Ein Buch, das zum Reden auffordert: Karin Boger hat Menschen interviewt, die ihre Angehörigen pflegen. Die Illustrationen dazu hat ihre Enkelin Julia Eder gemalt. Foto: habschied

Ein Gespräch, auf das viele gewartet haben

Karlsfeld - Karin Boger hat ihr Buch über pflegende Angehörige in der Bücherei vorgestellt. Sie hatte vermutet, dass viele Betroffene auf eine Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch hoffen - und genauso war es auch.

Karin Boger hatte es vermutet. Sie weiß nun mal, wie das ist, wenn man einen Angehörigen pflegt. Sie weiß, wie sehr man sich manchmal wünscht, sich mit anderen austauschen zu können. Wie oft man an die eigenen Grenzen kommt. Und wie groß Schuldgefühle oder schlechtes Gewissen werden können. Deshalb hat sie ein Buch über das Thema geschrieben - weil sie wusste, wie hilfreich es sein kann, Erfahrungen zu teilen. „Du für mich - ich für dich“ heißt es. Karin Boger las in der Gemeindebücherei Karlsfeld daraus drei Interviews vor, die sie mit pflegenden Angehörigen geführt hatte. Sie hatte gehofft, dass dadurch ein Gespräch mit ihren Zuhörern in Gang kommen würde. Und so war es auch. Es schien fast so, als hätten viele Karlsfelder nur auf die Gelegenheit gewartet, endlich einmal mit jemandem über ihre Situation sprechen zu können.

Genau das war auch Karin Bogers Motivation für ihr Buchprojekt. „Ich wollte herausfinden, wie pflegende Angehörige und ihre Schützlinge leben und zurechtkommen“, schreibt sie in ihrem Vorwort. „Und ich stelle mir vor, andere Betroffene wollen dies auch erfahren.“

Bei der ersten Lesung aus ihrem Buch bekam sie genau das Feedback, auf das sie gehofft hatte. Es entstand sofort ein Gespräch, viele ihrer Zuhörer berichteten offen über ihre eigenen Erfahrungen bei der Pflege ihrer Angehörigen - so wie Karin Bogers Interviewpartner aus ihrem Buch ehrlich über ihre Situation und ihre Ängste gesprochen haben. Viele Sätze, die die Karlsfelderin hörte, haben sie sehr nachdenklich gemacht. „Ich möchte nicht zu einer Last werden“, sagt sie. „Ich möchte, dass meine Angehörigen traurig sind wenn ich sterbe. Und nicht erleichtert.“

Aber muss es zwangsläufig so schwierig werden, fragt eine Zuhörerin. „Es ist vielleicht unser aller Zukunft“, sagt Karin Boger. „Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns rechtzeitig Gedanken machen, wie wir mit dem Altern umgehen.“

Ihre Zuhörer bedienen sich am Wein und an den Knabbereien, die Karin Boger für ihre Lesung organisiert hat. Schon nach kurzer Zeit geht das Gespräch längst nicht mehr über die Personen, von denen die Karlsfelderin grade noch vorgelesen hat. Es geht um die Erfahrungen aller pflegenden Angehörigen. Und sie alle haben eines gemeinsam, sagt Boger: „Sie alle sind wunderbare Menschen, die ihr Bestes geben.“ Es war ihr ein großes Anliegen, das zu Papier zu bringen, sagt sie. „Und die Geschichten anderer zu erfahren.“ An diesem Abend geht sie mit dem Wissen nach Hause, dass es vielen anderen genauso ging. Sie hatte es vermutet. (kwo)

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