Naum Chejfez erzählt seine Geschichte. cla

Naum Chejfez spricht in Dachau

„Ich habe keine negativen Gefühle mehr“

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Dachau - Als jungen Mann haben die Nationalsozialisten Naum Chejfez inhaftiert und verfolgt. Jetzt ist er aus Weißrussland nach Dachau gekommen, um seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die ein gutes Ende nimmt.

Dachau - Seine Wasserflasche bleibt geschlossen, das Glas leer. Den ganzen Abend. Obwohl Naum Chejfez fast durchgehend spricht.

Doch trinken ist jetzt unwichtig, Naum Chejfez möchte seine Geschichte erzählen. Dafür ist er von Weißrussland nach Dachau gereist. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ist er zurückgekehrt in das Land, in dem er viel Leid erleben musste.

18 Jahre war Chejfez alt, als die Nationalsozialisten 1941 seine Heimatstadt Minsk besetzten. Für ihn als Jude beginnt ein Alptraum.

Heute ist Naum Chejfez 92, er sieht jünger aus. Gemeinsam mit Gabriele Hammermann von der KZ-Gedenkstätte und Dolmetscherin Verena Brunel sitzt er auf der Bühne im Ludwig-Thoma-Haus. Das schwarze Sakko über dem gelben Hemd ist ein bisschen zu groß, vielleicht wirkt er deshalb auf den ersten Blick zurückhaltend.

Er räuspert sich. Dann beginnt er zu erzählen. Sofort zieht er alle Zuhörer in den Bann. Ganz ruhig und sachlich, ohne Bitterkeit in der Stimme, berichtet er von seinen Erlebnissen. Seine Familie war jüdisch. Nachdem in Minsk der Krieg ausgebrochen war, kamen alle in ein Lager. „Als erstes wurde die ältere Schwester umgebracht“, sagt er. Später starben die jüngere Schwester, seine Mutter und sein Neffe. „27 Verwandte von mir sind im Minsker Ghetto umgekommen.“

Naum Chejfez überlebte und wurde in das Konzentrationslager Majdanek deportiert. Er musste Arbeitsdienst verrichten und wurde immer wieder in ein anderes Lager verlegt. Einmal musste er dazu 200 Kilometer laufen. In vier Tagen. Häftlinge, die das nicht schafften, setzten sich auf Fuhrwerke. „Nach einiger Zeit hörte man Maschinengewehre. Dann waren die Fuhrwerke wieder frei.“

Eindrücke, die sich im Kopf festgesetzt haben. Wie der Gestank, als Chejfez im Auschwitzer Lager ankam. „Schon lange vorher lag der Geruch von verbranntem Fleisch in der Luft.“ In Auschwitz teilten die Wärter die Häftlinge. Auf der einen Seite fitte Männer, auf der anderen Frauen, Kinder, Alte. Naum Chejfez kam auf die „gute“ Seite. „Die anderen Menschen wurden in die Gaskammer geführt“, erzählt er. Im Lager gab es ein Symphonieorchester mit Häftlingen. Die Musiker spielten, wenige Meter weiter wurden Menschen ermordet.

Naum Chejfez überstand auch dieses Lager. Er kam nach Hessental und Vaihingen. Dann wurde er im April 1945 mit den Zug ins Konzentrationslager nach Dachau geschickt und dort für kurze Zeit in Karlsfeld inhaftiert. Arbeiten musste er nicht mehr, es war absehbar, dass die Nationalsozialisten den Krieg verlieren würden. „Kein Häftling und kein Kriegsgefangener sollte lebend in die Hände der Alliierten gelangen“, berichtet Naum Chejfez. Mit den anderen Insassen wurde er mit dem Zug Richtung Tirol fortgebracht. Nach vier Tagen befreiten die Alliierten die Häftlinge.

Ein Glücksgefühl, dass er in seinem Leben nur noch einmal erleben sollte: Als er seinen Vater wiederfand, der ebenfalls überlebt hatte. „Mir wurde schwarz vor Augen, ich bekam beide Male einen richtigen Anfall.“ Nach der Befreiung kam Naum Chejfez in ein Militärkrankenhaus und musste Militärdienst ableisten. Mit Deutschland wollte er nichts zu tun haben. „Wenn ich im Radio ein deutsches Wort gehört habe, ist mir die Seele zersprungen.“

Heute ist das anders. „In Ihrer Stimme ist keine Anklage. Haben Sie den Menschen vergeben?“, fragt eine Zuhörerin. Die Antwort ist Naum Chejfez wichtig, er nimmt sich Zeit, spricht lange. Dolmetscherin Verena Brunel macht ununterbrochen Notizen. Am Ende atmet sie tief durch. Sie lächelt. „Er hat etwas Schönes gesagt“, sagt sie.

Dann beginnt sie zu übersetzen: „Ich habe keine negativen Gefühle mehr und viele Freunde in Deutschland. Und eine Freundin sitzt ganz nah neben mir.“ Verena Brunel, die Dolmetscherin. Sie umarmt Naum Chejfez, gibt ihm einen Kuss. Naum Chejfez hat seine Geschichte fertig erzählt. Sie hat doch noch ein gutes Ende gefunden.

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