„Bergenbelsen war eine Todesmaschine“: Der Zeitzeuge Witold Scibak sprach offen von der schrecklichen Zeit in den Konzentrationslagern. reg

„Ich war kein freier Mensch mehr“

Dachau - Der Zeitzeuge Witold Scibak hat in der KZ-Gedenkstätte Dachau von seiner Zeit als jugendlicher Gefangener in Konzentrationslagern erzählt.

Witold Scibak ist es gewohnt, vor einem großen Publikum zu sprechen. Jahrelang war er Dozent an einer technischen Hochschule in Polen. Doch an diesem Tag ist alles anders. „Verzeihen Sie mir bitte, dass ich etwas nervös bin“, sagt der 86-Jährige. Denn in der Dachauer KZ-Gedenkstätte erzählt Witold Scibak heute seine Geschichte. Seine Vergangenheit. Er war als Jugendlicher in drei Konzentrationslagern.

Es ist das erste Mal, dass er an den Ort des Schreckens zurückkehrt. „Die Leichenberge wurden immer von Stunde zu Stunde größer, ich gab die Hoffnung auf.“ Bilder und Erinnerungen, die Witold Scibak niemals loslassen werden. Er war gerade einmal 15 Jahre alt, als er vom KZ Sachsenhausen in Oranienburg nach Bergenbelsen verschleppt wurde. „Im Vergleich zu Bergenbelsen war das Konzentrationslager in Oranienburg wie eine Kur.“ Er war ganz allein. Seine Schwester, seine Mutter, sein Vater, sie alle waren in anderen Konzentrationslagern untergebracht. Witold Scibak wusste nicht, ob es ihnen gut geht. Ob sie noch leben. „Ich wollte mir schon das Leben nehmen. Einfach zu nah an den Zaun laufen und mich erschießen zu lassen“, erinnert sich der 86-Jährige. Am schlimmsten für ihn waren die Bestrafungen auf dem Appellplatz. „Wer etwas falsch gemacht hatte, musste sich nackt über einen Bock knien und wurde mit dem Gürtel ausgepeitscht“, sagt er. „Wir alle mussten dabei zu sehen.“ Es gab kein Essen, kein Schlaf, „Bergenbelsen war eine Todesmaschine.“

Doch Witold Scibak hat Glück. Eines Tages gab es eine erneute Zählung. „Wer noch in der Lage war, zu stehen, reihte sich in die Schlange ein.“ Jeder, der arbeiten konnte, wurde in das Außenlager des KZ Dachau nach Augsburg geschickt. Auch Scibak. Dort arbeitete er zwölf Stunden am Tag für die Firma Messerschmidt: Gefangener Nummer 144567. Er war längst kein Jugendlicher mehr. Witold Scibak war nicht mehr als die Nummer auf seiner Kleidung. „Ich war kein freier Mensch mehr.“

Eines Tages musste er nicht mehr zum Arbeiten antreten - die Alliierten rückten immer näher. Die SS-Kommandanten trieben die KZ-Häftlinge zusammen und marschierten mit ihnen los. „Heute weiß ich, dass es ein Todesmarsch war“, erzählt Scibak heute. Doch er und seine Kameraden werden gerettet. „Als wir den Panzer und die Amerikaner gesehen haben, konnten wir unser Glück gar nicht fassen“, sagt der Warschauer. „Für die Amerikaner muss das ein schlimmes Bild gewesen sein. Wir sahen wie lebende Skelette aus.“ Tränen rollten den amerikanischen Soldaten über das Gesicht, als sie die KZ-Gefangenen umarmten. „Plötzlich hatte ich meine Freiheit wieder. Ich war wieder ein Mensch.“

Auf dem Weg nach Schwabmünchen nahm sich Witold Scibak ein Bettlaken von der Wäscheleine eines Gasthauses. Daraus machte er sich einen Rucksack, um Essen zu transportieren. Das erste und letzte Mal, dass der 86-Jährige etwas in seinem Leben geklaut hat. „Als ich jetzt zum ersten Mal zurück nach Deutschland gekommen bin, war es mir sehr wichtig, zu diesem Gasthaus zurückzukehren.“ Denn: „Ich habe mich dafür entschuldigt, dass ich das Bettlaken geklaut habe.“ Witold Scibak erzählt diese Geschichte, weil er nicht möchte, „dass mein Vortrag heute nur traurig ist“. Er wollte auch etwas Lustiges erzählen.

Und dann kommt noch etwas Schönes. Scibak erzählt von dem Moment, in dem er im Kloster Indersdorf eine wunderbare Nachricht erhalten hat: Auch seine Familie hatte überlebt.

(reg)

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