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Über 20 Hektar erstreckt sich der künftige Bestattungswald (rote umrandet). Grafik: mm

Der Bestattungswald: Diese naturnahe Form der letzten Ruhe ist in Oberbayern einzigartig

Naturnah in die Ewigkeit

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Öko-Themen liegen derzeit im Trend – und zwar in jeder Beziehung. Weil es ein „großer Wunsch aus der Bevölkerung“ war, wird es zwischen Hebertshausen und Röhrmoos bald einen Bestattungswald geben. Diese naturnahe Form der letzten Ruhe ist in Oberbayern einzigartig.

Hebertshausen/Röhrmoos – Gläubige Menschen gehen davon aus, dass das Leben mit dem Tod nicht endet, sondern dass sie vor ihren Schöpfer treten und dann – gegebenenfalls – in den Himmel dürfen. Doch auch nicht religiös gebundene Menschen haben eine Idee von der Ewigkeit: Sie glauben, dass sich mit dem Tod nur ihr Aggregatzustand ändert. Beide Gruppen gleichermaßen eint dabei der wachsende Wunsch, diese Ewigkeit beziehungsweise diesen neuen Aggregatzustand möglichst naturnah zu verbringen – und damit nicht in den oft recht idyllisch gelegenen Friedhöfen in Stadt und Landkreis Dachau, sondern buchstäblich in freier Wildbahn.

Aus diesem Grund wird es auf einem Waldstück zwischen Hebertshausen und Röhrmoos bald einen sogenannten Bestattungswald geben – den ersten in ganz Oberbayern. In dem Wald wird die Asche der Verstorbenen in biologisch abbaubaren Urnen unter ausgewählten Bäumen beigesetzt. Im Unterschied zu einzelnen Bestattungsbäumen, wie es sie beispielsweise auf dem Dachauer Waldfriedhof bereits gibt, ist in einem Bestattungswald lediglich eine Beisetzung unter Bäumen möglich.

Ralf Hanrieder, Bestattungsunternehmer aus Dachau, erklärt, dass der „Trend“ seit langem hingehe zu Feuerbestattungen. 65 Prozent der Verstorbenen würden verbrannt; wichtigster Grund dafür sei die Grabpflege: „Die Eltern wollen ihren Kindern, die oft in einer ganz anderen Stadt wohnen, ersparen, sich um das Grab kümmern zu müssen.“ Heutzutage sei es schlicht „nicht mehr selbstverständlich, dass man ein Grab Jahrzehnte weiterführt“. Die letzte Ruhe in einem Wald ist Hanrieder zufolge von allen Urnenbeisetzungen wohl mit dem geringsten Folgeaufwand verbunden: „Darum geht es ja grade: dass der Wald wild wächst und eben nicht gepflegt wird.“ Außerdem, so Hanrieder, habe man auch lange etwas davon: „Der Baum gehört mir 100 Jahre!“

Allerdings trägt man auch ein Risiko: Bei einem Jahrhundertsturm etwa oder wenn der Baum von einem Schädling befallen sein sollte, habe man „Pech“. Da hänge es dann von der Kulanz des Wald-Betreibers ab, ob man ein neues Bäumchen bekomme. Die Urne und die Asche an sich seien da aber ohnehin schnell verschwunden: Der Verstorbene sei ja „in den Naturkreislauf zurückgekehrt“.

Die extremste Form der Rückkehr in die Natur ist Hanrieder zufolge derzeit aber nicht der Bestattungswald, sondern eine sogenannte „Tree of life“-Beerdigung: Dabei wächst, so schräg dies klingen mag, die Asche aus einem Baum. In einem ersten Schritt, so Hanrieder, wird der Verstorbene verbrannt und die Asche ins Ausland, beispielsweise Holland, geschickt. Dann wird, unter notarieller Beaufsichtigung, die Asche in die Erde eines jungen Baums gefüllt. Nach zirka neun Monaten hat der Baum das Asche-Erde-Substrat aufgenommen und darf damit nach Deutschland geschickt werden. Im eigenen Garten findet der Verstorbene dann seine letzte Ruhe. Der Umweg über das Ausland, so Hanrieder, ist übrigens nötig, weil in Deutschland die sanfte Ruhe auf dem eigenen Grundstück nicht erlaubt ist.

Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl glaubt fest an den Erfolg seines neuen Angebots, das Menschen egal welcher Konfession oder Herkunft werden nutzen können. Die Verwaltung des Bestattungswalds, der sich auf 2,8 Hektar Hebertshauser Flur und zu rund 20 Hektar auf Röhrmooser Flur erstrecken wird, übernimmt Clemens von Trebra-Lindenau, dem die Flächen auch gehören.

Für den Fall, dass von Trebra-Lindenau – beziehungsweise dessen Nachfahren – in einigen Jahren den Betrieb der Anlage einstellen wollen, hat sich die Gemeinde mit entsprechenden Verträgen abgesichert.

Die Pfarrer – sowohl der katholische, als auch der evangelische – fänden das neue Angebot gut, betont Reischl. Neben einer kleinen Kapelle auf dem Gelände sei an Allerheiligen auch eine Gräbersegnung geplant.

Was die Preisgestaltung des neuen Bestattungsbetriebs angeht, erklärt Reischl, dass die endgültige Gebührensatzung noch nicht beschlossen sei. Angedacht sei aber, dass unter einem Baum zwölf Grabplätze entstehen sollen. Je nach Baum sei ein Grabplatz, inklusive kleiner Namensplakette, schon ab 800 Euro zu haben. Einziger Wermutstropfen für manche könnte sein: Grabschmuck ist im Wald nicht gestattet. Kerzen, so Reischl, verbieten sich in einem Wald ohnehin.

Bis allerdings die ersten Verstorbenen im Wald zwischen Hebertshausen und Röhrmoos ihre letzte Ruhe finden, wird es noch ein Weilchen dauern. Parallel zu den Bebauungsplanverfahren in den beiden Gemeinden läuft auch noch ein Verfahren zur Änderung der Flächennutzungspläne. Reischl ist jedoch zuversichtlich, dass in eineinhalb bis zwei Jahren der Wald in Betrieb gehen kann.

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