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Ihre Namen werden Politiker in New York lesen: Die Historikerin Anna Andlauer steht vor einer Tafel mit 185 Kinder-Fotos – es sind die Kinder des UN-Heims von Indersdorf. 

Das Leben nach dem Überleben

Sie schickt Dachauer Ausstellung nach New York 

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Indersdorf/New York – Die Historikerin Anna Andlauer hat es geschafft, dass eine Ausstellung über das ehemalige UN-Kinderheim im Kloster Indersdorf im Hauptquartier der UN präsentiert wird. Es ist eine Ausstellung, die aktueller ist denn je.

Anna Andlauer steht vor einer großen Tafel mit 185 Schwarz-Weiß-Fotos. Die Fotos zeigen Kinder und Jugendliche. Jeder der Mädchen und Buben hält ein Namensschild in die Kamera. Es sind die Kinder von Indersdorf, die auf der Tafel zu sehen sind. 613 jüdische Kinder und Jugendliche, die den Holocaust überlebt hatten, sind zwischen Juli 1945 und Juli 1946 im Kloster Indersdorf (Landkreis Dachau) von einem Team der Vereinten Nationen betreut worden. Es war das erste internationale Kinderzentrum.

Schon bald werden bekannte, internationale Politiker ihre Namen lesen. Im UN-Hauptquartier in New York. Das ist der Verdienst der Historikerin Anna Andlauer aus Weichs. Sie hat sich mit Hilfe der deutschen Ständigen Vertretung dafür eingesetzt, dass dort die Ausstellung „Life after survival“ gezeigt wird. Es ist eine historische Ausstellung – doch sie ist vielleicht brisanter denn je.

Lesen Sie hier das Interview mit der Zeitgeschichtsforscherin Anna Andlauer.

Das Team der UN hat damals viele Kinder betreut, die ein unvorstellbares Schicksal erleiden mussten. „So wie es heute diejenigen tun, die sich um die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kümmern“, sagt Andlauer. „So vieles ist heute identisch mit damals.“ Zum Beispiel die Art der Betreuung und die Bedürfnisse der Jugendlichen. Auf einigen alten Fotos ist die UN-Mitarbeiterin Greta Fischer zu sehen, wie sie den jungen Menschen zuhört oder ihre Geschichten aufschreibt. „Das ist das, was auch heute am wichtigsten wäre: die individuelle Betreuung“, sagt Andlauer und ergänzt: „Es ist wichtig zu schauen, was jeder Einzelne braucht. Wir müssen jedem zuhören. Um zu verstehen.“

Die Weichserin engagiert sich selbst in einem Helferkreis. Sie weiß, wie wichtig es ist, zuzuhören. Aber sie weiß auch, dass es gewisse Regeln braucht. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlich. Damals dachten die Betreuer des UN-Kinderzentrum erst: Diese jungen Menschen haben so Grausames erlebt, jetzt sollen sie tun dürfen, was sie wollen.

Doch schnell zeigte sich: Junge Menschen brauchen Regeln. Deshalb führte Greta Fischer zum Beispiel den Hausarrest ein. Roman Kent hat gegen diese Maßnahme damals ein Protestplakat gemalt. Heute ist er 86, Schatzmeister der Jewish Claims Conference und Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Er lebt in New York, hat die grausame Zeit des Holocausts hinter sich gelassen. Kents Eltern und viele seiner Verwandten verloren in Auschwitz ihr Leben. Er und sein Bruder Leon überlebten die Konzentrationslager Auschwitz und Flossenbürg. Während des Todesmarsches Richtung Dachau wurde er am 23. April 1945 befreit. Auch seine beiden Schwestern hatten den Terror der Nazis überlebt, eine von beiden starb jedoch kurz nach der Befreiung an ihrer Typhus und TBC. Roman Kent kam nach der Befreiung ins Kinderzentrum nach Indersdorf. Anna Andlauer machte ihn Jahrzehnte später ausfindig. 2009 traf sie ihn in Jerusalem. Dort erzählte er ihr von dem Plakat, dass er gegen den Hausarrest gemalt hatte. „Doch er hat gelächelt und gesagt, dass Greta Fischers Strafe bestimmt zu seinem Besten war.“

Anna Andlauer kennt viele der „Kinder von Indersdorf“. Sie lädt sie regelmäßig zu Überlebendentreffen ein. Nicht alle wollten nach Indersdorf zurückkehren. Doch einige von ihnen machten Karriere. Sie wurden Universitätsdekan, Wissenschaftler an der Stanford University, an der London School of Economics, Fotograf oder Autor. Anna Andlauer hat die Aufzeichnungen von Greta Fischer oft studiert. Sie ist überzeugt: „Diese Kinder sind wegen ihres unbedingten Überlebenswillens unendlich stark geworden. Die Hilfe im Kinderzentrum hat ihnen wieder Kraft und Vertrauen in die Welt geschenkt.“

Das ist etwas, das Andlauer auch mit der Ausstellung in New York erreichen möchte. Sie wünscht sich, dass die Menschen, die sich heute für Flüchtlinge engagieren, sehen: „Vor 70 Jahren haben andere geholfen, und es hat sich gelohnt.“ Und auch bei den Politikern, die am 27. Januar zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ins UN-Hauptquartier kommen werden, soll die Ausstellung etwas bewirken. „Ich hoffe, sie erkennen, dass es unbedingt nötig ist, die UN-Hilfsorganisationen mit mehr Geld auszustatten.“ An diesem Gedenktag werden auch viele der Kinder aus Indersdorf nach New York kommen. Jeder soll sehen, was aus ihnen geworden ist. 2005 war es Roman Kent, der angestoßen hatte, aus dem 27. Januar diesen internationalen Gedenktag zu machen. Ihm und vielen anderen Überleben bedeutet es sehr viel, dass diese Ausstellung in New York gezeigt wird. Anna Andlauer weiß das. Deshalb hat sie dafür gekämpft.

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