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„Ich hatte Selbstmordgedanken“

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Sein Weg ist das neue Katechumenat: Angesichts der anstehenden Pfarrverbandsgründung muss Pfarrer Bernhard Rümmler deshalb mit Problemen rechnen.  Foto: hab
Sein Weg ist das neue Katechumenat: Angesichts der anstehenden Pfarrverbandsgründung muss Pfarrer Bernhard Rümmler deshalb mit Problemen rechnen. Foto: hab

Karlsfeld - Die beiden katholischen Pfarreien in Karlsfeld sollen zu einem Pfarrverband verschmelzen. Ein langwieriger und mühsamer Prozess. In Karlsfeld kommt noch ein Problem dazu: der in der Pfarrei St. Anna stark verbreitete neokatechumenale Weg. Mitglieder von St. Josef verließen aus Protest einen Gottesdienst.

Rückwärtsgewandt, dogmatisch, abgeschottet, glauben statt wissen, sogar sektenähnlich. Dies und noch viel mehr werfen zahllose Kritiker - auch aus den Reihen der Kirche - dem Neokatechumenat vor. Auch, dass dieser besondere Weg der Glaubensverkündung viele Pfarreien spalte.

Bis vor wenigen Monaten hatten St. Anna und St. Josef je einen Pfarrer. Bernhard Rümmler ist seither für beide Pfarreien zuständig. Er soll die Pfarrverbandsgründung leiten. Und er folgt dem neokatechumenalen Weg. Bei einer ersten gemeinsamen Versammlung beider Pfarreien Anfang Februar sagte er: „Das Neokatechumenat hat mir das Leben gerettet!“

Rümmler wurde 1954 in Pirmasens geboren. Der Vater war Soldat, wurde häufig versetzt, die Familie zog ständig um. Das Elternhaus war durchaus katholisch, Sohn Bernhard wurde Ministrant, arbeitete in der Pfarrjugend mit. Mit 18 stellte er jedoch die Sinnfrage: Was machst Du, Gott, für mich? Rümmler fand keine Antwort. „Ich stürzte in eine tiefe Krise“, erinnert er sich. Für seinen weiteren Lebensweg hatte er recht genaue Pläne. Er wollte heiraten, „fünf Kinder“ und einen normalen Beruf. Rümmler begann bei Krauss Maffei eine Ausbildung, wurde Bürokaufmann. Eine Partnerin fand er nicht. Trotz aller Gebete. Rümmler gesteht heute offen: „Ich hatte massive Selbstmordgedanken!“

Ein Bekannter nahm ihn mit zu einer Glaubenverkündigung einer kleinen Gemeinschaft einer Münchner Pfarrei. „Ich ging beim ersten Mal anstandshalber mit“, so Rümmler. Doch in diesem Kreis fand er, was er suchte. „Ich habe Gott wirklich gehört, hatte wieder Freude am Leben. Meine Selbstmordgedanken waren weg.“

Rümmler beschritt den Weg weiter und hatte wenig später ein „Berufungserlebnis“, wie er es nennt. „Ich kann es nicht beschreiben, ich kannte mich in diesem Moment selbst nicht.“ Aus der Berufung wurde der Beruf: 1992 wurde Rümmler zum Priester geweiht.

Das Neokatechumenat ist in Karlsfeld nichts Neues. „In St. Anna gibt es das seit 27 Jahren.“ Unter seinem Vorgänger, Pfarrer Robert Krieger, bildeten sich kleine Glaubensgemeinschaften, wie sie für den neokatechumenalen Weg charakteristisch sind. Vier sind es, sie haben 15 bis 40 Mitglieder jeden Alters. Viele Gläubige kommen wegen des Neokatechumenats aus umliegenden Pfarreien nach Karlsfeld.

Rümmler verteidigt das Neokatechumenat, das er selbst lieber „neues Katechumenat“ nennt. Wie ein glühender Missionar wirkt er aber keineswegs. Häufig zitiert er Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, wenn er über den neuen Weg spricht. Dass es in einer zunehmend von der Säkularisierung geprägten Gesellschaft immer schwieriger werde, „die frohe Botschaft zu verkünden“. Dass die Menschen nicht mehr in die Kirche kämen. Und dass es deshalb immer wichtiger werde, sich des eigenen Glaubens zu vergewissern. Marx schrieb: „Es geht um eine neue Evangelisierung, einen neuen Weg des Glaubens.“

Diesen Weg will aber nicht jeder mitgehen. Das wurde bei einem Sonntagsgottesdienst in St. Josef spürbar. Einige Mitglieder der St.-Anna-Gemeinschaften stellten sich vor dem Altar auf, erzählten lang und wortreich von ihren Glaubenserfahrungen und wollten zu einer Glaubensverkündigung einladen - ähnlich der, die einst Rümmlers Leben schlagartig veränderte. Die Reaktion vieler erboster Kirchenbesucher: Sie standen auf und verließen die Kirche.

Rümmler sagt, dass die Leute gegangen seien, weil der Gottesdienst zu lange gedauert habe, räumt aber auch ein, dass die Aktion unglücklich verlaufen sei. Er betont, dass er Pfarrer für alle sein wolle, „auch für Evangelische oder Moslems“. Rümmler: „Das neue Katechumenat ist ein Weg. Aber er ist nicht der einzige!“

Thomas Leichsenring

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