Mutter und Schwester wurden vergast, der Vater starb im Lager: Bill Glied bei der Gedenkveranstaltung in Dachau. Links Gedenkstättenleiterin Dr. Gabriele Hammermann, rechts Dolmetscherin Dorothea Saar. Foto: hab

Gedenktag zu Ehren der Nazi-Opfer: Bill Glied erzählt in Dachau seine Geschichte

Dachau - Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz befreit. Seit 1996 ist dieser Tag Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus. Anlässlich des Gedenkens reiste der ehemalige KZ-Häftling Bill Glied extra aus Kanada nach Dachauz, um seine Geschichte zu erzählen.

„Ich glaube, ich habe wie andere Überlebende geschwiegen, weil wir uns schämten, dass wir überlebt haben.“ Sein Schweigen dauerte 20 Jahre an. Erst Mitte der 60er Jahre konnte Bill Glied über das sprechen, was er in der NS-Zeit durchleiden musste. Über die für ihn damals unverständliche plötzliche Ausgrenzung und Anfeindung durch Menschen, die er für Freunde hielt. Über die Zeit im Vernichtungslager Auschwitz und die Qualen im Dachauer Außenlager Kaufering. Und über den schmerzlichen Verlust seiner Familie.

„Ich danke allen, die da sind“, sagt der 82-Jährige. „Sie alle setzen ein Zeichen gegen Antisemitismus, Nationalismus und Intoleranz.“ Fast eineinhalb Stunden folgten etwa 100 Zuhörern im Rathausfoyer gebannt seinen Worten: „Gehen Sie nach Hause und küssen Sie ihren Vater und ihre Mutter“, gibt Bill Glied dem Publikum mit auf den Weg. „Denn es ist so schwer, ohne sie zu leben.“

Bill Glied wurde 1930 als Müllersohn im jugoslawischen Subotica geboren. Er wuchs in einem bürgerlichen Elternhaus auf. Die Eltern waren Juden, „religiös, aber nicht streng religiös“, sagt Glied. Während seinen Erzählungen zeigt er auf einer Leinwand schwarz-weiß Bilder seiner Familie. Er hatte eine glückliche Kindheit, war ein sehr guter Schüler und ein guter Fußballer.

Als die Deutschen kamen, änderte sich alles. Bill kam eines Tages aus der Schule. Seine Mutter nahm ihm seine Jacke ab und nähte den gelben Judenstern darauf. In der Klasse musste er nun ganz hinten sitzen, bekam keine guten Noten mehr. Freunde und Bekannte wendeten sich immer mehr von ihm und seiner Familie ab.

Niemals vergaß Bill Glied das Bild, wie die Menschen aus seiner Heimatstadt am Tag der Deportation im März 1944 am Straßenrand standen. Nicht entsetzt, weil sie die dem Tode Geweihten verabschieden müssen. Sondern um die Juden zu verspotteten und mit Eiern zu bewerfen.

Seine Mutter und seine damals achtjährige Schwester Annika sah Bill Glied bei der Ankunft in Auschwitz zum letzten Mal. Weit weg standen Mutter und Schwester in einer Reihe. Beide wurden kurz darauf ermordet: „Ich umarmte sie nicht, küsste sie nicht - und sah sie nie wieder“, sagt Glied. Als er später einen Mithäftling fragte, wo die beiden sind, sagte dieser: „Wahrscheinlich in dem Backsteingebäude, wo der Rauch raus kommt.“

Er und sein Vater überlebten zunächst, die Nazis benötigten ihre Arberitskraft. Beide kamen ins KZ-Außenlager Kaufering II, etwa 70 Kilometer von Dachau entfernt. Dort erkrankte sein Vater an Typhus. Bill konnte seinen Vater ins Krankenlager begleiten - wenige Tage vor Kriegsende starb der Vater dort. Duie Leiche wurde vermutlich in einem Massengrab bei Hurlach verscharrt.

Bill Glied will wissen, was aus den namenlosen Massengräbern und Friedhöfen wird. „Wir arbeiten daran, es ist ein Wunsch den Begrabenen Namen zu geben“, sagt Gedenkstättenleiterin Dr. Gabriele Hammermann, die im Rathaus das Gespräch mit Bill Glied führte. „Dann wird ihr Leid benannt und nicht länger an namenlose Opfer erinnert.“ (ros)

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