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Große Trauer um Tilman T.

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Unter großer Anteilnahme ist Tilman T. beigesetzt worden © dpa

München - Vor einer Woche wurde der Münchner Staatsanwalt Tilman T. im Gerichtssaal erschossen. Am Donnerstag nahmen Familie und Kollegen Abschied von dem jungen Mann, dessen gewaltsamer Tod Trauer und Bitterkeit hinterlässt.

Es ist etwa ein Jahr her, da unterhielt sich Tilman T. mit seinem Vater Martin über ein Gedicht von Brecht. „Von der Freundlichkeit in der Welt“ heißt es. Vater und Sohn liebten die Poesie, und sie liebten dieses Gedicht. Martin T. wollte, dass sein Sohn Tilman es auf seiner Beerdigung vorliest. Irgendwann einmal.

„Was für ein Rollentausch“, sagt Martin T.. Im schwarzen Anzug steht er am Donnerstag in der kalten Aussegnunghalle am Münchner Nordfriedhof. Keine fünf Meter von dem braunen Sarg entfernt, in dem sein Sohn Tilman liegt. Getötet durch drei Schüsse vor einer

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Woche im Amtsgericht Dachau. Martin T. hält sich mit beiden Händen an einem Lesepult fest. Vor ihm sitzen und stehen hunderte Menschen, die von seinem Sohn Abschied nehmen wollen. Tilman T. hübsche Frau Gretchen, seine Mutter Monika, Staatsanwälte, Polizisten, Justizministerin Beate Merk, Freunde, Kollegen. Auch der Dachauer Amtsrichter ist gekommen. Er hatte sich an jenem verhängnisvollen Mittwochnachmittag vor den Schüssen ducken können. Als der Schütze Rudolf U. ihn nicht traf, zielte er auf den jungen Staatsanwalt. Martin T. zittert am ganzen Körper, er spricht langsam und leise, als er das Gedicht vorträgt: „Von der Erde voller kaltem Wind// Geht ihr all bedeckt mit Schorf und Grind// Fast ein jeder hat die Welt geliebt// Wenn man ihm zwei Hände Erde gibt.“ Einige Menschen halten sich in den Armen, viele weinen, viele blicken einfach nur ins Leere.

Auf der Beerdigung wird ein Bild des 31-Jährigen gezeichnet, das einen sehr beliebten Menschen und talentierten Juristen zeigt. Einen, der Karriere machen wollte – aber nicht um jeden Preis. T.s Doktorvater spricht von dessen Arbeit über europäisches Insolvenzrecht, die immer noch auf seinem Schreibtisch liege. Er bezeichnet sie als ein Juwel, als wegweisend. Er will sie bald als Buch veröffentlichen. Und er ist sich sicher: „Mit seinem Talent und seiner heiteren Art hätte er es bis ans Bundesverfassungsgericht gebracht.“

Dann spricht einer von Tilman T. Freunden. Auch er versucht vorne am Pult Halt zu finden, irgendwie, tritt immer wieder von einem Bein auf das andere, seine Stimme ist dünn. Aber diese Facette von Til, die sollen alle kennenlernen. Er erzählt von einem „Pearl Jam“-Konzert im Jahr 2006 in Berlin. Eigentlich hätte Til zu dem Zeitpunkt für seine Abschlussprüfungen lernen müssen – so wie seine Kommilitonen. Aber die beiden fuhren auf das Konzert, und im Anschluss trafen sie zufällig den Sänger der Band. „Danke für die Musik“, sagte der Freund damals völlig verdattert zu dem Rockstar. „Damit hat er mich immer wieder aufgezogen. Im Moment wünsche ich mir aber nichts mehr, als dass er mich noch einmal auslacht.“

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Zu all den Anekdoten, den Tränen und dem ratlosen Kopfschütteln mischt sich Bitterkeit, als Tilman T.s Mutter Monika spricht. Sie erzählt gefasst von Kunst, von Literatur, von Fotographie. Von den Abenden mit ihrem Sohn, in denen sie über all das gesprochen haben. An diesen Erinnerungen hält sie sich fest. Sie geben ihr die Kraft, die sie braucht, um mit der quälenden Ungewissheit umgehen zu können, ob ihr Sohn bei besseren Kontrollen noch leben könnte. Nicht nur wegen menschlicher Aggression sei er nun tot, „sondern wegen Trägheit und Verstocktheit“, sagt sie.

Auf dem Weg zum Grab unterhalten sich zwei Männer leise über den Spitzenjuristen. Darüber, dass er wegen seines autistischen Zwillingsbruders die Karriere im Ausland aufgab, um sich in München um ihn kümmern zu können. Darüber, wie ungewöhnlich heiter und locker er für einen ehrgeizigen Juristen in seinem Alter war. Darüber, wie sehr er fehlen wird.

Patrick Wehner

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