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Seine Heimat: Norbert Göttler wuchs in Waltpertshofen auf, einem kleinen Ortsteil von Hebertshausen. Noch heute lebt nahe an seinem Elternhaus – und genießt dort die Natur ebenso wie die Zurückgezogenheit. 

Dr. Norbert Göttler wird 60

Universalist mit Liebe zur Heimat

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Er ist Bezirksheimatpfleger - und noch so viel mehr. An diesem Freitag wird Dr. Norbert Göttler 60. Mit seiner Definition von Heimat verknüpft Göttler klare politische Aussagen.

Walpertshofen– Was ist eigentlich Heimat? Wenn einer die Antwort auf diese Frage kennen muss, dann Dr. Norbert Göttler. Der Publizist, Schriftsteller und Fernsehregisseur beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Begriff und dessen Bedeutung: seit 2012 als Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, davor zehn Jahre lang als Heimatpfleger des Landkreises Dachau. In einem Gespräch anlässlich seines 60. Geburtstags, den er am heutigen Freitag feiert, erklärt Norbert Göttler,der in Walpertshofen,einem Ortsteil der Gemeinde Hebertshausen, aufwuchs und heute immer noch lebt, seine Sichtweise auf den Begriff: dass Heimat nie ein Idyll war, sondern ein Prozess ist, dem man sich stellen kann.

Ein kurzer Spaziergang vorneweg in Norbert Göttlers Heimat: Von seinem Haus ein paar hundert Meter weiter befindet sich Walpertshof 1, ein 1200 Jahre altes landwirtschaftliches Anwesen. Hier ist er aufgewachsen, als Nachzügler mit zwei Geschwistern, erzählt Göttler. In den Ferien half er bei der Erntearbeit, während andere Kinder ihre Tage am Baggersee verbrachten. Er sollte den Hof weiterführen – was aber dann sein Bruder Simon Göttler übernahm.

Gegenüber der Allee, die zu dem Hof führt, steht die Kapelle St. Maria. Göttler deutet auf die Steintafel über dem Eingang. Das Kirchlein wurde zu Ehren seines Ururgroßvaters Michael Westermayr gebaut, der die Bahnstation nach Walpertshofen geholt hat. Eigentlich sollte der Bahnhof nach Unterweilbach kommen, aber der Hausherr des Schlosses Unterweilbach, Graf von Spreti, befürchtete, dass das Gesinde aus München kommt, erklärt Göttler. „Mein Ururgroßvater hat das anders gesehen: Er sah die wirtschaftlichen Vorteile einer solchen Verbindung.“ Jede Bahnstation hatte etwa ihre Bahnhofsrestauration: in Walpertshofen war es der frühere Gasthof Herzog, der heute noch Fremdenzimmer anbietet. Direkt daneben lebt Norbert Göttler. Hier findet er Rückzugsorte, die ihm wichtig sind.

„Wenn man als Publizist tätig ist, muss man viel mit anderen Menschen zu tun haben, ständig networken“, erklärt er. Aber er bezeichnet sich als scheuer und zurückgezogener Mensch. Er sei eher ein klassischer Intellektueller, der immer wieder zweifelt, „ob die Wege, die wir gehen, immer die richtigen sind, ob die eigene Arbeit die richtige ist“.

Selbstverständlich sei er sehr teamfähig – das muss man sein in diesem Metier. „Aber ich brauche auch meine einsamen Stunden“, sagt Göttler. Er geht nie völlig auf in Institutionen, in Vereinen, Verbänden. „Das ist ein Zweckbündnis, das man eingehen muss, es bleibt immer eine Restdistanz.“

Er arbeitet gerne mit ähnlich strukturierten Menschen zusammen. Eine Ausstellung, die im November in der Sparkasse zu sehen sein wird, beschäftigt sich unter dem Titel „Buch und Buchkunst“ mit den Büchern Göttlers und seiner Künstlerfreunde, Illustratoren der Werke. Das umfangreiche Werkeverzeichnis umfasst Bücher über überregionale Kulturgeschichte, Kulturgeschichte des Dachauer Landes, Belletristik, Theater und Hörspiele, Dokumentarfilme, Hörfunksendungen.

