„Züchter sind leergekauft“

Einsamkeit im Lockdown: Hundekauf boomt - Tierschützerin warnt vor dubioser Masche

Langeweile, Einsamkeit – Gefühle, die im Corona-Lockdown vielen Menschen nicht fremd sind. Viele kommen da auf die Idee: Ein Hund muss her! Doch eine Tierschützerin warnt vor dubiosen Tierhändlern.

Dachau – Vielen Menschen macht die Einsamkeit während der Pandemie sehr zu schaffen - sie besorgten sich einen Hund. Doch was die Vorsitzende des Tierschutzvereins Dachau derzeit erlebt, ist erschütternd: Da sich so viele einen Hund zugelegt haben, sind die Züchter „leer gekauft“, wie Gruber sagt. Deshalb würden die Leute ihre Hunde nun von dubiosen Tierhändlern kaufen.

Silvia Gruber ist seit 40 Jahren im Tierschutz aktiv. Was die Vorsitzende des Tierschutzvereins Dachau derzeit erlebt und vermutlich nach dem Ende der Lockdown-Maßnahmen noch erleben wird, wie sie befürchtet, ist erschütternd. In der Einsamkeit des Lockdowns nämlich kommen viele Menschen auf die Idee, sich einen Hund anzuschaffen. Doch: „Die Züchter sind leer gekauft“, so Silvia Gruber. Also kaufen viele Hundefreunde – notgedrungen – ihre Vierbeiner für wenige Euro aus Kofferräumen von dubiosen Tierhändlern aus dem osteuropäischen Ausland.

Haustier-Boom im Corona-Lockdown: Hundezüchter nicht mehr hinterher

Gerne würde Silvia Gruber den Interessenten, die zu ihr kommen, Hunde vermitteln. Aber die Wunschkandidaten „klein, mittelgroß, jung und gesund“ kann sie derzeit nicht bieten. Sie muss sich um Problemhunde kümmern, die aus schlechter Haltung kommen, vernachlässigt wurden oder andere schlimme Schicksale erlitten haben. „Da werden die Leute dann schon mal aggressiv“, so Gruber. Auch die Züchter können die Bedürfnisse nach einem Hundefreund nicht mehr befriedigen, sie kommen laut Gruber gar nicht hinterher. Und seriöse Zucht sei eben kein Fließbandgeschäft.

Die Tierschützerin kennt den nicht immer zimperlichen Umgang mit Tieren seit Jahrzehnten. Oft würden Tiere angeschafft und drei Stunden vor Urlaubsantritt im Tierheim Dachau abgeliefert. Kranke Tiere sowieso. Die Kosten für die Behandlung wollen viele Tierbesitzer nicht übernehmen, stattdessen wird einfach zum Beispiel nach einer neuen Katze gefragt – im Austausch sozusagen. Über 10 000 Euro allein an Klinikkosten muss der Tierschutzverein monatlich stemmen. Tendenz steigend. „Es ist brutal“ berichtet Gruber, und bekommt dabei Zustimmung vom Deutschen Tierschutzbund.

Hundekauf in Corona-Zeiten: Vierbeiner werden zu Wegwerfware - Tierschützerin warnt vor unseriösen Züchtern

Die Aggressivität, der Egoismus der Menschen und der Umgang mit Tieren als Wegwerfware – er wird in der Pandemie nämlich immer schlimmer. „Hunde sind wunderschöne Partner, wenn sie ins Leben passen“, weiß Walter Kreipl. Er ist bei der Regierung von Oberbayern staatlich vereidigter Sachverständiger für Hunde, die durch aggressives Verhalten oder Gefährlichkeit auffällig geworden sind.

„Es gibt auffällig viele Welpen und viele ,Hundeanfänger’“, so der Hundeexperte. Dass die Welpen nicht alle von seriösen Züchtern kommen können, sei logisch. Kreipl hat selbst viele Jahre gezüchtet und weiß, wie viele Auflagen, Kontrollen und Vorschriften eine seriöse Zucht im Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) auf sich nehmen muss, um gesunde Welpen hervorzubringen.

Davon wollen viele Menschen nichts wissen, es muss einfach nur ein Hund her, egal unter welchen Umständen, so der Sachverständige. Die Hunde würden in einer Spontanaktion angeschafft und dann wie „kleine Menschen“ behandelt. Damit würden „Verhaltensstörungen unbewusst systematisch antrainiert“: Die Hunde würden kein Training, keine Struktur erhalten; und wenn sie unangenehm würden oder das Homeoffice ende, landen sie im Tierheim. „Einfach so“, sagt Kreipl.

Positives Beispiel: Familie schafft sich Hund an - „Es war eine komplette Leere daheim“

Dass es bei der Anschaffung eines Hundes auch anders gehen kann, zeigt das Beispiel der Familie Krolop aus der Gemeinde Schwabhausen. Seit Ende Januar wohnt das neue Familienmitglied Ellie bei der vierköpfigen Familie. Die Trauer über den Tod von Boxerhündin Ayla vergangenes Weihnachten war so groß, dass ein neuer Hund angeschafft werden sollte.

„Es war eine komplette Leere daheim“, erinnert sich Juliana Krolop, als Ayla völlig überraschend in nur wenigen Tagen an einem Hirntumor starb. Bezüglich des neuen Hunds machte sich die Familie viele Gedanken; welche Rasse, welcher Züchter und vieles mehr. Denn Ellie ist ein Australian Shepherd und somit mit einem Boxer nicht zu vergleichen. Wollen wir das, passt die Rasse zu uns?

Bei einem VDH-Züchter hätte die Wartezeit ein bis eineinhalb Jahre betragen. So lange wollte die Familie nicht warten. Aber zu einem „Vermehrer“ zu gehen, widerstrebte den Krolops zutiefst. Durch Zufall kam der Kontakt zu einem Freund in Nordrhein-Westfalen zustande, dessen Australian-Shepherd-Hündin Nachwuchs erwartete. Zwar nicht mit VDH-Papieren, aber eben auch nicht aus dem Kofferraum eines zwielichtigen Tierhändlers. Mehrmals fuhren die Krolops nach NRW, besuchten Hündin und Welpen, lernten den Rüden kennen und entschieden sich dann für Ellie.

Auch wenn Hundeschule und Welpenspielstunde derzeit nicht möglich sind – Ellie wird „rassetypisch ausgelastet“, lernt Grundbefehle und alle kümmern sich. Das wird auch nach der Pandemie so bleiben – die Eltern können teils im Homeoffice bleiben, die Kinder nach der Schule mit Ellie spielen und Gassi gehen. Ellie ist nun ein Teil der Familie – in guten wie in schlechten Zeiten. Die Krolops scheuen keine Kosten und Mühen, um sich zu kümmern.

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(Von Simone Wester)

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