Seine Aufgabe ist es nicht Fragen zu beantworten, sondern neue Fragen zu wecken: Bernhard Sauer führt seit sechs Jahren Besucher durch die Dachauer Gedenkstätte. Jeder Arbeitstag ist anders. Nur eines haben sie gemeinsam: Sie sind immer eine neue Herausforderung. Foto: kwo

Geschichten, die nicht im Geschichtsbuch stehen

Dachau - Es gibt viele Fragen, auf die Bernhard Sauer keine Antwort hat. Wenn er seine Arbeit gut macht, fahren seine Gäste sogar mit mehr Fragen nach Hause, als sie mitbrachten. Mit neuen Fragen. Der Ebersberger führt als Gedenkstättenpädagoge Besucher durch das ehemalige KZ Dachau - jeder Arbeitstag ist eine neue Herausforderung.

Wenn Bernhard Sauer nach Dachau kommt, weiß er nie, was ihn erwartet. Schon seit sechs Jahren fährt er beinahe wöchentlich von seiner Wohnung in Ebersberg zur KZ-Gedenkstätte - und trotzdem ist jeder seiner Besuche dort etwas völlig anderes. Weil seine Zuhörer jedes Mal andere sind. Manchmal begleitet er Touristen, denen die Gedenkstätte als Sehenswürdigkeit empfohlen wurde. Manchmal hat er Schüler zu Gast, bei denen die Führung durch das ehemalige Konzentrationslager auf dem Lehrplan steht. Und manchmal kommen Besucher, die während des Dritten Reichs ein Familienmitglied in Dachau verloren haben. Sie alle erwarten Antworten von Bernhard Sauer - manchmal hat er sie, manchmal nicht.

Tage, an denen der Gedenkstättenpädagoge seinen Besuchern die meisten Antworten schuldig bleibt, sind oft die besten Tage. An diesen Abenden fährt er kein bisschen unzufrieden nach Hause, sondern mit dem Gefühl, sein Ziel erreicht zu haben. Denn seine Aufgabe ist es nicht, Fragen zu beantworten - sondern neue Fragen zu wecken.

Er selbst weiß viel über den Holocaust. Er hat unzählige Bücher gelesen, Vorträge gehört, Filme gesehen. Viele, viele Fakten hat er sich gemerkt. Bewegt hat ihn etwas ganz anderes: einzelne Lebensgeschichten von Häftlingen, heimliche Tagebucheinträge aus der Welt hinter dem Stacheldrahtzaun. Mit jedem Detail, das sich unauslöschlich in sein Gedächtnis gebrannt hat, sind neue Fragen entstanden, auf die er seit Jahren vergeblich Antworten sucht.

„Insofern war es kein Zufall, dass ich hier gelandet bin“, sagt er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme. Es ist eine Stimme, die fesseln kann. Meistens - manchmal funktioniert es auch nicht. Auf seine Stimme oder den Inhalt seiner Worte kann sich Bernhard Sauer nicht verlassen. Dafür kommen die Besucher mit zu unterschiedlichem Vorwissen, aus zu verschiedenen Gründen, mit zu gegensätzlichen Erwartungen. Gerade bei Jugendlichen muss er als Gedenkstättenpädagoge auf alles vorbereitet sein.

„Die Auffälligsten mit dem unangemessensten Verhalten sind oft die Interessantesten“, sagt er. Bernhard Sauer hat gelernt, unangemessene Reaktionen nicht als Desinteresse abzutun. Er macht seine ehrenamtliche Arbeit lange genug, um zu wissen, dass junge Menschen manchmal versuchen, ihren Emotionen durch Albernheiten zu entkommen. Andere sind von ihren Gefühlen schneller überwältigt. „Besonders Mädchen habe ich hier oft weinen gesehen“, erzählt er. Es ist keine leichte Aufgabe, ihnen allen mit denselben Worten von den Verbrechen der Nationalsozialisten zu erzählen.

Heute ist wieder einer der Tage, an dem er sich der Aufgabe stellt. Bernhard Sauer kommt unvorbereitet nach Dachau - wie immer. Wie hätte er sich zu Hause auch vorbereiten können auf Besucher, die er nur wenige Minuten vor Beginn der Führung kennenlernt? Eine 9. Klasse aus Baden-Württemberg, rund 20 Schüler, geringe Vorkenntnisse - das sind alle Informationen, die Bernhard Sauer hat, als er das Besucherzentrum betritt. Seine Schüler kommen mit halbstündiger Verspätung, Zeit für lange Begrüßungsreden hat der Ebersberger nun nicht mehr. Nur eines betont er gleich zu Anfang: „Fragt, wenn ihr Fragen habt!“

Bernhard Sauer führt die 15-Jährigen durch das Tor auf den Appellplatz. Er erklärt ihnen die eiserne Schrift „Arbeit macht frei“. Er hilft ihnen dabei, den Ort von damals zu sehen - mit abgemagerten Häftlingen und brutalen SS-Männern. Zu jedem Platz auf dem Gelände hat Bernhard Sauer eine Geschichte zu erzählen. Von Mut und Glück, Verzweiflung und Kraft, von Hunger und Zusammenhalt. All seine Geschichten sollen den Schülern einen Eindruck von damals vermitteln, den sie nicht in ihren Geschichtsbüchern finden können.

Die Jugendlichen hören ihm aufmerksam zu - Fragen kommen jedoch kaum. Bernhard Sauer hatte auf einen Dialog gehofft. „Aber den kann man nunmal nicht erzwingen“, weiß er.

Nach anderthalb Stunden ist der Ebersberger bei dem schwierigsten Punkt seiner Führung angelangt: das Krematorium. Die Konzentration seiner Gäste lässt langsam nach. Bernhard Sauer lässt sie selbst entscheiden, ob sie durch die ehemalige Gaskammer laufen wollen. Alle wollen. Er wartet draußen geduldig, schaut sich die Schüler genau an, als sie sich wieder bei ihm im Sonnenschein einfinden. Nur wenige machen einen bedrückten Eindruck, ein paar Jungs albern herum. Bernhard Sauer merkt, dass das Interesse langsam nachlässt, er kürzt seine Führung ein wenig ab, bedankt sich bei den Jugendlichen für ihre Aufmerksamkeit. „Klatscht bitte nicht“, sagt er zum Abschied. Ein Junge tut es doch, er hat nicht zugehört. Von einigen anderen bekommt Sauer ein leises „Danke“, bevor sich die Klasse auf den Weg zum Ausgang macht. Während er ihnen nachschaut, kommt ein Schüler zurückgelaufen. Ihm ist noch eine Frage zum Krematorium eingefallen. Bernhard Sauer lächelt. Manchmal dauert es eben einfach eine Weile, bis die Fragen kommen. „Wichtig ist nur, dass sie kommen.“

(kwo)

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