Gedenkfeier

Das Grauen von Dachau begann vor 80 Jahren

Dachau - Vor 80 Jahren begann der Terror. Vier Männer waren die ersten Mordopfer im KZ Dachau. Für Rudolf Benario, Ernst Goldmann, Arthur Kahn und Erwin Kahn wurden gestern in einem Gottesdienst in der Versöhnungskirche Kerzen angezündet.

In der Nacht vom 9. auf den 10. März kamen die SA-Männer. Sie verhafteten Rudolf Benario in seinem Elternhaus. Der 24 Jahre alte Rechtsanwalt wurde am 11. April in das KZ Dachau verschleppt, misshandelt und einen Tag später von SS-Männern ermordet. Rudolf Benario gehört mit Ernst Goldmann, Arthur Kahn und Erwin Kahn zu den ersten Mordopfern im KZ Dachau. An die ersten ermordeten Häftlinge erinnerte Pfarrer Björn Mensing gestern in einem Gedenkgottesdienst in der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte. Für jedes der vier Opfer wurde eine Kerze angezündet – im Beisein von Max Mannheimer, Ernst Grube, Karl Rom und Walter Joelsen, die als Überlebende von NS-Terrorlagern Ehrengäste der Feier waren.

Am 22. März 1933 hatte der Terror begonnen. Die Nationalsozialisten verschleppten die ersten Männer nach Dachau. In den ersten Tagen gab es noch keine Misshandlungen, weil die Bayerische Landespolizei noch die Aufsicht inne hatte. Am 11. April übernahm die SS ihre Schreckensherrschaft, und nur einen Tag später wurden diese Häftlinge herausgerufen: Benaro, Goldmann und Kahn. Es meldeten sich zwei Kahns: Arthur und Erwin. Erwin Kahn war verhaftet worden, weil er bei einer Flaggenhissung der SA in eine Schlägerei verwickelt war. Ernst Goldmann war wie Rudolf Benario Mitglied der kommunistischen Partei. Arthur Kahn galt seit seiner Teilnahme an einer politischen Veranstaltung als kommunistischer Student. Die vier Männer wurden misshandelt und niedergeschossen. Rudolf Benaro, Ernst Goldmann, beide 24 Jahre alt, und Arthur Kahn, 21, sind gleich gestorben, Erwin Kahn, 32, konnte durch eine Not-Operation gerettet werden. Er starb wenige Tage später – erwürgt von seinem SA-Bewacher.

Es war der Mittwoch der Karwoche, zwei Tage vor dem Karfreitag, als die jungen Männer ermordet wurden. „Wie konnte das alles geschehen, ohne dass es einen Sturm der Entrüstung gab?“, fragte der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in seiner Predigt. Er sprach damit auch das kirchliche Versagen in der NS-Zeit an. Statt zu protestieren sei 1933 in kirchlichen Zeitungen verharmlosend und mit zynischen Worten oder in grenzenloser Naivität berichtet worden, dass Häftlinge im Konzentrationslager „menschlich behandelt werden“. Die Versäumnisse der Christen in der Nazizeit seien eine Verpflichtung für die Gegenwart, machte der Landesbischof deutlich: „Wir als Kirche heute müssen uns selbstkritisch fragen, wo wir anderen heute das Zeugnis schuldig bleiben.“

„Dass die Welt heute zu wenig aus unserer Geschichte gelernt hat“, stimmt Max Mannheimer traurig. „Ich sehe, dass das Gedankengut auch 80 Jahre danach immer noch aktuell ist“, sagte der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Comité International de Dachau. Er fordert das Verbot der NPD. „Die Erinnerung wach halten und einer rechtsextremen Tendenz entschieden entgegenzutreten – das ist unsere Aufgabe.“

Mit den vier brennenden Gedenkkerzen ging die Gemeinde nach dem Gottesdienst zur Jüdischen Gedenkstätte, wo Kantor Nikola David das Gedenkgebet „El Male Rachamim“ (Gott voller Erbarmen) auf virtuose Weise vortrug. Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden, deren Geschäftsführerin Karin Offman an der Feier mitwirkte, hatte diesem Akt zugestimmt, erklärt Pfarrer Mensing. „Es war das erste Mal, dass Kerzen, die in einem christlichen Gottesdienst entzündet wurden, in die Jüdische Gedenkstätte getragen wurden“ – und ist ein weiteres Zeichen der Versöhnung.

Nikola Obermeier

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vermurkstes Vermögen
Das Dachauer Max-Mannheimer-Haus, besser bekannt als Jugendgästehaus, ist in keinem guten Zustand. Wegen Baufehlern sind laufend teure Sanierungsarbeiten nötig. Dafür …
Vermurkstes Vermögen
Autofahrer missbrauchen Rettungsgasse - diese Strafe erwartet sie jetzt
Zwei Autofahrer haben die Rettungsgasse auf der Autobahn bei Odelzhausen missbraucht, um schneller voranzukommen. Doch die Polizei hat sie dabei erwischt.
Autofahrer missbrauchen Rettungsgasse - diese Strafe erwartet sie jetzt
„So viel altes Glump in Altomünster“
Es wurde hitzig diskutiert bei der Bürgerversammlung in Wollomoos: über Radlwege, die es noch nicht gibt, wuchernde Sträucher und alte Gebäude in Altomünster, die …
„So viel altes Glump in Altomünster“
In Haimhausen geht ein Hundehasser um
Ein Hundehasser ist in Haimhausen unterwegs. Mischling Ida fraß von einem mit Metallteilen versetzten Trockenfutter, das am Volksfestplatz ausgelegt worden war. Die …
In Haimhausen geht ein Hundehasser um

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion