieses Grab nie gegeben.

Das Ehepaar rief sofort Sohn Martin Ziegenaus junior an. Auch er konnte nicht glauben, was er sah – beziehungsweise nicht mehr sah. „Onkel Herbert hat sich das Grabkreuz und den Platz am Eingang des Friedhofes für seine letzte Ruhestätte selbst ausgesucht“, erinnert sich der 58-Jährige. „Es war im Herbst 2008, als mir mein Onkel eher nebenbei erzählte, dass er an einer schweren Krankheit leide und wohl nicht mehr so lange zu leben habe. Er machte kein großes Aufsehen darum, so war seine bescheidene Art. Er bat mich, ihn zu einem Antiquitätenhändler zu fahren, weil er sich dort ein altes, geschmiedetes Kreuz für sein Grab herausgesucht habe und kaufen wolle.“

Es war ihm wichtig, in Kleinberghofen bestattet zu werden

Im Jahr 2009 verstarb der Seelsorger Herbert Ziegenaus.

Eigentlich hätte Pfarrer Herbert Ziegenaus Anrecht auf ein Priestergrab in München gehabt, wo er zuletzt wohnte. Doch es war ihm sehr wichtig, in seinem Geburtsort Kleinberghofen bestattet zu werden, dort, wo er 1934 geboren wurde. In 48 Jahren als leidenschaftlicher Seelsorger war er an verschiedenen Wirkungsstätten tätig: als Kaplan in Palling, der Pfarrei Herz Jesu München, in Thalkirchen und in Grafing. Danach war er Pfarrer in Haag und bis zu seiner Pensionierung in St. Bernhard, Fürstenfeldbruck. Im Ruhestand war er gerne wieder für seine Heimatpfarrei Kleinberghofen tätig.

„Am Todestag unseres Onkels haben wir seinen letzten Willen erfüllt und das Grabkreuz noch vor seiner Beerdigung auf einem kleinen Felsbrocken an der Grabstelle montiert“, erzählt Eleonore Pucher. Die 61-Jährige ist die Schwester von Martin Zie-
genaus junior und somit die Nichte des Verstorbenen. „Mich hat die Nachricht über das eingeebnete Grab unseres Onkels völlig überraschend im Italien-Urlaub erreicht“, erzählt sie. „Ich konnte es erst gar nicht glauben, als mich ein Kleinberghofener per WhatsApp anschrieb und fragte, warum Onkel Herberts Grab weg ist.“

Viele Menschen besuchten das Grab regelmäßig

Die Grabstätte sei nicht nur ein oft besuchter Ort der Familie gewesen, sondern auch viele Menschen aus den verschiedenen Pfarreien, in denen Pfarrer Ziegenaus gewirkt hat, haben die Ruhestätte regelmäßig besucht. „Selbst Menschen, die unseren Onkel auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela kennengelernt haben, besuchten bis heute sein Grab und haben dort Muscheln und Gedenksteine niedergelegt.“ Daran merke man deutlich, so Pucher, dass hier neben dem familiären auch ein großes öffentliches Interesse an der letzten Ruhestätte des beliebten Seelsorgers bestünde. „Mir kommt es so vor, als ob hier die Erinnerung ausgelöscht werden sollte“, ergänzt ihr Bruder.

Auch, wenn die Geschwister und deren Eltern das Grab bisher pflegten, rechtmäßige Besitzer sind sie nicht. Pucher erzählt, dass nach dem Tod des Onkels vor zwölf Jahren bekannt wurde, dass der Geistliche eine weitere Nichte, die Tochter seiner verstorbenen Schwester, adoptierte. Sie ist somit als Alleinerbin auch die rechtmäßige Besitzerin des Grabes. Als solche soll sie bereits mehrfach versucht haben, das Grab ihres Onkels auflösen zu lassen.

Eine Tatsache, die die Familie Ziegenaus/Pucher nicht verstehen kann. „Onkel Herbert hat sein Grab für 15 Jahre bezahlt, es würden also die nächsten drei Jahre sowieso keine Kosten auf irgendjemanden zukommen“, erklärt Martin Ziegenaus.

Die Cousine wollte das Grab bereits mehrmals auflösen

Ob das Grab tatsächlich von der eigenen Cousine eliminiert wurde, können weder er noch seine Schwester sagen. Vergeblich haben die beiden versucht, ihre Cousine zu erreichen. Die rechtmäßige Besitzerin des Grabes, die selbst nicht im Landkreis, sondern im Raum Rosenheim lebt, ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Familie fürchtet um das wertvolle Grabkreuz

Das Grabkreuz wurde einfach abgesägt. 

Die Ruhezeit eines Grabes betrage 15 Jahre, so Eleonore Pucher. Ob es sich bei dem Vorfall um eine Störung der Totenruhe handelt, wird laut der 61-Jährigen voraussichtlich die Rechtsabteilung des Ordinariates klären, „da es sich um ein Priestergrab handelt“. Martin Ziegenaus will indes verhindern, dass das wertvolle Grabkreuz, das seinem Onkel so am Herzen lag, irgendwo im Internet „verscherbelt“ wird. „Und wenn es tatsächlich um die Kosten gehen sollte, wir würden das Grab sofort übernehmen, das ist keine Frage“, so der 58-Jährige, der sich für seine Familie, seine Eltern und den vielen Menschen, die Pfarrer Herbert Ziegenaus nahestanden, wünscht, dass es am Kleinberghofener Friedhof wieder den Platz zum Gedenken gibt, den sich der Verstorbene einst so sehr gewünscht hat.

Christian Chymyn

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