Göttler bezeichnet sich selbst als Universalist. „Mich interessieren sehr viele Themen, auch schon im Studium.“ Er studierte in München Philosophie, Theologie und Geschichte. Bei einem Blick auf seine Vita zeigen sich seine vielseitigen Interessen. Viele seiner Tätigkeiten haben darauf abgezielt, politisches Bewusstsein zu schaffen – jenseits von Parteien.

„Ich bin ein politischer Mensch, aber in keiner Partei“, sagt Göttler. Er sieht sich eher als Berater, „eine Rolle, die mir zugefallen ist“ – bei der Leitung von Diskussionen oder in Gesprächen von Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur bei sich zu Hause.

„Heimatpflege heißt für mich Verantwortung für Lebensräume.“ Als Bezirksheimatpfleger vernetzt Göttler unter den Landkreisen, zwischen Politik, Verwaltung, Ämtern. Sein Arbeitsplatz ist im alten Kloster Benediktbeuern, häufig ist er im Bezirk in der Prinzregentenstraße in München – und unterwegs in den 20 Landkreisen des Bezirks Oberbayern.

Als Heimatpfleger beschäftigt er sich selbstverständlich mit der Geschichte. Diese Auseinandersetzung sei aber kein Selbstzweck. „Wir haben eine Verantwortung für das Heute, vor allen Dingen aber für das Morgen“, sagt Göttler. Wir: Damit meint er die mit der Heimatpflege beschäftigten Menschen. Und die entscheidende Frage sei: Welche Heimaten geben wir den nächsten Generationen weiter?

„Viele Menschen haben einen mit sinnlichen Erfahrungen und Gefühlen verbundenen, nostalgischen Begriff vor Augen“, so Göttler. Doch im 19. Jahrhundert war das Heimatrecht ein juristischer Begriff. Man musste es erwerben, es beschrieb die Zugehörigkeit einer Person zu einer Gemeinde und damit den Anspruch auf Aufenthalt. „Wer es nicht hatte, durfte nicht heiraten, nicht wählen, oftmals drohte soziales Elend“.

Der emotionale Anteil des Begriffs kommt erst Ende des Jahrhunderts: Kriege und Hungersnöte zwangen die Menschen, die Heimat zu verlassen, die alte Heimat wird idealisiert. Der Heimatbegriff erreichte als „zutiefst befrachteter, ideologisierter und in der Folge verpönter Begriff die zweite Hälfte des des 20. Jahrhunderts“, wie Norbert Göttler in „Neues Leben in alten Mauern“, einem Beitrag zur derzeitigen Diskussion um die Heimatpflege, ausführt.

Heimat könne ein wunderbares Modell sein, „wenn es offen, tolerant, liberal, inklusiv bleibt, offen für neue Lebensentwürfe, möglichst viele gesellschaftliche Menschengruppen mitnimmt –dann ist auch für mich der Begriff Heimat ein charmanter Begriff“. Allerdings beobachtet Göttler einen Heimat-Hype, der dann aufkomme, wenn Ängste da sind.

„Ich habe Sorge um unsere Demokratie und den liberalen Rechtsstaat.“ Der Grund sei generell das Erstarken von extremen Parteien, momentan stärker auf der rechten Seite. Die Demokratie – ein mühsames Geschäft des Findens von Kompromissen, des Austarierens – „wollen viele Menschen nicht hinnehmen und tendieren zu radikalen Lösungen, die aber speziell Deutschland immer immens geschadet haben.“

In Hinblick auf dieses starke Bedrohungsszenario wünscht sich Norbert Göttler für die Zukunft, „dass Kräfte der Vernunft wieder an Masse gewinnen“, dass die vielen schwierigen Dinge auf vernünftiger politischer Basis – einer Basis der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte – bewältigt werden. „Das ist das A und O der Heimatpflege.“ Persönlich wünscht sich Göttler, dass er diese Wende noch ein Stück weit erleben darf.

„Buch und Buchkunst“

Unter dem Titel „Buch und Buchkunst – Dr. Norbert Göttler und seine Künstlerfreunde“ ist im November anlässlich des 60. Geburtstages von Dr. Norbert Göttler eine Ausstellung über sein Lebenswerk in der Sparkasse Dachau zu sehen.

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