Mut zur Erinnerung

Dachau - Es begann vor 30 Jahren, als kleines Zeltlager, von vielen kritisch beäugt. Mittlerweile wird die Internationale Jugendbegegnung in Dachau hochgelobt. Denn dort können die Jungen von den Alten lernen. Mut, zum Beispiel. Und: das Erinnern.

Es gab eine Zeit, in der Bernard Marks nicht freiwillig nach Deutschland kam. Eine Zeit, in der die Wunden noch zu frisch, die Erinnerungen an die Naziherrschaft noch zu schmerzhaft waren. Erinnerungen an Zwangsarbeit, an Todesangst, an fürchterlichen Hunger, an seine Mutter und seinen Bruder, die er zuletzt als Kind mit zwölf Jahren zuletzt gesehen hat. Erinnerungen, die Bernard Marks das ganze Leben lang nicht losgelassen haben.

Doch nun sind sie ihm wichtig, die Erinnerungen. Denn er will sie weitergeben, an künftige Generationen. Damit solche Gräueltaten nie wieder passieren. Darum ist Bernard Marks dieses Mal gerne nach Dachau gereist, zur Internationalen Jugendbegegnung. Er ist gekommen, um den rund 100 Jugendlichen aus der ganzen Welt vom Leben und Überleben in den Konzentrationslagern in Auschwitz und Kaufering zu erzählen. Und er ist gekommen, um ihnen Mut zu machen: Mut, sich gegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu wenden, Mut, auch in ihrem eigenen Leben sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Beim „Dialog der Generationen“ sitzt der 80-jährige Marks mit Mirjam Ohringer, einer weiteren Zeitzeugin, auf dem Podium. Zwischen den beiden: vier Jugendliche. Eine davon ist Jovana Trifunovic aus Serbien. Ein 17-jähriges blondes Mädchen, hübsch, jung, selbstbewusst, mit einer bunten Jacke und hochhackigen Schuhen. Aufmerksam verfolgt sie die Diskussion. Schließlich wendet sich Marks an sie: Ob sie denn Gemeinsamkeiten zwischen ihrer heutigen Situation und der damaligen sehen würde, will er wissen. Jovana stutzt. In ihre Augen treten Tränen, ihre Stimme ist brüchig, als sie antwortet. Sie erzählt, dass auch sie sich oft stimmlos gefühlt hat. Auch in ihrem Leben hat es ein Ereignis gegeben, das sie nie vergessen wird. Es war im Jahr 1999: Jovana war damals ein kleines Mädchen, erst vier Jahre alt, als sich plötzlich ihr ganzes Leben änderte, als im Kosovo-Krieg Belgrad bombardiert wurde, als ihr Vater als Soldat fiel. Heute hat Jovana nur einen Wunsch: „So etwas soll sich nie wiederholen“.

Deshalb war es ihr wichtig, zur Jugendbegegnung zu kommen. Wie Sharon Nemes und Yuval Jaboby. Die beiden 17-jährigen gehören zu einer Schülergruppe aus Israel, die derzeit einen Schüleraustausch mit dem Otto-von-Tauben Gymnasium in Gauting macht und nehmen im Rahmen dessen auch bei der Jugendbegegnung teil. Beide hatten selbst Großväter, die im Dritten Reich von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Jetzt sind sie zurückgekehrt, um das andere Deutschland kennen zu lernen: „Ich lernte, dass es viele Menschen gibt, die Frieden und gute Beziehungen wollen. Es macht einfach Spaß“, fasst Yuval seine Erfahrungen auf der Jugendbegegnung zusammen.

Spaßhaben und feiern gepaart mit Informationen über den Holocaust, Ausgrenzung und Rassismus sowie Zeitzeugengespräche. Diese Grundideen sind seit der Geburtsstunde vor 30 Jahren der Internationalen Jugendbegegnung gleichgeblieben. Auch wenn sich ansonsten so einiges verändert hat: Damals war das Treffen noch ein Zeltlager, die Teilnehmer stammten meist aus Deutschland - und viele Dachauer sahen es sehr kritisch.

Doch mittlerweile kommen die Jugendlichen aus über 20 verschiedenen Nationen, nächtigen im Jugendgästehaus, und das Ansehen der Veranstaltung hat sich komplett geändert, wie Oberbürgermeister Bürgel bei der Jubiläumsfeier deutlich machte: „Internationale Kontakte sind ein wichtiger Bestandteil des heutigen Dachaus. Erinnerungsarbeit kann nur dann erfolgreich sein, wenn sich die Jugend trifft.“ Auch die Politikwissenschaftlerin und zweifache Bundespräsidentschaftskandidatin Gesine Schwan als Festrednerin betonte: „Es braucht eine öffentliche Auseinandersetzung. Wir wissen alle, dass Geschichte sich nie so wiederholt, wie sie einmal stattgefunden hat, aber wir müssen aus dem, was geschehen ist, lernen.“

Lernen, damit künftig nicht wieder die gleichen Fehler gemacht werden. Lernen, damit sich die Atmosphäre der internationalen Jugendbegegnung auch im alltäglichen Leben verbreitet. Eine Atmosphäre der Freundschaft, der Verständigung und der Solidarität - quer über alle nationalen Grenzen und Gräben hinweg. Eine Atmosphäre des Friedens.

(cla)

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