Nestwärme gab Greta Fischer (rechts) auch den allerkleinsten Kindern im Kloster Indersdorf. repro: kwo

Geschichten der verlorenen Kinder

Dachau - Seit Jahren beschäftigt sich die Historikerin Anna Andlauer mit der Lebensgeschichte Greta Fischers - der Frau, die nach dem Holocaust so viele Kinder im Kloster Indersdorf aufgefangen hat. Deshalb hat Andlauer ein Buch geschrieben.

Anna Andlauers Entdeckungsreise begann vor etwas mehr als vier Jahren. Im Archiv des Heimatvereins Indersdorf entdeckte die Weichser Historikerin die so genannten Greta-Fischer-Papers, einen Erfahrungsbericht der jüdischen Pädagogin, die nach dem Zweiten Weltkrieg vielen traumatisierten Kindern zurück ins Leben geholfen hat. Seit dem forscht und sucht sie in Archiven in aller Welt nach Spuren der Kinder, von denen sie kaum mehr besitzt als wenige Fotos und knappe Notizen.

Alle Mädchen und Buben verbindet eines: Sie hatten Unvorstellbares durchgemacht in der Zeit des Nazi-Terrors, waren oft die einzigen Überlebenden ihrer Familien. Greta Fischer schilderte in ihrem Bericht Parallelen und Unterschiede der einzelnen Kinderschicksale. „Wir durften uns selbst nicht wirklich erlauben zu fühlen, was wir erfuhren, weil es zu schrecklich war. Wir wären nicht mehr in der Lage gewesen, unsere Arbeit zu tun“, schrieb die Sozialpädagogin damals in ihrem Bericht.

In ihrem nun erschienenen Buch „Zurück ins Leben“ hat Anna Andlauer einige der Lebensgeschichten rekonstruiert, die Greta Fischer vor dem Vergessen bewahren wollte. Darunter ist zum Beispiel die des 13-jährigen Abram Warszaw, der mit seinem neunjährigen Bruder Laib auf Geheiß des Vaters aus dem Ghetto Kozence in Polen geflohen ist. „Drei Monate lang waren sie in Wäldern umhergeirrt, hatten in Heuhaufen und Scheunen geschlafen und wie wilde, verängstigte Tiere gelebt“, schreibt Andlauer. „Zwar hatten sie Armut und Hunger schon früher gekannt, doch dies überstieg ihre Kräfte. Abram, dessen höchstes Ziel es gewesen war, seinen kleinen Bruder durchzubringen, hatte schließlich zusehen müssen, wie Laib von einem deutschen SS-Mann erschossen wurde.“

Abrams Leidensweg endete wie das vieler hundert Kinder und Jugendlicher im Kloster Indersdorf - an einem Ort, wo die Kinder ihre Kräfte und ihren Lebensmut zurückgewinnen sollten. Wo die Sozialarbeiter der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) aus Naziflaggen und Bettwäsche Kleidungsstücke nähten, pausenlos den traumatisierten Kindern zuhörten und ihnen halfen, das Erlebte zu verarbeiten. „Die Kinder haben im Kloster Indersdorf körperliche Gesundheit gefunden und den Anfang einer moralischen und geistigen Rehabilitation“, urteilte Greta Fischer 36 Jahre später. Sie haben dort einen Weg zurück ins Leben gefunden.

Anna Andlauer ist es gelungen, in ihrem Buch Details zu sammeln und Schicksale zu rekonstruieren. Grundlage dafür waren die Aufzeichnungen Greta Fischers und zahlreiche Fotoaufnahmen aus der damaligen Zeit. Eindrucksvoll schildert sie Alltag, Konflikte und Überforderungen der Klosterschwestern und Pädagogen mit dem Schmerz der Kinder.

Ihr Buch ist weit mehr als ein sachliches Zeugnis über die Tage nach Ende des Nazi-Regimes. Es ist ein Denkmal, das sie den damaligen Jugendlichen gesetzt hat - und gleichzeitig die Erfüllung des Lebenswunsches von Greta Fischer. Endlich werden die Geschichten ihrer „verlorenen Kinder“ erzählt.

Das Buch von Anna Andlauer wird am heutigen Dienstag, 31. Mai, in der Greta-Fischer-Schule Dachau, Dr.-Engert-Straße 3, um 19 Uhr vorgestellt.

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