Eine Frau steht auf einem Felsen.
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„Ich konnte die Grenze sehen.“ Kerstin Herrn während eines Ausflugs zwei Jahre vor ihrem Fluchtversuch.

30 Jahre Deutsche Einheit

Kerstin Herrn wurde in der DDR unterdrückt - „Die wollten mir meine Kinder wegnehmen“

Kerstin Herrn war 27 Jahre alt, als sie beschloss, mit ihren beiden Kindern aus der DDR zu fliehen. Ihr Versuch zu entkommen, geht jedoch schief, und sie landet im Gefängnis.

Tandern – „Ich konnte die Grenze sehen.“ Kerstin Herrns Augen leuchten, während sie den Satz sagt. Die gelernte Näherin sitzt in ihrem kleinen Atelier an ihrem Werktisch. Beinahe wäre ihr die Flucht aus der DDR gelungen, erzählt die 58-Jährige. Ihr Blick schweift in die Ferne. „Doch dann kam alles anders.“

Schöne Kindheit

Kerstin Herrn, die in Rückmarsdorf bei Leipzig geboren und aufgewachsen ist, beschreibt ihre Kindheit und Jugend als sehr schön. Ihre Aufmüpfigkeit hätte ihr allerdings schon im Kindesalter Ermahnungen eingebracht. Je älter Herrn wird, desto weniger habe sie die Ungerechtigkeiten und die Willkür, wie das System mit Menschen umginge, hinnehmen wollen. „Die DDR bedeutete für mich Chancenungleichheit und Unterdrückung der Meinungsfreiheit.“

Unter Druck

Im Erwachsenenalter häufen sich dann die Probleme. „Ich hatte ständig das Sozialamt im Nacken“, erzählt die zweifache Mutter. „Die haben mir immer gedroht, meine Kinder wegzunehmen.“ Mit aufgebrachter Stimme fährt sie fort: „Das Jugendamt wollte meine Töchter ins Heim einweisen, als sie herausgefunden haben, dass meine Kinder nicht in Betten, sondern auf Matratzen am Boden schlafen.“

Für die alleinerziehende Mutter ist relativ schnell klar, dass sie nicht länger mit ihren Töchtern in der DDR leben wolle. „Die wollten mir meine Kinder wegnehmen, nur weil ich in ihren Augen keine politisch konforme Bürgerin war“, so Herrn. „Ich hatte es satt, dass ich ständig politisch und gesellschaftlich unter Druck gesetzt wurde.“ Mehrmals stellt sie deswegen einen Ausreiseantrag. Beim dritten Mal habe ihr das Amt allerdings gedroht, sie zu verhaften, würde sie noch einen weiteren Antrag stellen. „,Nötigung der Staatsgewalt’ haben sie das genannt“, erinnert sich Kerstin Herrn zurück und schüttelt den Kopf. Da die Versuche, auf legalem Weg das Staatsgebiet der DDR zu verlassen, letztlich scheitern, sieht die damals 27-Jährige nur einen Ausweg: die Flucht über die Grenze.

Auf der Flucht

Im Spätsommer 1989 wagt Herrn schließlich gemeinsam mit ihren beiden Kinder und einem guten Freund das lebensgefährliche Unterfangen. Ihre Töchter sind zu diesem Zeitpunkt fünf und acht Jahre alt. Gründlich informiert sich die alleinerziehende Mutter, was im Falle eines Scheiterns mit ihren Kindern geschieht. Nachdem sie sich vergewissert hat, dass ihre Kinder zu den Großeltern und nicht in ein Heim kämen, machen sich Herrn und ihr Freund an die Ausarbeitung des Fluchtplans. Die Durchführung überlegen sich die Erwachsenen tagelang. Schließlich wählen sie einen Waldabschnitt bei Leutenberg. Er erscheint ihnen am ungefährlichsten: „An dieser Stelle gab es keine Minen. Mir war es wichtig meine Kinder dadurch nicht in Gefahr zu bringen.“ Um nicht entdeckt zu werden, machen sich die vier in der Abenddämmerung auf den Weg. „Geschlafen haben wir mitten auf dem Waldweg“, erinnert sie sich.

