„Ernst Grube wird bald 80“, sagte Jutta Neupert. „Ernst Grube wird hoffentlich 100“, antwortet er. Foto: kwo

Ernst Grube erinnert unter Beobachtung

Dachau - Ernst Grube wird nicht müde. Auch mit 79 Jahren hat der KZ-Überlebende und politische Aktivist noch einiges zu sagen - und muss sich sogar vom Bundesverfassungsschutz beobachten lassen.

Ernst Grube kämpft sein ganzes Leben lang. Erst gegen die Nazis, später gegen Faschismus und gegen das Vergessen. Leicht ist das bis heute nicht - doch wenn es ums Kämpfen, geht hat der 79-Jährige eine unerschöpfliche Energie.

Im Rahmen des 13. Dachauer Symposiums für Zeitgeschichte, das sich in diesem Jahr dem Thema „Mitten im Land der Täter: Juden in Deutschland. Alltag und Erfahrung nach der Shoah“ widmete, erzählte Grube von seinen persönlichen Erfahrungen der Nachkriegszeit.

Seine Mutter war Jüdin, sein Vater engagierter Kommunist. Die Jahre von 1938 bis 1943 verbrachte Grube, von den Nationalsozialisten als „Geltungsjude“ kategorisiert, getrennt von seinen Eltern. Zuerst in einem jüdischen Kinderheim in Schwabing, dann im KZ Theresienstadt, ehe er mit zwölf Jahren zu seiner Familie zurückkehren konnte.

„Ich hatte keine Schule, keine Freunde“, so beschreibt er im Gespräch mit der Dachauer Historikerin und Filmemacherin Jutta Neupert sein soziales Umfeld gegen Ende des Krieges. Zum Vorbild nahm er sich den Vater, bei dem er eine Malerlehre abschloss und durch den auch der Kontakt zu politischen Kreisen entstand. „Es war eine Zeit des Suchens, aber auch eine Zeit des Kennenlernens“, erinnert sich Grube.

Bis heute bezeichnet sich Ernst Grube als Kommunist, er tritt aktiv für die antifaschistische Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) ein, ist Mitglied der DKP und spricht an Schulen, bei Podiumsdiskussionen und Demonstrationen als Zeitzeuge, Aufklärer und sozialer Mahner.

Die von ihm angetriebene Vergangenheitsbewältigung verlief lange problematisch: „Direktoren wurden teilweise gewarnt, mich an ihre Schulen einzuladen“, berichtet der Zeitzeuge. „Aber gemacht haben es die meisten trotzden.“ Auch die Fachwissenschaftler des Dachauer Symposiums halten fest, dass besonders der Errichtung des Jugendgästehauses, in dem die Konferenz seit 2000 stattfindet, immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden. „Erinnerung allein schafft noch kein Bewusstsein“, unterstreicht Projektleiterin Sybille Steinbacher. „Aufklärung, Reflexion und kritische Auseinandersetzung“ müssen der Erinnerung folgen.

Für diese kritische Auseinandersetzung steht Ernst Grube. Sein politische Engagement brachte ihm einen Eintrag im Bundesverfassungsschutzbericht als Verfassungsfeind ein, was zu erheblichem Protest unter seinen Unterstützern führte. In diesem Jahr wird Grube nicht mehr in der Liste der politischen Extremisten geführt, „aber beobachtet werde ich trotzdem noch“, erklärt er. Seine Meinung dazu könnte nicht klarer sein: „Die Beobachtung meiner Person ist eine konkrete Sauerei. Das Verhalten gegenüber dem linken Flügel der VVN eine umfassende Sauerei.“ Resignation? Nicht bei Ernst Grube.

Dabei geht es ihm nicht primär um eine politische Richtung, um die Verteidigung einer Partei: „Für mich zählen die Menschen.“ Auch in Fragen der Religion. Grube hat seine jüdischen Wurzeln größtenteils hinter sich gelassen und bezeichnet sich heute als Atheist. Und wie geht es weiter? „Der Grube wird 80“, sagt Jutta Neupert mit einem Lächeln. „Der Grube wird hoffentlich 100“, entgegnet der Protagonist trocken. Von Müdigkeit keine Spur.

Dominik Göttler

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