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„Ich war ein ganz normaler deutscher Junge“: Erwin Schild spricht im Rathaus über seine Inhaftierung.

In Dachau legte er ein Gelübde ab

Ex-KZ-Häftling erinnert sich: "Es waren Teufel"

Dachau - Mit 18 Jahren wurde Erwin Schild im KZ Dachau inhaftiert - kurz nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Nun, 76 Jahre später, sprach der Zeitzeuge in Dachau über die schrecklichen Erlebnisse dieser Nacht - und über sein Gelübde.

Er las gerne Karl May, Goethes Faust und kannte nahezu alle Märchen der Brüder Grimm auswendig. „Ich war ein ganz normaler deutscher Junge“, sagt Erwin Schild über sich. Dass ihn auf einmal jemand aus dem „Alltag der deutschen Kultur“ ausschließen könnte, darauf war Erwin Schild nicht vorbereitet. Und doch musste er es hinnehmen. Im Zuge der nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen in der Reichspogromnacht 1938 wurde der 18-jährige Erwin Schild im KZ Dachau inhaftiert.

Heute, 76 Jahre später, sprach er im Dachauer Rathaus über sein Leid, aber auch über die schönen Seiten seines Lebens. Seine Erinnerungen waren Teil der Gedenkveranstaltung im Dachauer Rathaus zum 76. Jahrestag der Pogromnacht. Aus Rücksicht auf die Schabbat-Feier der Israelitischen Kultusgemeinde am Sonntag in München fand das Gedenken bereits am Donnerstagabend statt. Schüler des Ignaz-Taschner-Gymnasiums übernahmen sowohl die musikalische Gestaltung, als auch einen Theaterbeitrag, mit dem sie an die aus Dachau vertriebenen und getöteten Juden erinnerten. OB Florian Hartmann legte an der Gedenktafel am Dachauer Rathaus einen Kranz nieder.

"Wenn man am Rhein geboren ist, will man immer zum Rhein zurück"

Erwin Schild lebt heute in Toronto und ist dort als Rabbiner tätig. Schild ist trotz seiner Erfahrungen mehrfach wieder nach Deutschland gekommen. „Wenn man am Rhein geboren ist, will man immer zum Rhein zurück“, sagt er und lacht.

Doch der Weg bis nach Kanada war kein leichter. 1920 kam Schild in Köln-Mülheim als Sohn eines jüdischen Schuhmachers zur Welt. Er ging zur Schule, hatte Freunde, lebte sein Leben. Doch nach der Machtergreifung veränderte sich alles. „Am Gymnasium stand auf einmal die Rassenlehre über allem“ erinnert sich Schild. 1936 wechselte er auf ein jüdisches Gymnasium. Dort lebte die „echte deutsche Kultur“, so Schild, noch einige Jahre weiter. Dort konnten noch Autoren wie Stefan Zweig und Jakob Wassermann gelesen werden. Und Erwin Schild liebte die Literatur. Nach dem Abitur ging er nach Würzburg und besuchte dort die Israelitische Lehrerbildungsanstalt. Er lebte dort mit anderen Schülern in einem Gemeinschaftshaus.

Im KZ Dachau legte Erwin Schild ein Gelübde ab

Als am 9. November 1938, angeheizt von gezielter staatlicher Propaganda, der antisemitische Mob an Schilds Ausbildungsstelle aufmarschierte, lagen er und seine Mitschüler schon in den Betten. „Es war eine Menge von Teufeln“, sagt Schild, bewaffnet mit Äxten, Beilen und Keulen. Sie rammten die Tür ein und ließen nichts wie es war. „Sie haben alles zerstört“, sagt Schild und er dachte, auch sein Leben sei nun am Ende. „Aber der Befehl war, nur zu randalieren.“

Am nächsten Tag radelte Schild zum Seminarhaus. Am Vorplatz brannte schon das Feuer. SS-Männer warfen aus dem ersten Stock die Bücher der Bibliothek ins Feuer. Wenige Tage später wurde Erwin Schild verhaftet und in das Dachauer Lager überstellt. Dort legte er ein Gelübde ab. „Sollte ich das überleben, beschwere ich mich nie wieder über körperliche Dinge.“

Er überlebte. Seine Mutter besorgte ihm für drei Mark ein Visum für die Dominikanische Republik. Die nationalsozialistische „Endlösung“ in der Judenfrage war noch nicht vollständig angelaufen, und so wurde Schild entlassen, mit dem Hinweis, er möge so schnell wie möglich aus Deutschland verschwinden. Das tat er. Über Holland und England gelangte er schließlich nach Kanada.

Sein Gelübde hat er bis heute eingehalten.

(Dominik Göttler)

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