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Ihr Beruf ist ihre Berufung: Denise Stalph und Christoph Adler.

Zwölf-Stunden-Schicht im Rettungswagen in Dachau

Glück und Leid liegen nah beieinander

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Dachau - Zwölf Stunden dauert eine Schicht beim BRK-Rettungsdienst. Zwölf Stunden, in denen viel passieren kann, zwölf Stunden, in denen die Rettungskräfte auf viele Schicksale treffen, zwölf Stunden, in denen es oft um Leben oder Tod geht. Ein Einblick in die Arbeit von Rettungssanitätern.

Die ältere Dame liegt am Boden in ihrem Wohnzimmer. Im Hintergrund läuft der Fernseher, auf dem Tisch in der Küche nebenan steht noch die Marmelade. Es kann noch nicht lange her sein, dass Berta Müller (Namen der Patienten geändert) gestürzt ist. Eine Nachbarin hat sie gefunden: hilflos, nur schwer ansprechbar, scheinbar mit Schmerzen. 

Die Nachbarin hat richtig gehandelt und sofort den Notruf gewählt. Jetzt kümmert sich Notarzt Michael Daunderer gemeinsam mit Rettungsassistent Christoph Adler, 38, und Rettungssanitäterin Denise Stalph, 22, um Berta Müller. Adler und Stalph sind vom BRK-Rettungsdienst und haben gerade eine Zwölf-Stunden-Schicht. Menschen zu helfen ist ihr Beruf. Und ihre Berufung. 

So ein Einsatz wie bei der Dachauer Frau ist für sie Routine, aber trotzdem einzigartig. „Man weiß nie, was einen erwartet“, erklärt Christoph Adler. Seit 1997 ist er beim Rettungsdienst, er wurde mit tödlichen Unfällen, Bahnleichen und schlimmen Erkrankungen konfrontiert. „Aber ich hatte Glück und nicht so viele schwere Unglücke wie andere Kollegen.“ 

Die Arbeit im Rettungsdienst kann belastend sein, die Helfer treffen auf schwere Schicksale. „Beim Einsatz hat man aber gar nicht die Zeit, darüber nachzudenken“, sagt Christoph Adler. Erst später, wenn man wieder herunterkommt, realisiert man alles. Dann ist es besonders wichtig, dass das Team zusammen hält. „Gemeinsam sprechen wir noch einmal über den Einsatz“, so Adler. Das hilft beim Verarbeiten und soll verhindern, dass die Erlebnisse die Retter andauernd verfolgen. Gerade für junge Kollegen sind diese Gespräche besonders wichtig. Der erste schwere Unfall, der erste Tote – da bleiben die Bilder im Kopf. 

Denise Stalph ist 22, eine aufgeweckte junge Frau, die sich zuerst drei Jahre ehrenamtlich beim Dachauer Roten Kreuz engagiert hatte und seit kurzem dort hauptberuflich arbeitet. „Beim ersten Einsatz war ich dermaßen aufgeregt, aber es wird von Fahrt zu Fahrt besser“, sagt sie. „Immer noch nervös bin ich, wenn es heißt: schwerer Verkehrsunfall.“ 

Bei ihrem ersten tödlichen Verkehrsunfall war sie noch Praktikantin. Ein junger Mann war im Auto eingeklemmt. Ein durchtrainierter Sportler, ein Familienvater. Jetzt lag er plötzlich da, regungslos, mit aufgeschnittener Schädeldecke. „Der Rettungssanitäter, bei dem ich dabei war, hat mir zum Glück klare Anweisungen gegeben“, sagt sie. Inzwischen ist sie selbst erfahren genug, um in solchen Situationen ohne langes Nachdenken zu funktionieren. Für Emotionen ist im Notfall kein Platz. Was nicht heißt, dass die Retter die Situation an der Unfallstelle nicht berührt. 

Denise Stalph erinnert sich an einen Unfall auf einer Landstraße, ein junger Mann war ums Leben gekommen. Er lag im Auto, als sie sich über ihn beugte, um seinen Ausweis zu suchen. Er war schon tot – doch seine Augen waren offen und wirkten noch so präsent, so lebendig. „Der schaut dich an, und man denkt sich: Komm schon, beweg dich“, erinnert sich die 22-Jährige. Doch der Mann bewegte sich nicht. 

