INTERVIEW - Albert Schröttle erklärt, warum der Zweckverband Jugendarbeit immer größer wird

„Wir kämpfen für alle, die anders sind“

Haimhausen – Der Zweckverband Jugendarbeit wächst immer weiter. Vor Kurzem haben wieder zwei Gemeinden beschlossen, beizutreten. Mit seinem Angebot ist er der am breitesten aufgestellte Träger im Landkreis. Doch was tut der Zweckverband genau? Geschäftsführer Albert Schröttle (54) ist seit 20 Jahren dabei, noch heute brennt er für die Jugendarbeit.

Leiter des Zweckverbands: Albert Schröttle.

Im Interview erklärt er, wie sich Jugendarbeit und ihr Image verändert haben, wieso die Aufgaben immer mehr werden und warum Kürzungen gerade jetzt, in der Pandemie, der falsche Weg sind.

Vor 20 Jahren hatte Jugendarbeit noch nicht den Ruf, den sie heute hat, nicht jeder Kommunalpolitiker sah unbedingt die Notwendigkeit, dafür wirklich Geld in die Hand zu nehmen. Welchen Wandel können Sie hier beobachten?

Am Anfang ging es eher darum, Probleme, die es vor Ort gab, zu lösen. Sei es Drogen- oder Alkoholkonsum, Jugendliche, die manchmal laut waren, ein Jugendzentrum professionell zu führen, solche Dinge eben. Heute ist das Verständnis über die Notwenigkeit ein ganz anderes.

Wie ist das Image der Jugendarbeit heute?

Das Verständnis ist da, dass wir mit Jugendarbeit im Vorfeld schon viel leisten können, bevor Probleme überhaupt entstehen. Das spart langfristig auch Kosten. Je früher Kinder lernen, dass man ihnen zuhört, sie ernst nimmt und sie an Entscheidungen ernsthaft beteiligt, umso besser. Das ist enorm wichtig für ihre Entwicklung. Durch unsere pädagogische Arbeit können vor Ort alle gewinnen – und das wird auch gesehen.

Anfangs hat der Zweckverband nur offene Jugendarbeit gemacht – inzwischen hat sich das Angebot extrem verbreitert, was kam alles dazu?

Wir betreiben Mittagsbetreuungen, Offene Ganztagsschulen, Jugendsozialarbeit an der Schule, entwerfen Freizeitprogramme, haben einen Waldkindergarten eröffnet, bieten Asylberatungen an und bauen – zusammen mit Kindern! – Spielplätze.

Warum ist es Ihnen so wichtig, selber Spielplätze zu bauen?

Kinder haben kaum mehr Räume, wo sie noch wirklich frei toben und spielen können, ohne dass es gleich jemanden stört. Deswegen ist es uns wichtig, Orte zu schaffen, an denen Kinder nicht nur spielen können, sondern auch forschen, sich verstecken, und vor allem auch: ihre Grenzen kennen lernen können.

Beim Thema Spielplatzbau sieht man schön, wie man Kinder an einem Projekt beteiligen kann. Wie läuft das bei Ihnen ab?

Es fängt damit an, dass wir die Kinder schon an der Grundschule fragen, was sie überhaupt wollen. Dann erarbeiten wir mit ihnen einen Kompromiss und später stehen sie dann mit uns auf der Baustelle.

Wie erklären Sie sich, dass sich immer mehr Gemeinden dem Zweckverband anschließen?

Die Kommunen haben mit uns einen Partner, der auf viele Fragen Antworten hat. Wir gehen oft Wege, auf die sie vielleicht nicht gekommen wären, aber am Ende sehen sie, dass es gut wird. Wir haben lauter Fachpersonal in vielen verschiedenen Berufsfeldern, das die Kommune beraten und unterstützen kann. Wir sind in vielen Bereichen einsetzbar. Es ist gerade auf dem Land von Vorteil, wenn die Zusammenarbeit der verschiedenen Betreuungsformen enger ist. Das geht mit uns. So kann man auch schon früh Schwierigkeiten aufdecken und daran arbeiten.

Wegen der Pandemie überlegen die Gemeinden in den aktuellen Haushaltsdiskussionen, wo sie sparen können. Warum wäre es fatal, gerade jetzt die Stunden für die Jugendarbeit vor Ort zu kürzen?

Bei der Jugendarbeit zu sparen ist eine sehr kurzfristige Sichtweise. Denn wenn man gutes Personal abbauen muss, ist es sehr, sehr schwer, dafür später wieder Ersatz zu finden. Damit geht auch sehr viel Kompetenz verloren, Vertrauensverhältnisse zu Kindern und Jugendlichen verschwinden einfach. Später die Probleme zu lösen, die entstehen, weil es keine professionellen Ansprechpartner mehr vor Ort gibt, führt zu Folgekosten die exorbitant höher sind. Zudem haben wir gerade wegen der Pandemie extrem viel zu tun und haben gerade jetzt viele neue Angebote entwickelt

Wie haben Sie das gemacht?

Nur weil es die Regelungen gibt, heißt das ja nicht, das Jugendarbeit überhaupt nicht mehr möglich ist. Die Frage ist nur wie. Sei es mit Schnitzeljagden, angepassten Zeltlagern oder Nachtwanderungen oder vielen Online-Angeboten mit sozialen Medien. Natürlich haben wir unser Beratungsangebot ausgebaut und sind jetzt noch mehr auf den Straßen unterwegs.

Was schwebt Ihnen für die Zukunft vor? Wird der Zweckverband auch künftig weiter wachsen und seine Arbeit noch breiter aufstellen?

Ja, wir wachsen, um was gegen Benachteiligung in sämtlichen Bereichen zu machen. Unser Ansatz ist es, gerade auch für die zu kämpfen, die anders sind, die unangenehm sind, die schwierig sind oder die sonst durchs Raster fallen. Hier wollen wir eine Lücke schließen. Wenn man Kinder oder Jugendliche ausgrenzt, passieren große Schäden. Wir arbeiten auch bereits an einem konkreten Projekt, aber das ist noch nicht spruchreif.

Das Interview führte:
Christiane Breitenberger

Der Zweckverband Jugendarbeit

Der Zweckverband Jugendarbeit wurde 2009 gegründet, vorher gab es vertragliche Regelungen mit den Gemeinden. Heute sind Mitglied: Haimhausen (Sitz), Petershausen, Hebertshausen, Fahrenzhausen, Reichertshausen, Indersdorf, Vierkirchen, Altomünster, Röhrmoos und Hilgertshausen-Tandern. Vor kurzem haben Schwabhausen und Jetzendorf beschlossen, dem Zweckverband beizutreten. Aktuell hat er rund 100 Mitarbeiter. cb

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