Als sie am nächsten Morgen aufwachen, ist es sehr neblig. Man habe keine 15 Meter weit gesehen. „Das hat uns perfekt in die Karten gespielt. So haben wir es geschafft, unentdeckt zu einem ersten Signalzaun zu kommen. Das war ein drei Meter hoher Stacheldrahtzaun.“ Dennoch schaffen es alle vier unverletzt auf die andere Seite zu kommen. Der Zaun bleibt allerdings nicht unversehrt. „Die Reparatur hat man uns später auch noch in Rechnung gestellt“, beschwert sich Herrn und verdreht dabei die Augen. „Das sagt doch alles über dieses System.“

Aufgeflogen

Nachdem die Vier ihr erstes Hindernis erfolgreich überwunden haben, schleichen sie weiter durch das Sperrgebiet. „Auf einmal habe ich eine Gewehrlauf aufblitzen sehen“, erzählt Herrn. Plötzlich ist sie ganz aufgeregt. Als sie das erzählt, wirkt es fast so, als durchlebe sie jenes einschneidende Lebensereignis noch einmal. Während sie weiter spricht, wird sie immer lauter. Enttäuschung und Ärger klingen in ihrer Stimme mit. „Ich habe noch versucht, meinen Freund zu warnen, aber er war schon zu weit entfernt.“ Oft denkt die zweifache Mutter an diesen Moment zurück und fragt sich, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie ihren Freund noch rechtzeitig hätte warnen können – und sie nicht den Grenzsoldaten in die Arme gelaufen wären.

Ständige Angst, dass die Kinder ins Heim kommen: Kerstin Herrns Töchter Eva (links) und Yvonne im Jahr 1987.

Im Gefängnis

Doch wegen der Unaufmerksamkeit ihres Begleiters fliegt alles auf. „Wir wurden alle verhaftet und in eine Kaserne zum Verhör gebracht.“ Auf dem Weg dorthin habe sie allerdings noch einen kurzen Blick auf die Grenze erhaschen können – im Gegensatz zu ihrem Freund. Denn diesem werden die Augen verbunden. Überhaupt sei das Wachpersonal nicht gerade behutsam mit ihrem Begleiter umgegangen. Vor dem Verhör wird Herrn dann von ihren Kindern getrennt. „Ich hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit, mich richtig zu verabschieden“, sagt Herrn. „Später habe ich dann erfahren, dass meine Töchter tatsächlich zu meinen Eltern gebracht wurden und nicht ins Heim kamen.“ Sie selbst hingegen wandert bis zur politischen Amnestie im Oktober 1989 in Gera in Untersuchungshaft.

Wieder vereint

Am ersten November kommt sie schließlich frei. Noch im selben Jahr reist sie aus der DDR aus und kommt mit ihren Töchtern nach Westberlin. „Ich verbinde die DDR immer mit dem Wissen, dass so viele Menschen zu Tode gekommen sind, nur weil sie woanders leben wollten“, sagt Kerstin Herrn traurig. Groß sei deswegen ihre Freude und Erleichterung am 3. Oktober 1990 gewesen. Zu diesem Zeitpunkt befindet sie sich mit ihren Kindern bereits in Ingolstadt.

Für Herrn persönlich bringt die Wende nicht allein die politische Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten mit sich. Der Mauerfall bedeutet für die zweifacher Mutter in erster Linie das Wiedersehen mit ihren Kindern und die Zusammenführung ihrer kleinen Familie.

Der 3. Oktober 1990 war ein Tag der großen Freude: Kerstin Herrn heute.

Mittlerweile sind ihre beiden Töchter erwachsen und haben selbst Kinder. Seit Anfang dieses Jahres lebt Herrn im Landkreis Dachau und ist dabei, sich in Tandern ein Atelier für maßgeschneiderte Handtaschen einzurichten. Ab und zu fährt sie noch für ein paar Tage in ihre alte Heimat, um ihre Eltern und Schulfreunde zu besuchen.

Verena Möckl

Auch Bernd Rath ist aus der DDR geflohen. 1982 kam er im Kofferraum eines Mazdas in den Westen. Kerstin Hagen, Ines Brames und Britta Huber sind Töchter des Ostens. Später siedelten sie in den Westen über.

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