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Ungewöhnlichstes Verbrechen in der Region: Räuber nimmt Familie als Geiseln - bis heute keine einzige Spur

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Von: Thomas Zimmerly

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Gertraud Loderer mit den Zeitungsartikeln über den Bankraub
Gertraud Loderer mit den Zeitungsartikeln über den Bankraub: Vor 30 Jahren war sie mit Mann und Sohn vom Täter als Geisel genommen worden. © Thomas Zimmerly

Vor 30 Jahren spielte sich im Dachauer Hinterland ein Geiseldrama ab: Ein Ganove behielt eine Familie 17 Stunden in seiner Gewalt. Der Vater war Filialleiter einer Bank, die der Bandit ausraubte.

Großberghofen – Über eine lange Zeit hat der Räuber den Tagesrhythmus der Loderers ausspioniert. Am Nachmittag des 28. November 1991 schlägt er zu. Mit einem Brecheisen hebelt er ein Kellerfenster des Einfamilienhauses der Familie in Großberghofen (Kreis Dachau) auf. Dann wartet er im Haus. Sein Plan ist simpel: sich den Leiter der Odelzhauser Zweigstelle der Volksbank, Leonhard Loderer, schnappen, mit ihm zur Bank fahren, den Tresor ausräumen und ab durch die Mitte.

Bei Einbruch: Räuber bedroht Student mit Schusswaffe - und umwickelt ihn mit Klebeband

Um 16 Uhr ist sein Vorhaben durchkreuzt. In dem Moment, als der Sohn des Filialleiters in der Eingangstür steht. Der damals 21-jährige Jurastudent kommt früher heim, weil seine Vorlesung ausgefallen ist. Doch der Einbrecher bleibt eiskalt. Mit vorgehaltener Schusswaffe wird der Student gezwungen, still zu halten. Der Räuber umwickelt ihn von Kopf bis Fuß mit schwarzem Klebeband und legt ihn auf den Boden.

Es ist der Beginn des wohl ungewöhnlichsten Verbrechens in der Geschichte des Dachauer Lands. 17 Stunden dauert die Geiselnahme. Nicht weniger als sieben Menschen bringt der Räuber in seine Gewalt. Eine der Geiseln ist Gertraud Loderer, die Ehefrau des Filialleiters. Noch heute, 30 Jahre nach dem Überfall, hat sie die Bilder vor Augen.

17 Stunden Geiselnahme: Verbrecher bringt sieben Menschen in seine Gewalt

Den Revolver mit dem elfenbeinfarbigen Schaft, der immer wieder auf sie gerichtet war. Die riesige schwarze Tasche des Räubers. Seine Sturmhaube mit den großen Augenlöchern. Seine ruhige, eindringliche Art zu sprechen. „Wenn Ihr kooperiert, passiert nichts, hat er immer wieder gesagt“, erinnert sich die damals 44-Jährige. Und: „Ich brauche das Geld!“ „Alles“, so fügt sie hinzu, „sitzt mir noch heute tief in den Knochen.“

Überfall in Großberghofen: Der Gangster nimmt die ganze Familie als Geiseln

Um 19.15 Uhr an jenem 28. November 1991 kommt Leonhard Loderer, damals 52, von der Arbeit nach Hause – und blickt in die Mündung einer Waffe. Der Bandit fordert ihn auf, mit ihm nach Odelzhausen zurückzufahren, zum Tresor. Doch das geht nicht. Die frisch renovierte Filiale hat nun einen Zeitmechanismus. Erst am nächsten Morgen könne er Schalterraum und Tresor wieder öffnen, gibt Loderer zu verstehen. Doch der Mann mit der Sturmmaske behält die Nerven. Er „verpackt“ Loderer wie vorher dessen Sohn. Dann wartet er auf die Rückkehr von Gertraud Loderer.

Gegen 22 Uhr kehrt die Tanzlehrerin von einer Fortbildung in München heim nach Großberghofen. Auch sie wird sofort abgefangen, bekommt ein großes Handtuch über den Kopf geworfen. „Ich darf ihn nicht anschauen, hat er zu mir gesagt“, erinnert sich die heute 74-Jährige. Und tatsächlich bekommt Gertraud Loderer nie das Gesicht des Räubers zu sehen. Nur seine Gestalt. So um die 30 schätzt sie ihn. Vielleicht 1,74 Meter groß. Zu schwarzer Jacke und Hose trägt er braune Cowboystiefel. Was sie bis heute beschäftigt: „Er hat bayerische Mundart gesprochen so wie die Leute bei uns.“ War der Mann aus der Gegend?

Geiseldrama im Landkreis Dachau: Frau bekommt nie Gesicht des Räubers zu sehen

Gegen 23 Uhr verfrachtet der Ganove die Loderers hinauf ins Schlafzimmer. Allen wird klar: Er wartet auf den nächsten Morgen. Nur die Kerzen des Adventskranzes erhellen das Zimmer. Er besorgt noch schnell etwas zu trinken und Zeitschriften. Dann sperrt er ab und setzt sich vor die Tür. Hinter der Schlafzimmertür denkt niemand ans Schlafen. „Lasst und froh und munter sein“ – ausgerechnet den Text des heiteren Nikolausliedes entdeckt Gertraud Loderer in einer der Zeitungen.

