„Wütend, von Anfang an“: Ernst Sillem spricht im neben Gabriele Hammermann über die deutschen Besatzer. km

„Ich hatte Glück“

Dachau - Als junger Mann sprühte er Slogans gegen die deutschen Besatzer an die Schulwand. Mit 19 Jahren kam er ins KZ. Und trotzdem empfindet Ernst Sillem keinen Hass.

Ernst Sillem spricht ruhig, untermalt seine Worte mit sparsamen Bewegungen. Ab und zu sucht er nach Worten in der ungewohnten deutschen Sprache, dann stockt er, gestikuliert, lacht. Überhaupt lacht er viel, der weißhaarige 90-Jährige. Wenn man ihm zuhören würde, ohne die Sprache zu verstehen, so würde man seine Geschichte für Lausbubenerzählungen halten, für liebgewonnene Anekdoten aus glorreicher Vergangenheit.

Doch die Vergangenheit, von der Sillem im bei dem Zeitzeugengespräch im Besucherzentrum der Dachauer KZ-Gedenkstätte berichtet, ist alles andere als glorreich. Mit 19 Jahren wurde der gebürtige Niederländer bei einem Fluchtversuch nach England aufgegriffen, über die Konzentrationslager Amersfoort, Vught und Natzweiler führte ihn sein Weg nach Dachau. Und nun ist er zurückgekommen. Um zu erzählen.

Ernst Sillem hatte einst gar nichts gegen die Deutschen. Erst als sie 1940 in die Niederlande einfielen, war er „wütend, von Anfang an“. Und beschloss, alles zu tun, um die Eindringlinge wieder loszuwerden. Schon als Gymnasiast bescherte er daher der gesamten Schule eine Woche Ferien, indem er die Wände heimlich mit anti-deutschen Slogans beschriftete. Obwohl die Schule nicht betreten werden durfte, sprach die Tat sich herum: „Das machte mich schon ganz zufrieden“, erzählt Sillem lächelnd.

Irgendwann reichten die „kleinen ekelhaften Sachen gegen Deutschland“ ihm aber nicht mehr. Mit einem Freund beschloss er daher, im Kanu die Überfahrt nach England zu wagen und sich dort der Armee anzuschließen. Als sie in Seenot gerieten, spielte der Freund auf der Trompete das SOS, um die nahen deutschen Vorposten auf das kenternde Gefährt aufmerksam zu machen. Die wurden aufmerksam - und für die Flüchtenden begann eine Odyssee, die sie bis ins KZ Dachau führen sollte.

Über die folgenden drei Jahre hat Sillem viele Geschichten zu erzählen, eine davon trauriger als die andere: Von den „Hühnerställen“ in Amersfoort, in denen man nur stehen konnte. Von dem Kameraden, der in Natzweiler nur ein paar Meter weiter bei einem Unfall in der Steingrube ums Leben kam. Davon, wie er einmal mit einem Eisenkessel auf dem Rücken und in Holzschuhen eine spiegelglatte Straße hinauflaufen musste - wer sich umdreht, wird erschossen. Und vom Hunger, der „die Kruste der Zivilisation abschabt, bis nur noch das nackte Tier übrig bleibt“.

Wie er all das überlebt hat? „Ich hatte jedes Mal Glück“, erzählt Sillem und grinst. In Natzweiler wurde er zum Elektriker, damit war er von der Arbeit im Steinbruch befreit und konnte gelegentlich das Lager verlassen. Die Befreiung im April 1945 erlebte er in der Typhusbaracke des KZ Dachau: „eine große Freude“. Hass habe er hingegen nie empfunden. „Ich bin nicht ihr Richter“, erklärt er. „Das müssen sie selbst mit ihrem Gewissen ausmachen.“ Auch nach Dachau kommt er immer wieder gern zurück: Weil die Leute ihm zuhören, wenn er erzählt.

(km)

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