Heureka, Schönbrunn wird ein normales Dorf

Schönbrunn - Allein das Wort „UN-Behindertenrechtskonvention“ ist schwer verständlich. Ganz schwer wird es, das umzusetzen, was die Delegierten 2008 in New York ausgekartelt haben. Das Franziskuswerk wagt einen Versuch. Vision 2030 heißt das Zauberwort.

Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) sitzt am Tisch und wirkt sehr aufgeräumt. Er freut sich, dass er in seinem Heimatlandkreis das Projekt der Komplexeinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung unterstützen darf - mit Rat (der Bezirk stellt mit Gert Sonntag einen „Moderator“) und Tat (Geld). „Früher“, sagt der Altomünsterer, „hat jeder von Integration gesprochen. Dabei hat man die Menschen zunächst ausgegrenzt und dann wieder eingefangen.“ Jetzt solle es gar nicht soweit kommen, in Zeiten, in denen jeder nur noch von Inklusion spricht.

Franziskuswerk-Geschäftsführer Markus Tolksdorf sitzt am Tisch und strahlt. „Schönbrunn ist auf dem Weg zu einem normalen Dorf“, sagt er. Bei umfangreichen Umbauarbeiten (wir haben berichtet) sind unter anderem kleinere Häuser geplant, in denen beispielsweise Menschen mit Behinderung, Familien oder Senioren unter einem Dach leben. Seine Einrichtung (das Wort Anstalt ist ein Anachronismus) setze die Rechte von Menschen mit Behinderung vorbildlich um. So könnten sie ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben in der Mitte der Gesellschaft führen. Die UN-Delegierten würden frohlocken, könnten sie diese beiden Sätze hören.

Nun hat bei der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention 2008 Deutschland (mal wieder) als eines der ersten Länder geschrien: „Wir machen mit!“ Aber wie setzt man diesen völkerrechtlichen Vertrag in die Tat um? Da ging der deutsche Finger schnell wieder nach unten. Doch im kleinen Franziskuswerk in der oberbayerischen Provinz machten sich die Macher Gedanken. Tolksdorf und sein Team haben sich viele Projekte und Konzepte einfallen lassen. Schon am 30. September beginnt die Umsetzung.

Doch mit welchen Inhalten sind die Projekte und Konzepte gefüllt? Diese Frage blieben Mederer und Tolksdorf schuldig. Tolksdorf immerhin gibt zu, „spleenige Ideen“ zu haben und keineswegs ein fertiges Konzept. Man müsse Fehler machen dürfen, sagt er weiter, und: Alles müsse sich entwickeln. Mederer bringt es auf den Punkt: „Es wird kein Sprint, es wird ein Marathon.“ Immerhin, eines der Projekte, es heißt „München“, wurde herausgepickt. Dahinter verbirgt sich etwa die Suche nach Wohnprojekten und Arbeitsplätzen für Behinderte in der selbsternannten Weltstadt mit Herz.

Gert Sonntag sitzt am Tisch und scherzt: „Heureka, da macht sich eine Einrichtung auf, die erste in ganz Oberbayern zu sein.“ Sonntag, erfahrener Sozialplaner beim Bezirk Oberbayern und Jungrentner, wird als „Moderator“ zwischen Franziskuswerk und Bezirksverwaltung agieren. Schließlich kostet die Vision 2030 mit „50 Millionen plus“ (Tolksdorf) einen Haufen Mäuse. Und der Bezirk als überörtlicher Sozialhilfeträger schießt (in ungenannter Höhe) kräftig zu.

Landrat Hansjörg Christmann sitzt am Tisch und schmunzelt. „Ich begleite das Franziskuswerk nun schon seit 36 Jahren. Ich habe miterleben dürfen, wie sich alles positiv entwickelt hat“, sagt Christmann, der wie Mederer, Tolksdorf oder Franziskanerinnen-Chefin Benigna Sirl dem Beirat angehört.

Mancher Bewohner im Franziskuswerk hat selbst seine Vision 2013: Darf ich nach alledem noch in meinem Haus drinbleiben? Darf er natürlich. Es gibt aber Angehörige, die haben den Vertrag gekündigt. Sie hätten einen Schutzraum für ihren behinderten Verwandten gesucht, und der sei nach der Umgestaltung nicht mehr vorhanden - UN-Behindertenrechtskonvention hin oder her.

Auch interessant

Kommentare