In der „Blechliesel“ durch Südengland: Die Seelmanns gingen mit diesem 1915-Modell sogar auf Urlaubsfahrt. Foto: sh

Ford T-Modelle: An die Blechliesl hat Anton Seelmann sein Herz verloren

Haimhausen - Anton Seelmann erntet stets staunende Blicke, wenn er in Haimhausen zum Wertstoffhof fährt. Denn Seelmann nutzt für die Entsorgungsfahrt ein Juwel: ein Ford T-Modell. Die hölzerne Ladefläche ist voller Gartenabfälle.

Der Lieferwagen aus dem Jahr 1915 ist nicht der einzige Oldtimer, den der Fachoberschullehrer in seiner Schatzkiste hat. In einem zur Werkstatt umfunktionierten ehemaligen Stall in der Haimhauser Ortsmitte parken noch vier weitere „Tin Lizzies“.

„Blechliesel“ bedeutet der Spitzname für das damals meist produzierte Automobil von Henry Ford. Es wurde in den USA von 1909 bis 1927 15 Millionen Mal in verschiedenster Ausführung gebaut.

In Seelmanns Werkstatt steht eine kleine Auswahl davon. Neben einer Limousine aus dem Jahr 1919, deren Karosserie noch sehr an vornehme Pferdekutschen erinnert, steht der Rennwagen „Rajo“. Bis zu 100 Kilometer schnell fährt der gelbe Flitzer von 1913, der auch wegen der damals hochmodernen Metallspeichenräder auffällt.

Seelmanns „Lizzies“ sind keine verstaubten Museumsstücke zum Anschauen. „Den Automobilien tut es gut, wenn sie ständig in Betrieb sind“, erklärt Anton Seelmann. Deshalb wird einer der Oldtimer fast täglich ausgefahren. Erst kürzlich machte das Ehepaar Seelmann mit dem „Rajo“ einen Sonntagsausflug ins Altmühltal. Und die Mimousine aus dem Jahr 1915 war sogar auf einen Urlaub in Südengland dabei. Das Schmuckstück war auf dem Autoanhänger festgezurrt, so ging es über den Ärmelkanal. Dort wurde der Oldtimer ausgepackt für herrliche Sternfahrten durch die englische Landschaft.

Immer mit im Gepäck sind die Werkzeugkiste und kleine Ersatzteile für schnelle Reparaturen. Anton Seelmann kennt seine Lizzies bis ins Detail und weiß genau, wo der Schuh drückt, wenn mal eine bockt.

Obwohl er höchsten Wert auf Originalteil legt, hat er doch die antiken Carbidlampen gegen kleine batteriebetriebene Glühbirnen ausgetauscht. „Die Carbidbehälter sind neben der Beifahrertür montiert und sehen wie große Milchkannen aus. Von dort geht das entstandene Gas zu den Scheinwerfern, die mit einem Zündholz angezündet werden müssen. Das ist nicht ganz ungefährlich“, begründet der Restaurator die kleine Modernisierung.

Die Leidenschaft für Oldtimer hat Anton Seelmann während seiner Studienzeit entdeckt. Damals chauffierte er des Öfteren einen älteren Herrn aus Siebenbürgen in dessen VW-Käfer in die rumänische Heimat. Schnell entdeckte der junge Student, was im damals kommunistischenRumänien begehrt war und so tauschte er Zigaretten, Kaffee und andere Luxusgüter gegen Antiquitäten, die er daheim auf dem Flohmarkt wieder verkaufte. „So habe ich mir immer wieder ein Taschengeld verdient.“

Irgendwann wurde ihm ein Oldtimer angeboten, den er daheim liebevoll restaurierte. Der Stachel zur Leidenschaft war gesetzt. Per Anzeige und heute im Internet oder über Bekannte sucht Seelmann Fahrzeuge in der ganzen Welt. So kam er auch zu seinem sogenannten „Brot-Auto“. „Den nenne ich so, weil es der einzige Wagen ist, mit dem ich hin und wieder Geld verdiene“, lacht der Oldtimerfan. Denn schon mehrmals haben Filmleute dieses Auto für Aufnahmen ausgeliehen. Doch das Gas ist am Steuerrad, die drei Pedale geben jedem, der sich nicht auskennt, Rätsel auf. So spielt Anton Seelmann meist den Chaffeur in Uniform, da die Schauspieler mit dem Auto nicht fahren können. Zuletzt war er bei Aufnahmen zu „Hotel Adlon“ mit seinem „Touring“. Diesen Wagen hat er von einer alten Dame aus Neuseeland gekauft. Sie hatte ihn 1919 von ihrem Vaterbekommen - als Hochzeitsgeschenk. Erst als sie ins Pflegeheim umziehen musste, verkaufte sien ihren geliebten Ford.

Hin und wieder muss sich auch Seelmann von einem seiner Modelle trennen, wenn der Platz nicht mehr ausreicht. Doch für seinen Ruhestand hat er bereits in seiner Heimat im Altmühltal vorgesorgt. Dort steht eine neue Halle, wo alle seine Lieblinge Platz finden können. Dorthin wird er in den kommenden Jahren auch seinen Alterswohnsitz verlegen, gemeinsam mit seiner Frau.

Die ist passenderweise auch eine „Lizzi“ - sie heißt Elisabeth. (sh)

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