Fiese Abzocke per Post

Dachau - Weit über 100 Unternehmen aus dem Landkreis Dachau zahlen ungewollt für eine Internetpräsenz.

Die Briefe, die derzeit auch viele Unternehmer im Landkreis Dachau bekommen, sehen aus wie offizielle Anschreiben von Behörden: Recyclingpapier, Barcode, die Überschrift lautet „Gewerbeauskunft-Zentrale.de“. Sie enden mit der Bitte, man möge die Richtigkeit seiner Firmendaten mit einer Unterschrift bestätigen. Doch Vorsicht: Im Kleingedruckten steht, dass damit ein Zweijahresvertrag abgeschlossen wird. Die Gewerbetreibenden müssen monatlich 39,95 Euro zahlen und werden dafür von der Firma GWE-Wirtschaftsinformations GmbH auf der Internetseite www.gewerbeauskunft-zentrale.de veröffentlicht.

Dort sind auch schon weit über 100 Betriebe aus dem Landkreis Dachau registriert. Ein Großteil davon unfreiwillig, wie Recherchen der Heimatzeitung ergaben. „Das ist eine Sauerei“, macht beispielsweise Werner Braun, der einen Heizungsdienst betreibt, seinem Unmut Luft. Obwohl er sich von Anfang an schriftlich gegen die Rechnungen gewehrt hat, musste er 550 Euro zahlen und kam nur mit der Hilfe eines Anwalts vorzeitig wieder aus der Sache raus.

Auch Reiner Armberger, Besitzer einer Landschaftsbaufirma, hat noch am gleichen Tag per Fax dem Vertrag widersprochen. Dennoch bekommt er regelmäßig Mahnungen und lästige Post von der „Gewerbeauskunft Zentrale“. Auch er hat den Fall inzwischen seinem Anwalt übergeben. Gezahlt hat er nichts.

Im Gegensatz dazu hat Gudrun Eckhardt, die Besitzerin des Family Hair Studios, den Preis für zwei Monate gezahlt, um endlich Ruhe zu haben, wie sie sagt. Das bereut sie inzwischen ein wenig. „Immerhin wollte ich da ja gar nicht veröffentlicht werden“, erklärt sie.

Dass diese Fälle aus Dachau kein Einzelfall sind, bestätigt auch Peter Solf, Mitglied der Geschäftsführung des Deutschen Schutzverbandes gegen Wirtschaftskriminalität e.V. (DSW): „Schon über 1000 Personen haben sich bei uns gemeldet. Dabei gibt es keine regionale Eingrenzung“, sagt er. Betroffen seien auch alle Branchen. Solf hatte für den DSW gegen die GWE-Wirtschaftsinformations GmbH geklagt und in erster Instanz gewonnen. Die GWE-Wirtschaftsinformations GmbH hat das Urteil allerdings nicht angenommen. Derzeit läuft das Berufungsverfahren. Die Verhandlung vor dem OLG Düsseldorf soll im Februar 2012 stattfinden.

Bis dahin ist es für Betroffene relativ schwer, sich zur Wehr zu setzten. Katharina Toparkus, die Pressereferentin der Industrie- und Handelskammer, bestätigt: „Die Rechtslage ist nicht ganz eindeutig. Am besten ist es immer, vorher sehr genau zu lesen, was man unterschreibt.“ Denjenigen, die schon auf die Masche reingefallen sind, rät die IHK, den Vertrag zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu kündigen. Außerdem könne dieser möglicherweise wegen arglistiger Täuschung angefochten werden.

„Das Vorgehen kommt immer auf die jeweilige Situation an“, erläutert Toparkus. Wer Hilfe sucht, könne sich auf jeden Fall an die IHK wenden. Auch der Bund der Selbstständigen (BDS) unterstützt betroffene Unternehmer. „Wir beraten auch Nichtmitglieder“, versichert Petra Jendrezjowske vom BDS in Bayern.

Sebastian Cyperski, der Geschäftsführer der GWE-Wirtschaftsinformations GmbH, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Lediglich Mitarbeiterin Sabine Jansen gab eine Erklärung ab: „Die Briefe sind nur ein Angebot. Wenn die Betriebe es annehmen, könne sie leichter über das Internet gefunden werden.“ Jansen räumt ein, dass Firmen aus ganz Deutschland, die in dem Verteiler der Firma stehen, standardmäßig die Schreiben erhalten. „Die Adressen bekommen wir von der Post“, erzählt sie.

Das kann tatsächlich stimmen, wie Erwin Nier, Pressesprecher der Deutschen Post bestätigt: „Wir verkaufen die Adressen wie viele andere Firmen auch. Was daraus gemacht wird, kann man leider nicht immer kontrollieren,“ bedauert er.

(cla)

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