+
Lebenserinnerungen, Kindergeschichten: Sigmund Kirner hat einiges niedergeschrieben.

„Wir hatten wenig, waren aber zufrieden“

Erinnerungen an die Kindheit im Flüchtlingslager

  • schließen

Dachau - Als Kind lebte Sigmund Kirner in Flüchtlingslagern in Kreis Dachau. Trotz Armut eine schöne Kindheit, findet er. Jetzt schreibt er Erzählungen: Über das Leben in den Lagern und Kindergeschichten.

Ein kleiner Bub mit Mädchenkleid, einem Kopftuch und einer Papierblume im Haar. In der einen Hand hält er einen Fächer, in der anderen seinen kleinen Bruder. Ein wenig ernst und erschrocken schaut der Bub in die Kamera.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirkt: Das Foto ist Zeichen einer schönen Kindheit – trotz widriger Umstände. „Wir waren glücklich“, sagt Sigmund Kirner, 66, ein gestandener Mann mit Bart und lichtem Haar. Kirner ist der kleine Bub von damals. Jetzt möchte er seine Kindheitserinnerungen weitergeben: mit selbstgeschriebenen Geschichten.

Es sind Erinnerungen, die Dachauer Zeitgeschichte lebendig werden lassen. Sigmund Kirner war ein Flüchtlingskind. Seine Mutter war Polin, sein Vater stammt aus einer preußischen Grenzstadt an der polnischen Grenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die beiden in einer Kaserne in Schongau kennengelernt. Von dort ging es für die Familie nach Dachau in das Durchgangslager für Flüchtlinge im ehemaligen Konzentrationslager.

Es war eine magere Zeit. Sigmund Kirner lebte mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Eugen in einem 16 Quadratmeter großen Zimmer, das Essen war einfach und manchmal knapp. „Wir hatten wenig, aber wir waren zufrieden“, erinnert er sich. Die Kinder haben viel draußen gespielt, mit Ästen, Blättern oder Holzstücken.

Das änderte sich auch nicht, als die Familie einige Zeit später ins Auffanglager nach Wagenried gezogen ist. Auch dort gab es fast kein gekauftes Spielzeug. Eine Wundertüte für zehn Pfennig war etwas ganz Besonderes. Als Sigmund Kirner von einem Onkel ein Polizeiauto geschenkt bekam, ging für ihn ein riesiger Traum in Erfüllung. Bei Regen war die Straße verschlammt, das Zimmer, in dem Sigmund schlief, konnte nicht geheizt werden. „Aber wir Kinder waren sehr gut aufgehoben im Lager“, sagt er. Besonders der Zusammenhalt beeindruckt ihn noch heute. „Die Leute waren miteinander verbunden, jeder hat jedem geholfen.“

Im Auffanglager in Wagenried kam Sigmund Kirners kleiner Bruder Rudolf zur Welt. Rudolf und Sigmund – zwei Brüder, die zusammenhielten. Auch als Rudolf schwer krank wurde. Er litt an Epilepsie, hatte manchmal bis zu 20 Krampfanfälle pro Tag. Der kleine Sigmund stand ihm bei: Er übte mit ihm laufen, als Rudolf Probleme damit bekam, und erzählte Geschichten. Geschichten von einem Hundewelpen, der kein Zuhause findet, vom Leben einer Maikäferfamilie oder von einer Wiesenprinzessin. Rudolf starb mit nur 30 Jahren in einem Pflegeheim. In den Kindergeschichten lebt er weiter. Jahrzehnte später hat sie Sigmund Kirner seiner Enkelin Sabrina erzählt. Jetzt ist er in Rente und hat Zeit, sie aufzuschreiben. „Ich mach das für meinen Bruder, es soll ein Andenken an ihn sein“, sagt er.

Kirner ist vor ein paar Jahren nach Riedenburg (Kreis Kelheim) gezogen. Im Herzen bleibt er ein Dachauer. Er hat eine Mappe zusammengestellt. Sieht ein bisschen aus wie eine Bewerbungsmappe, nur dass statt Anschreiben und Lebenslauf rote, gelbe und grüne Blätter in den Klarsichthüllen stecken. Auf manchen sind Lebenserinnerungen niedergeschrieben, auf anderen Kindergeschichten.

Diese Mappen verkauft Kirner. Der Erlös geht an die Organisation Ärzte ohne Grenzen. Kirner geht es nicht darum, Geld zu verdienen. „Ich mache das einfach gerne“, sagt er. Ein wenig Nostalgie ist wohl auch dabei. Auf der Titelseite der Mappe klebt ein Foto: Zwei kleine Buben sind darauf zu sehen. Es ist Fasching, und der ältere der beiden schaut etwas ernst – weil ihm seine Verkleidung als Mädchen nicht gefällt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Pkw kracht in Sattelzug
Wie durch ein Wunder ist der Fahrer eines VW bei einem schweren Auffahrunfall am Mittwochvormittag nicht verletzt worden. Er war in das Heck eines Sattelzuges geprallt, …
Pkw kracht in Sattelzug
Verkehrschaos in Dachau nach Unfall
Nach einem Unfall musste am Dienstagabend die Kreuzung Schleißheimer-/Frühlingstraße eine Stunde lang gesperrt werden - und das im Berufsverkehr. Das Verkehrschaos in …
Verkehrschaos in Dachau nach Unfall
Neuerung am Indersdorfer Faschingsumzug
Am kommenden Sonntag steigt in Indersdorf wieder die größte Veranstaltung für Narren im Landkreis: der Faschingsumzug. Für diejenigen, die bereits auf der Zugstrecke der …
Neuerung am Indersdorfer Faschingsumzug
Moderne Schuhmacher sind Designer und Modeberater
Schuhmacher stellen Schuhe her und reparieren sie. Die Sohle des Damenschuhs wird oft geklebt, die des Herrenschuhs genäht.
Moderne Schuhmacher sind Designer und Modeberater

Kommentare