Zum Glück kommen solche Einsätze eher selten vor. „Am häufigsten haben wir mit internistischen Erkrankungen zu tun“, sagt Christoph Adler. Kreislaufkollaps, Schlaganfall oder Herzinfarkt zum Beispiel. Auch Frau Müller hat wohl ein internistisches Leiden. „Frau Müller, Frau Müller, können Sie mich hören?“, fragt Christoph Adler die Patientin immer wieder. Er überprüft, ob sie äußere Verletzungen hat. So wie es aussieht, ist hier alles in Ordnung. Berta Müller scheint die Rettungskräfte zumindest teilweise zu verstehen. „Frau Müller, sagen Sie etwas“, fordern sie die Helfer immer wieder auf. Doch die einzigen Antworten sind „Mhh“ und „Hmm“. Frau Müller kann oder will nicht reden. 

Die Rettungskräfte legen ihr einen venösen Zugang und verabreichen ihr eine Natriumlösung, messen die Temperatur und den Blutzucker, nehmen Blut ab. Mehr können sie erstmal nicht tun. Sie transportieren die Patientin ins Krankenhaus, wo eine Neurologin sie untersuchen wird. „Ein ungewöhnlicher Fall“, sagt Christoph Adler. „Schwer zu sagen, was die Frau genau hat.“ Der Sturz könne viele Ursachen haben. 

Bei anderen Fällen ist die Sache eindeutiger. Zum Beispiel bei einer 83-Jährigen. Sie konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Nun ist die Frau erschöpft, liegt im Bett und klagt über Schmerzen in der Brust und Atemnot. Herzprobleme sind für die Patientin nichts Neues, das EKG ist wieder auffällig. Verdacht auf einen Herzinfarkt. 

Sie muss sofort in die Klinik. Mit Blaulicht und Martinshorn rast Denise Stalph zum Dachauer Krankenhaus, während Christoph Adler und Notarzt Michael Daunderer hinten im Fahrzeug beruhigend auf die Patientin einreden und auf einem Monitor den Herzschlag überwachen, stets bereit einzugreifen, falls erforderflich. 

Der Rettungswagen ist gut dafür ausgestattet: Es gibt zum Beispiel einen Defibrillator, Medikamente, Verbandsmaterial, Beatmungsgeräte, Sauerstoffflaschen und sogar ein Teddybär als Tröster für die ganz kleinen Patienten.

Regelmäßig wird in der Bereitschaftswache überprüft, ob alles vorhanden ist, alles muss genau dokumentiert werden. „Das ist strenger geworden“, sagt Adler. An manchen Tagen verbringen die Rettungskräfte mehr Zeit mit der Bürokratie als mit Einsätzen. Wie oft sie ausrücken müssen, ist von Schicht zu Schicht unterschiedlich.

 Grundsätzlich gilt: je schöner das Wetter, desto mehr Einsätze. Wenn mehr Menschen draußen unterwegs sind, gibt es mehr Verletzungen. 

Während der Schicht von Christoph Adler und Denise Stalph verletzt sich niemand. Nur einen Schulsportunfall gibt es. Larissa, ein 16-jähriges Mädchen, war beim Ausdauertraining kollabiert. Als die Sanitäter kommen, sitzt sie aufgelöst und panisch in der Umkleidekabine. Larissa weint, zittert, hat das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und atmet extrem schnell. Sie hyperventiliert. Beruhigend redet Christoph Adler auf sie ein, erklärt ihr, wie oft sie in der Minute atmen muss.

 Denise Stalph gibt ihr derweilen eine Atemmaske, drückt ihre Hand, damit das Zittern aufhört. Nach einiger Zeit geht es dem Mädchen wieder besser, es kann mit seiner Mutter zum Hausarzt fahren. 

Manchmal ist beim Rettungsdienst der psychische Beistand mindestens genauso wichtig wie der medizinische. „Der Kontakt zu den Patienten und den Angehörigen ist sehr wichtig“, sagt Denise Stalph. An einen Fall erinnert sie sich besonders gerne: Eine ältere Frau war zusammengebrochen. „Der Ehemann hatte Tränen in den Augen und nur noch gezittert.“ Er wollte seine geliebte Frau auf keinen Fall alleine lassen. „Da hatte ich dann auch Tränen in den Augen“, sagt Denise Stalph. Dass die Frau wieder gesund wurde, freute die junge Rettungssanitäterin besonders.

 „Man tut, was man kann, und wenn es dann jemand schafft, weiß man, warum man die Arbeit macht.“ Und manchmal gibt es sogar etwas zu feiern. Christoph Adler: „Es sind oft Babys im Rettungswagen zur Welt gekommen. Wenn das Kind dann gesund ist, ist das ein besonders schöner Einsatz.“ 

Glück und Leid liegen nah beieinander bei der Arbeit im Rettungsdienst.

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