„Ich habe das stundenlang rauf und runter gebetet.“ Um 3.30 Uhr wird sie jäh unterbrochen – vom Lauf des Revolvers. „Wir müssen zur Bank“, sagt der Räuber. Aber vorher verlangt er Kaffee. Gertraud Loderer kocht welchen. Nachdem er die Tasse sorgsam ausgewaschen und in die Spüle gestellt hat, schiebt er Leonhard und den Sohn, beide mit Handschellen gefesselt, auf dem Rücksitz des weißen Opel Kadetts von Gertraud Loderer. Sie selbst wird auf den Fahrersitz geschubst. Der Räuber setzt sich neben sie. Seine Waffe auf die Fahrerin gerichtet. „Fahren Sie jetzt bloß gescheit, hat er gesagt“, erinnert sich die 74-Jährige. Dann gleitet das Auto bei Nacht und dichtem Nebel in Richtung Odelzhausen.

Geiseldrama in Großberghofen: Täter verschwindet mit 270.000 Mark

Wenig später dirigiert der Geiselnehmer den Wagen 150 Meter von der Bank entfernt an den Straßenrand. „In den Häusern um uns rum brannte schon Licht. Ich bin ganz langsam gegangen und habe gehofft, dass uns jemand sieht“, so Gertraud Loderer. Doch niemand nimmt von den vier Personen Notiz, die sich in Richtung des Geldinstituts bewegen. Im hinteren Bereich der Volksbank warten sie, bis es 7 Uhr wird, sich der Tresor öffnen und blitzschnell ausräumen lässt.

Doch um Punkt sieben ist der Plan Geschichte. Exakt zu diesem Zeitpunkt betreten die Putzfrau, ihr Ehemann sowie zwei Bankangestellte den Schalterraum. Der Geiselnehmer tritt dem Quartett mit dem Revolver in der Hand entgegen und lässt sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen, als er vom Putzfrau-Ehemann angeraunzt wird: „So ein Bankraub wird sich nicht lohnen, da werden sie eingesperrt!“ Gertraud Loderer wird niemals vergessen, wie der Schurke zu ihrem Mann sagt: „Herr Loderer, sorgen Sie für Ruhe!“

Schließlich landen der Geiselnehmer und seine mittlerweile sieben Gefangenen unten im Tresorraum, wo sich der Mann mit den Cowboystiefeln bedient. 270 000 Mark in Banknoten verschwinden in seiner riesigen Tasche. Um 9.15 Uhr verschwindet auch der Räuber – nachdem er seine Geiseln im Vorraum zum Tresor eingesperrt hat.

Mit dem Opel der Loderers braust er davon. Gegen 10 Uhr am Freitag, 29. November 1991, werden die Gefangenen befreit. Jemand hat ihr Klopfen gehört. Die Polizei wird verständigt. Zwei Tage später entdeckt eine Reiterin das Auto in einer Senke – nur 200 Meter vom Haus der Loderers in Großberghofen entfernt. Vom Räuber und dem Geld fehlen bis heute jede Spur.

Nach Geiselnahme: Unbekannter Täter hat keine verwertbare Spuren hinterlassen

„Ich mag nicht mehr heim!“ Dies waren die ersten Gedanken von Gertraud Loderer nach ihrer Befreiung. Doch noch immer wohnt sie in dem Haus, in dem sie überfallen wurde. Lange Zeit sei sie bei jedem „Knarren oder Knaxen“ aufgeschreckt. „Keiner hat uns damals psychologische Betreuung angeboten, niemand hat uns gefragt, wie’s uns geht.“

Inzwischen hat sie eine Einbruchssicherung einbauen lassen. Ihr Sohn wohnt mit Frau und zwei Kindern nur einen Katzensprung entfernt. Er möchte sich nicht mehr äußern. Leonhard Loderer ist sechs Jahre nach der Geiselnahme vorzeitig in den Ruhestand gegangen – nachdem er in der Bank noch zwei weitere Male überfallen worden war. Er starb 2011.

„Weder bei der Kriminalpolizeiinspektion Fürstenfeldbruck noch bei der Polizeiinspektion Dachau finden sich Zeitzeugen. Einige der damals tätigen Beamten sind bereits verstorben. Ein ehemaliger Kriminalbeamter, selbst weit über 70 Jahre alt, kann sich an den Fall erinnern, möchte aber nicht interviewt werden“, lässt das Polizeipräsidium Oberbayern-Nord ausrichten.

Gertraud Loderer schaut damals wie heute sehr gerne „Aktenzeichen XY... ungelöst“. Das Geiseldrama von Großberghofen kam in der Sendung nie vor. Vielleicht deshalb, weil der Räuber von damals keine einzige verwertbare Spur hinterlassen hat.

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