Die Sauna am Mühlberg in Sulzemoos. Die einzige bisher bekannte Aufnahme auf einer alten Postkarte. Foto: CST

Eine Sauna für die Armen und Kranken

Sulzemoos - Vor 65 Jahren, im November 1948, wurde in Sulzemoos eine finnische Originalsauna errichtet. Eine kleine Sensation: Denn sie war nicht nur die einzige Sauna in Deutschland für Heilbehandlung und Strahlungstherapie - sie wurde auch eigens für kranke Flüchtlinge gebaut.

Initiator des Saunabaus war damals Landarzt Dr. Hertkorn, der mit seiner Sauna vor allem den Flüchtlingen helfen wollte, die nach dem Krieg unter widrigsten Umständen untergebracht waren und keine Bademöglichkeit besaßen.

In einem Bericht, den der damalige Sulzemooser Bürgermeister Simon Baumgartner für die Militärregierung im September 1946 verfasste, ist von 200 Flüchtlingen und zehn Evakuierten die Rede. Weiter heißt es: „Viele der Flüchtlinge, die arbeitsfähig und willig waren, können keiner Beschäftigung nachgehen, da es ihnen an der hierzu erforderlichen nötigsten Kleidung und Beschuhung fehlt. Ein beträchtlicher Teil der Flüchtlinge muss auf dem Fußboden schlafen, da weder Strohsäcke noch Bettgestelle vorhanden sind. Viele sind in Räumen untergebracht, die nicht heizbar sind und einer Instandsetzung bedürfen, was aber infolge Kalkmangels nicht durchgeführt werden kann.“

Wie schlecht es um den Zustand der Bevölkerung bestellt war, geht aus einer Stellungnahme des Landratsamts Dachau vom August 1946 hervor, in dem die Errichtung der Sauna unter Auflagen befürwortet wurde: „Die gesundheitlichen Missstände über Hautkrankheiten, wie Krätze, Ekzeme und fehlende Waschmöglichkeiten sind leider auch beim Gesundheitsamt schon längst hinreichend bekannt.“

Weiter heißt es: „Notwendig erscheint bei der Durchführung des Unternehmens, dass der ganze Saunabetrieb ärztlich überwacht wird. Man muss berücksichtigen, dass es sich bei den zu erwartenden Besuchern doch vielfach um Personen handelt, die durch chronische Unterernährung, vorausgegangene körperliche und seelische schwerste Strapazen in ihrer Widerstandskraft sehr erheblich geschwächt sind, so dass das Herz, welches in erster Linie dabei erheblich belastet wird, den Anforderungen unter Umständen nicht mehr gewachsen ist und kollabiert.“

Dr. Hertkorn errichtete die Originalsauna am Steindlbach an der Hauptstraße unterhalb des Mühlberges. Dabei ließ er Erfahrungen, die er während seiner langjährigen Soldatenzeit in Nordrussland gesammelt hatte, einfließen. Die Sauna ermöglichte auch eine gleichzeitige Heilbehandlung für rheumatische Leiden und Atemwegserkrankungen - damals einzigartig in Deutschland. Neben dem Saunaraum, der Platz für etwa 15 Personen bot, gab es einen Ruheraum, der mit einer Höhensonne und anderen Bestrahlungsgeräten ausgestattet war und einen Duschraum, der durch mehrere Wannen ergänzt wurde.

Laut den Aussagen älterer Bürger wurde die Sauna von der Bevölkerung gut besucht. Als Dr. Hertkorn Ende der 1950er Jahre aus Sulzemoos wegzog, wurde der Betrieb eingestellt und die Sauna abgerissen.

(cst)

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