Giftskandal an Petershauser Grundschule

Lehrerin verklagt Staat, Gemeinde und Vhs

Petershausen - Die Petershauser Grundschullehrerinnen, die in den Werkräumen der Schule giftigen Substanzen ausgesetzt waren und schwer erkrankten, geben nicht auf. Pädagogin Anna H. (47) klagt derzeit vor Zivilgericht. Doch ihre Chancen stehen schlecht.

Jahrelang unterrichtete Anna H. (47) Werken und textiles Gestalten an der Grundschule in Petershausen. Bis sie immer stärkere gesundheitliche Probleme bekam: Schlafstörungen, Probleme mit den Stimmbändern, mit Magen und Darm. Es stellte sich heraus, dass sie unter einer Schwermetallvergiftung leidet. Die Werte im Urin waren auffällig erhöht. Als Ursache machte die Lehrerin giftige Keramikglasuren aus, mit denen im Brennraum neben dem Werkraum im Keller hantiert wurde (wir haben berichtet). Nun verklagt sie den Freistaat, die Gemeinde und die Vhs, die die Keramikkurse veranstaltet hat, auf 55 000 Euro Schmerzensgeld sowie rund 8600 Euro unbezahlte Krankheitskosten. 

Die Lehrerin erschien am Mittwoch nicht selbst zur Verhandlung am Landgericht München I. Aus ihrer Klageschrift geht jedoch hervor, dass sie die Grundschüler in Petershausen von 2003 bis 2010 vier bis sechs Stunden pro Woche unterrichtet hat, davon allerdings ein Jahr ausfiel. Die Gesundheitsbeschwerden der Beamtin wurden in dieser Zeit immer schlimmer – bis sie ab Anfang 2012 arbeitsunfähig war. Der Freistaat wollte sie für dienstunfähig erklären, wogegen sie sich jedoch wehrte. Inzwischen befindet sie sich in der Wiedereingliederung. 

Auch zwei weitere Lehrerinnen klagen über massive Probleme aufgrund einer Schwermetallvergiftung. „Der Ursachenzusammenhang ist relativ klar“, sagt Anna H.s Anwalt Hannes Schwesing. Die Frauen hätten die gleichen Beschwerden aufgrund überhöhter Schwermetallwerte. Die entsprechenden Partikel wurden im Werkraum festgestellt. Schwesing betont, dass die Werklehrerin von 2006 bis 2012 immer wieder auf die Probleme hingewiesen hätte. Dennoch sei nichts passiert. Erst 2012 sei reagiert worden. Der TÜV habe im Brennraum eine Schwermetallbelastung gemessen, „die erheblich über dem Grenzwert liegt“. Er habe sogar empfohlen, in diesem Brennraum eine Gasmaske zu tragen. 

Die Beklagten weisen jegliches Verschulden von sich. Von Seiten des Freistaats Bayern werde „heftigst bestritten, dass die Lehrerin etwas mitgeteilt hat“, sagte Anwalt Paul Fronhöfer. Er habe extra noch einmal mit der Direktorin der Grundschule und dem Schulrat gesprochen, um sich zu vergewissern. Als der Rechtsanwalt der Lehrerin sich gemeldet habe, sei das Verfahren aber sofort angelaufen. Die Gemeinde sei informiert worden, der TÜV eingeschaltet. Außerdem sei es nicht erwiesen, dass die Vergiftung von dem Brennofen herrühre. Die Lehrerin sei relativ wenig in dem Werkraum gewesen. Sie sei auch in anderen Räumen tätig gewesen – und in anderen Schulen. 

Auch der Vorsitzende Richter Frank Tholl meldete Zweifel an der Version an, dass trotz Hinweises auf Missstände nichts geschehen sei. „Ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, dass der Dienstherr nichts unternommen hat, wenn Kinder dort angeblich in einem Raum mit Schwermetallbelastung sitzen.“ 

Anna H.s Kollegin Lydia Thiel ist ebenfalls schwer erkrankt, nachdem sie jahrelang mit den giftigen Substanzen in Kontakt gekommen war. Thiel sagt, dass sie bereits vor ihrer Erkrankung im Jahr 2010 mehrfach die Schulleitung verständigt habe. Es sei nach Lösungen gesucht worden, auch im Einklang mit der Vhs. Geändert habe sich aber nichts, so die heute 56-Jährige im Jahr 2014. Thiel war noch im selben Jahr mit einer Klage gegen ihren Dienstherren vor dem Verwaltungsgericht München gescheitert. Thiel habe keine „Diensterkrankung“ erlitten, hieß es zur Begründung. Die Vorsitzende Richterin hatte Thiel damals auf den Zivilrechtsweg verwiesen. 

Das Zivilgericht will am 11. Januar im Fall Anna H. eine Entscheidung verkünden. Das kann ein Urteil sein – oder auch ein Beschluss, dass das Verfahren weitergeht.

Nina Gut/Thomas Zimmerly

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